1. Dezember

13-01

Nebelschwaden krochen zwischen den Ständen umher, schrille Weihnachtslieder woben sich in das regelmäßige Klackern von Uhrwerken, der Duft von Zuckerwatte und Lebkuchen verband sich mit dem Aroma von Schmieröl und Blech. Es war der merkwürdigste Weihnachtsmarkt, den Charles Sweeney je besucht hatte. Allerdings war er auch erst sechs. Seine Erfahrungswerte taugten daher nicht besonders viel, und dies war schließlich der erste deutsche Weihnachtsmarkt, den der kleine New Yorker besuchte.

Während er sich vor einem automatisierten Engel erschreckte, der einen Heidenlärm mit seinen Messingflügeln veranstaltete und ein schepperndes „Frohe Weihnachten, frohe Weihnachten!“ durch seinen starren Metallmund presste, steuerte Sweeney Senior zielstrebig auf einen kleinen Stand zu, der, wie das schwere Messingschild verkündete, „Saccharinus Leibnitz‘ wundersames Backwerk“ präsentierte.

„Dad, warte!“ Eilig stolperte Charles seinem Vater hinterher und rannte ihm stracks in die Waden, als er mit leuchtenden Augen vor dem Stand stehenblieb, wo gerade ein dicklicher Herr mit Schnurrbart und Monokel zwei schwarzhaarigen Damen seine Maschine erklärte. Charles‘ Deutsch war gut genug, um ihn zumindest bruchstückhaft zu verstehen. Eine österreichische Nanny hatte eben doch ihre Vorteile.

„… aber probieren sie doch zuvor von der Teigmasse, damit sie vergleichen können!“ Er hielt den Frauen eine Schüssel unter die Nase. Die größere von ihnen stibitzte eine Zeigefingerkuppe des mürben, hellen Teigs und ließ ihn sich auf der Zunge zergehen. Die kleinere nahm ebenfalls eine Portion, betrachtete den Teig jedoch erst einmal skeptisch.

„Kannst du das überhaupt essen, meine liebe Erzsébet?“, fragte die größere Frau. „Nicht, dass du wieder Magenprobleme bekommst. Mit deiner Dauer… ähm… -diät…“

Die Kleinere lächelte so bezaubernd zurück, dass ihre spitzen Eckzähne aufblitzten. „Aber, aber, meine liebe Titania, bald ist doch Weihnachten, da darf man sich etwas gönnen!“ Sprachs und ließ den Teig in ihrem Mund verschwinden. Auch Charles und sein Vater probierten. Der Teig schmeckte wunderbar würzig, aber eben… roh.

Indes hatte Saccharinus Leibnitz den Teig in eine große Öffnung der Maschine gefüllt. „Alles vollautomatisch und blitzschnell“, rief er, während er einen großen roten Knopf drückte. „Und nach nur dreißig Sekunden Backzeit erhalten Sie nicht nur eine schmackhafte Leckerei für den Advent, sondern auch einen ganz besonderen Augenschmaus!“

Der Apparat klingelte; eine Klappe, einer Backofentür nicht unähnlich, öffnete sich und – Charles rieb sich die Augen – ein Dutzend kleiner Keksmänner spazierte auf dem Backblech umher. Sie dampften noch und verströmten einen intensiven Kardamom-Duft.

„Probieren Sie, probieren Sie!“ Saccharinus Leibnitz kehrte die Keksmännlein auf eine flache Schale und reichte sie den Damen. Die Frau namens Titania lehnte befremdet ab, die Dame namens Erzsébet dagegen griff beherzt zu. „Ich habe eine Schwäche für lebendiges Essen!“ So verschwanden die zappelnden Teigbeine zwischen ihren vollen Lippen. Charlies Keksmann brüllte dagegen wie am Spieß, sodass der Junge ihn vor Schreck fallen ließ.

„Ihr kriegt mich nicht! Ungehobelte Halunken! Ich leeebe! Merkt euch meinen Namen, ihr Dreckskerle! Ich bin Spekulatio von Lebkuch, und ich werde Rache nehmen für alle Zimststerne und Vanillekipferl, die jemals…“ Der Rest seiner Brandrede ging im Lärm des Weihnachtsmarkts unter.

„Charlie, dein Plätzchen rennt weg“, bemerkte Sweeney Senior schwach.

Charlie nickte verdattert, begann jedoch sogleich, fahrig in seiner Schultertasche zu wühlen. Irgendwo hatte er einen Bleistift … Selbst, wenn er gleich aus einem sehr merkwürdigen Traum erwachte – das hier war Gold für die Schülerzeitung!

(c) Isabel Schwaak

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