Die Blutgräfin

Letztes Jahr wurde meine Kurzgeschichte „Kalte Spiegel“ in der Anthologie „Die Damen der Geschichte“ im Art Skript Phantastik Verlag veröffentlicht. In den Rezensionen lag der Fokus immer auf Kaiserin Elisabeth (jaa, Sisi), die ja auch tatsächlich meine Protagonistin ist. Sie ist aber nicht die einzige historische Dame: An ihrer Seite agiert Erzsébet Báthory, eine ungarische Gräfin, die kurz vor Halloween immer wieder große Popularität genießt. Sagen wir es filmgenremäßig: Wo die verklärte und verkitschte Version von Sisis frühen Jahren die Romanzen-Liebhaber anlockt, ist Bathory ein Leckerbissen für Horrorfans.

Alžbeta_Bathory

In meiner Geschichte geht es unter anderem darum, dass die beiden Elisabeths jeweils auf ihre eigenwillige Art ihre Obsessionen mit Jugend und Schönheit pflegen (nun, bei Sisi weiß man es, bei Báthory gehört der Schönheitskult zur Legendenbildung). Vielleicht ist es albern, aber ich freue mich, dass Youtuberin Loepsie (ungefähr die einzige ihrer Berufssparte, der ich regelmäßige Besuche abstatte), in ihrer Beauty Beacons-Reihe nicht nur Sisi, sondern, als Halloween-Special, auch Erzsébet Báthory abgedeckt hat. Immerhin gibt es nicht besonders viele Portraits von Báthory, und wie Loepsie selbst sagt, eigentlich kann man sie nicht wirklich als „Beauty Beacon“ bezeichnen. Trotzdem bringt man Schönheit mit dieser Frau in Verbindung. Der Löwenanteil des Videos ist wunderbarerweise nicht das Tutorial, sondern der Hintergrund. Die gute Loepsie erzählt in etwa das, was ich mir damals bei der Recherche für meine Geschichte ebenfalls zusammengesucht hatte.

Die Quellenlage zur historischen Báthory ist ziemlich schwammig. Es gibt zahlreiche Geschichten, Mythen und Interpretationen, bis hin zur Vermutung, dass ihr die Gräueltaten im Zuge von politischen Intrigen angedichtet wurden. Andererseits sagten 300 Zeugen zu ihren Ungunsten aus und es wurden Leichen, verstümmelte Frauenkörper und andere grausige Sachen in den Kerkern ihres Schlosses entdeckt. Vielleicht ist es gerade die Unklarheit, die Báthory zu einer faszinierenden Persönlichkeit macht (eine von diesen gräulich-schauerlichen Persönlichkeiten, wohlgemerkt) – es gibt ja immer noch die beruhigende Möglichkeit, dass nichts von alldem wirklich passiert ist. Und wenn doch: Monster faszinieren die Menschen. Ganz besonders menschliche Monster. Zwar hat Báthory weder das Blut ihrer Mägde getrunken noch darin gebadet, um ewig jung und schön zu bleiben, und ich wage auch stark zu bezweifeln, dass sie ein Vampir war (auch wenn diese Variante natürlich der Phantasie wundervoll viel Spielraum lässt 😉 ), aber eine Frau, die aus blankem Sadismus mordet und foltert ist, ist auch so abstoßend und faszinierend zugleich. Und ich betone hier „Frau“. Nicht ohne Grund wird die Dame in Literatur, Film und Musik so oft verarbeitet, und es trifft sich nun einmal ganz praktisch, dass man Erzsébet „Die Blutgräfin“ Báthory thematisch so gut Vlad „Dracula“ dem Pfähler gegenüberstellen kann. Darüber, dass man ihr andichtet, aus reiner Eitelkeit gemordet und gefoltert zu haben, könnte man ebenfalls mehrere Bücher füllen.

Natürlich ist es abgedroschen, eine Mörderin gleich zum Vampir zu hypen. Aber so eklig es auch ist, ich mag die Báthory-als-Vampir-Interpretation sehr gerne. Ewige Schönheit ist ein so makelhaftes, eitles, fürchterliches Motiv, dass es auf seine eigene irre Weise spannender ist als bloßes ewiges Leben. Oder Liebe mit Glitzervampiren, die von ganz allein atemberaubend schön sind.

Noch ein Hauch persönliche Nostalgie zum Thema Báthory:
Vor 6 Jahren ging ich zum ersten und einzigen Mal mit Freundinnen an Halloween tanzen. In Vampirkluft, mit falschen Eckzähnen, die verflixt noch mal nicht im Mund bleiben wollten! Es hat uns in die Matrix verschlagen, eine wunderbare Örtlichkeit im Ruhrgebiet, wo man bei guter Musik tanzen und headbangen kann. Nachdem wir uns im Auto auf dem Parkplatz also ordentlich mit Kunstblut vollgeschmiert und den Versuch, die Reißzähne anzubringen, aufgegeben hatten, stiegen wir aus und reihten uns in die Warteschlange vor der Tür ein. Das Ambiente war nett: Grünes, rotes und violettes Lichtergeflacker, Holzfässer, die als Stehtische dienten, eine Soundscape aus Geschrei und Gelächter. Eine verkleidete Dame ging mit einem Tablett und einer jungen Maid am Halsband herum und verteilte Schnappspinnchen. Uns drückte sie die rote Spirituose mit einem zischelnden „Trinkt das Blut, solange es noch warm ist!“ in die erstaunten Patschhändchen. Dann ergab plötzlich auch die schrei-lach-knarzige Geräuschkulisse Sinn und ich erinnerte mich vage an etwas, das ich Wochen zuvor auf der Matrix-Homepage gelesen hatte: Themenabend. Die 5 Floors wurden in dieser Nacht zu den „Folterkammern der Blutgräfin“, die Dame mit dem Schnaps mimte wohl die Gräfin und die Magd am Halsband hatte, entsprechend der Narration, wohl auch nicht mehr lange zu leben. Halloween war 2009 also ein Bathory-Themenabend, samt verstörender Videoinstallation oben im Café. Cool war es trotzdem. Wir hatten viel Spaß und nicht allzu viel Schlaf in dieser Nacht 🙂

In diesem Sinne, einen schönen Rest-Sonntag!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s