„Wie gefährlich sind depressive Menschen?“*

Vor einer Woche ist eine German Wings-Maschine in den französischen Alpen abgestürzt. 150 Menschen sind gestorben. Anscheinend hat der Co-Pilot die Katastrophe vorsätzlich herbeigeführt. Anscheinend litt er unter Depressionen und war Jahre zuvor suizidgefährdet. Und jetzt diskutieren die deutschen Medien, die sich während der ganzen Berichterstattung ohnehin nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, über die Gefahr von Menschen mit psychischen Krankheiten. Das ist leider kein Aprilscherz.

Bei mir haben in den vergangenen Jahren nur wenige medientechnische Dinge ein so unbehagliches Gefühl ausgelöst wie diese Schlagzeilen.

Ja, der Co-Pilot hatte ganz sicher Probleme, wenn er vorsätzlich dieses Flugzeug zum Absturz gebracht und 150 Leute mit in den Tod gerissen hat – aber der gemeine Depressive neigt eher nicht zu solchen Aktionen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Bis jetzt weiß niemand, warum Andrea L. beschlossen hat, das Flugzeug abstürzen zu lassen. Es gibt keine bewiesene Verbindung zwischen seinen Depressionen und dem Flugzeugabsturz, und wenn man sich die gewöhnlichen Symptome bei Depressionen anschaut, war seine Depression nicht der Grund dafür, dass er nicht nur sich selbst, sondern auch 150 andere Menschen umgebracht hat.

Und jetzt gibt es wilde Spekulationen, wie weitere Tode durch depressive Menschen verhindert werden können.

Nun, liebe Medien, das ist ganz einfach: Keine Panik schüren! Keine Hexenjagd starten! Diejenigen, die gemeinhin durch die Hand von Depressiven sterben, sind in der Regel die Depressiven selbst. Durch Selbstmord. Und in der Regel nehmen sie keine weiteren Menschen mit. Und wenn man sie nicht durch Vorurteile und Stigmata einschüchtert, haben sie die Möglichkeit, sich Hilfe zu suchen und Alternativen zum Freitod zu finden.

Glücklicherweise versuchen einige wenige Zeitungen trotzdem, ihre Leser ordentlich darüber zu informieren, dass Depressionen nur sehr unwahrscheinlich der Grund für die Flugzeugtragödie waren. Dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht per se gefährlicher sind als „gesunde“ Menschen. Aber Bild und Co, mit ihren widerlichen Schlagzeilen, beschwören immer wieder Horrorszenarien und schüren Ängste. Und leider lesen furchtbar viele Leute diesen Müll.

Es wird zu wenig darüber aufgeklärt, dass Depressionen vermutlich nullkommagarnix mit der Tat des Piloten zu tun haben. Psychologen insistieren weiterhin, dass er vermutlich zusätzlich zu seinen Depressionen noch an etwas anderem gelitten hat, dass Depressionen alleine niemanden in einen Massenmörder verwandeln, aber diese Stimmen sind viel zu leise. Sie verschwinden zwischen den spektakulären, clicks-lockenden Schlagzeilen a la „WIE GEFÄHRLICH SIND DEPRESSIVE MENSCHEN??????“

Als wäre es nicht schon schwer genug, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Es ist schwierig, darüber zu sprechen, weil man immer noch stigmatisiert wird. Man riskiert, als „faul“, „verrückt“, „gefährlich“ abgestempelt zu werden, oder aber die Probleme werden gar nicht erst ernst genommen. Wenn man es wagt, offen darüber zu sprechen, erntet man oft ätzende Reaktionen. Wenig hilfreich ist auch, dass „psychische Erkrankung“ als ein einziger, riesiger Komplex betrachtet wird, egal, ob wir es nun mit Depressionen (und wenn ja, was für eine), bipolarer Störung (und wenn ja, welche); Schizophrenie, Angststörungen, Essstörungen oder was auch immer zu tun haben. Es wird alles in einen Topf geworfen, mit dem sich die Leute lieber nicht beschäftigen wollen.

Wenn ein Robert Enke oder ein Robin Williams Selbstmord begeht, sind alle furchtbar schockiert und betroffen. „Wir müssen mehr über Depressionen reden“, heißt es dann, „so viele Leute leiden darunter und haben Angst, darüber zu sprechen.“ Ja, verdammt, so sieht’s aus. Und es ist traurig genug, dass es immer den Selbstmord eines Prominenten braucht, damit sich die Leute daran erinnern. Zwischenzeitlich schien sich die Lage ein wenig gebessert zu haben. Betroffene haben sich sicherer gefühlt, hatten mehr Mut, über ihre Probleme zu sprechen und sich Hilfe zu suchen.

Und jetzt projizieren die Medien, die dieser Tage einen grauenvollen Job erledigen mit ihrer Copy-and-Past-statt-ordentlicher-Recherche-und-verletzen-wir-ruhig-den-Pressekodex-und-bedrängen-dieAngehörigen-der-Opfer-und-nehmen-ihnen-jede-Privatsphäre-Einstellung, die Taten eines Mannes, dessen Depression höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mit seiner furchtbaren Tat zu tun hatte, auf all jene, die es ohnehin schon schwer genug haben, mit ihren Erkrankungen zurecht zu kommen, ohne dass sie eine öffentliche Verurteilung fürchten müssen. Wahrscheinlich geht es nur darum, zu schockieren, um Clicks, um Geld. Zum Kotzen. Großes Tennis, Applaus.

Es spielt absolut keine Rolle, dass die Zeitungen ihre bescheuerten Schlagzeilen in den Artikeln wieder relativieren. Die Schlagzeilen bleiben im Kopf und pflanzen neue Ängste in die Köpfe der Leser. Zumindest tun sie nichts, um vorhandene Ängste abzubauen. Bis jetzt GIBT es schlichtweg noch keine Antwort auf die Frage, warum Andreas L. das Flugzeug hat abstürzen lassen, und trotzdem behandeln die Medien die Enthüllung seiner Depressionen als Grund. Da hat man ja dann etwas, worauf man zeigen und schimpfen kann. Die Erkrankung wird zum Sündenbock in einem Netz aus unbestätigten Spekulationen. Ohne die exzessive Medienberichterstattung über ein Phantom hätten die Leser vermutlich keinen Gedanken daran verschwendet, ob es eine Verbindung zwischen Depressionen und dem Mord an 150 Menschen gibt. Weil es in der Regel KEINE VERBINDUNG GIBT.

Für diese beschämende Berichterstattung bezahlen diejenigen, die an psychischen Erkrankungen leiden. Neue Stigmata bedeuten neue Angst, über die Probleme zu reden. Nicht über die Probleme zu reden (und Angst und Scham) kann Suizidgedanken schüren. Und jetzt diskutieren die Leute darüber, ob die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden soll – wo doch Ärzte bisweilen die einzigen sind, mit denen Betroffene offen reden können.

Psychische Erkrankungen werden sehr oft stigmatisiert oder belächelt. Zu einem gewissen Grad verständlich, schließlich kann jemand, der solche Erkrankungen nicht am eigenen Leib erfahren hat, nicht verstehen, wie schlimm es ist. Es geht einfach nicht. Und weil es nicht geht, sind so viele unwissende Menschen entweder abgestoßen oder verängstigt oder machen sich über das ganze Thema lustig (gerade bei Depressionen heißt es dann oft: „Reiß dich mal zusammen, es ist doch nicht so schwer, morgens aus dem Bett zu kommen“, oder „ja, als ich in deinem Alter war, war ich auch oft angepisst“ – viel Unwissenheit und Ignoranz).

Deswegen ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die an psychischen Erkrankungen leiden, darüber reden dürfen. Weil der Schmerz, das Leiden, die Angst sehr real sind – oft sogar unerträglich.

Ich bin sehr sensibel bei diesem Thema weil ich selbst manchmal und diverse Familienmitglieder immer noch gegen Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Schlimmeres ankämpfen. Das ist zwar furchtbar, aber wenigstens wissen wir, dass wir, wenn es uns nicht gut geht, Verständnis in der Familie finden, wenn unsere Partner oder Freunde mangels Erfahrung nicht dazu in der Lage sind. Wir haben alle schon Erfahrungen mit dummen Reaktionen gemacht; für uns haben wir ein Sicherheitsnetz. Aber ich kenne genug Leute, bei denen es ganz anders ausschaut. Die jahrelang kämpfen mussten, um zumindest in der eigenen Familei nicht mehr verurteilt zu werden. Und manchmal klappt nicht einmal das. Wirkliches Verständnis und vollständige Rückendeckung sind seltene Güter.

So, wie die Medien momentan Depressionen und psychische Erkrankungen behandeln, richten sie nicht nur großen Schaden an, sondern handeln schlichtweg unverantwortlich. Die Selbstmorde von Robert Enke und Robin Williams waren traurig und schockierend, aber sie haben die Gesellschaft zumindest dazu gebracht, ein klein wenig mehr Empathie zu zeigen, Betroffene ermutigt, Hilfe zu suchen. Die Reaktionen von damals waren ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir dürfen jetzt nicht drei Schritte zurück machen. Psychische Erkrankungen sind schon für sich genommen beängstigend genug für jene, die darunter leiden. Sie auch noch mit Stigma, Verurteilungen und einer Hexenjagt zu dekorieren, kostet am Ende Leben. Und vielleicht bin ich taktlos, wenn ich es so sage, aber jährlich nehmen sich weit mehr als 150 Leute das Leben, weil sie ihr Leiden nicht mehr ertragen können und zu viel Angst haben, sich Hilfe zu suchen. Lasst nicht andere Leute für die Taten eines Mannes bezahlen. Es ist wichtig, unvoreingenommen zu bleiben und Empathie und Mitgefühl zu zeigen, und es ist der verdammte Job der Medien, in dieser Sache Aufklärung zu leisten statt weitere Ängste zu schüren.

 

*Ursprünglich in englischer Sprache auf meinem alten Blog gepostet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s