2. Dezember

13-02

2.12.1938, New York City

„Krippenspiel im Vampirkindergarten? Ist das Ihr Ernst?“

Moira knallte ihrem Chef das Briefing auf den Schreibtisch. Ihre Augen blitzten mörderisch (Moira hatte es zuvor auf der Damentoilette der Redaktion geübt), doch Charles Sweeney lehnte sich bloß mit einem milden Lächeln in seinem Schreibtischstuhl zurück und tunkte einen Zimtstern in seinen Kaffee.

„Sie wollten doch in den Kulturjournalismus, Miss Bran? Stand zumindest in Ihrer Bewerbung.“

„Ein vampirisches Krippenspiel ist per definitionem das Gegenteil von Kultur. – Sir“, fügte sie ungehalten hinzu. Stocksauer hin oder her – sie war neu in der Redaktion der Paranormal Gazette. Anstandshalber sollte sie zumindest versuchen, sich höflich zu geben, doch Höflichkeit war noch nie ihre Stärke gewesen. „Ehrlich, niemand interessiert sich für diesen Mist! Nicht einmal die Blutsauger selbst!“ Sie tippte so energisch auf das Briefing, dass ihr ganzer kastanienbrauner Lockenkopf wippte.

„Jeder fängt mal klein an, Miss Bran.“ Mit dieser widerlich geduldigen Miene rückte Sweeney seine Hornbrille zurecht und wischte sich einen Zimtsternkrümel vom Kinn. „Wissen Sie, worüber ich meinen ersten Artikel geschrieben habe? Über Spekulatius.“

Moira räusperte sich gereizt. Ihr ohnehin nicht sonderlich attraktiver Mund wurde zu einem harten, schmalen Strich. „Wir sind aber nicht bei der Schülerzeitung und ich bin auch keine Praktikantin. Sie haben meine Referenzen von der Boston Mail und der Times vorliegen-“

„Eben, ich weiß, dass Sie Ihr Handwerk beherrschen. Machen Sie etwas Spannendes daraus. Berühren Sie unsere Leser.“ Sweeneys Mundwinkel zuckten. „Untersuchen Sie das Paradoxon von Vampiren, die im Krippenspiel ihre internalisierte Verbundenheit zum Christentum ausdrücken, das ist hochinter-“

„Oh! Oh, jetzt weiß ich, warum Sie mich dahin schicken!“ Moira hob das Briefing auf und fuhr mit dem Zeigefinger die Zeile nach, die ihr soeben ins Auge gesprungen war. „Die MacOwens sponsern das Krippenspiel? Unsere MacOwens?“

Verlegen wischte sich Sweeney das dünne blonde Haar aus der Stirn. „Ähm, ja. Die MacOwens, die Ihr Gehalt bezahlen, Bran.“

„Das nicht für meine Miete reicht, obwohl ich ständig Überstunden schiebe, weil Sie mich, trotz überragender Qualifikationen als Volontärin eingestellt haben.“ Moira entzündete eine Zigarette. „Also ist das ein Sponsor-Artikel, ja? Bisschen Werbung für die stinkend reichsten Vampire der Upper East Side?“

„Machen Sie’s einfach“, brummte Sweeney. „Wir kriegen ein dreizehntes Monatsgehalt von denen, die wollen ihr Image aufpolieren. Das geht mit Kindern und Kunst nun einmal besonders gut. Außerdem ist bald Weihnachten. Seien Sie ein bisschen kollegial, wir freuen uns alle über ein bisschen Extra-Geld. Das ist eine wichtige Aufgabe.“

„Lassen Sie’s stecken, Sir.“ Mit finsterem Gesicht faltete Moira das Briefing wieder zusammen. War schließlich nicht so, als könnte sie sich weigern, den Job zu erledigen. Wenn sie ihre Arbeit verlor, hatte sie an Heiligabend kein Dach mehr über dem Kopf. „Übermorgen haben Sie den Krippenspielartikel.“

Sie blies Sweeney eine Rauchwolke ins Gesicht und stibitzte einen Zimtstern, ehe sie das Büro verließ. Zwar mochte sie die Weihnachtszeit nicht besonders (vor allem, wenn sie mit derart blöden Artikeln gewürzt war), aber immerhin schmeckte das Gebäck.

© Isabel Schwaak

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