3. Dezember

13-03

Manche Geister werden geboren. Das trifft auf Elementargeister allerdings nur selten zu. Für die meisten von ihnen ist es eher ein Schlüpfen. Ja, doch, Schlüpfen, so könnte man es nennen, dachte Cinn, während er verwundert in Mamma Erdes Bauch umhertastete. Lava … und etwas weiter oben harte Lava … Stein … Ach, hier unten war es so wunderbar warm, so dunkel, so … stickig. Stickig! Keine Luft, keine … vorwärts, nach oben! Panik. Aufwärts, dahin, wo man atmen konnte! Ein Feuergeist hatte unter der Erde nichts verloren!

Die schlummernden Stein- und Ascheschichten blinzelten träge, als ein kleines Flämmchen gen Oberfläche schoss. Als Feuergeist hatte Cinn zwar weder Herz noch Lunge, doch Todesangst kannte er trotzdem, obwohl er gerade erst zehn Sekunden alt war. Schließlich hatten Geister nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende, wenn sie nicht aufpassten! So stieß er mit einem Funkenstieben durch die oberste Schicht. Luft! Sogleich züngelten seine Flammenspitzen dem Himmel entgegen. Der Wind tat gut, so gut!

Aber irgendwie war es unangenehm. Alles so hell … aber nicht feuerhell, sondern … weißhell … verwirrt blickte Cinn sich um. Die Welt war nur halb da. Schlief noch, zugedeckt, weil der späte Herbst ihr einen Gutenachtkuss gegeben hatte. Die Bäume trugen weiß statt grün, ganz anders als in seinen Träumen (aber immerhin, es gab Bäume, dachte Cinn. Frühstück!). Stille, kaum etwas regte sich. Das weiße Zeug, das auch die Erde versteckte, war kalt und nass und tat ihm weh. Was war das überhaupt? Vor dem Schlüpfen hatte er von Pflanzen geträumt, und von Regen und Tieren, von Blitzgewitter und Gerüchen, aber das weiße Zeug war nie vorgekommen! Und es lag nicht nur überall, es flog auch aus den Wolken! Segelte still und fluffig hinunter und machte die Decke dicker! Merkwürdig.

„He du?“, pfiff eine hohe, hohle Stimme hinter ihm. „Was bist du denn?“

Erschrocken fuhr Cinn herum. Hinter ihm stand ein merkwürdiges Wesen mit vier Beinen, großen Knickohren und feuchter Nase, alles genauso weiß wie das nasse Zeug. Sein Fell wirkte unangenehm starr. Das Wesen stellte sich auf die Hinterbeine und reckte sich Cinn entgegen. Wie der plüschige Schwanz aufgeregt hin und her schwankte, fiel noch mehr weißes Zeug aus der Luft. Als es Cinn jedoch mit der kalten Nase berührte, fiepte es entsetzt auf.

„Aua!“ Die Nase dampfte und zischte.
„Tschuldigung.“ Verlegen zog Cinn sich zurück. Zwar tat es ihm eigentlich ganz und gar nicht leid, aber er musste sich ja nicht gleich unbeliebt machen. „Ich bin Cinn.“
„Brr.“
„Ey, so hässlich ist der Name auch nicht!“
„Nein, ich heiße Brr.“ Verstimmt steckte das Wesen die Nase unter den Schwanz, die das Dampfen sofort einstellte. „Und du schmilzt meinen schönen Schnee weg!“
„Schnee? So heißt das komische … oh!“

Nun tat es Cinn wirklich leid. Dort, wo er über der Erde schwebte, hatte sich das weiße Zeug in etwas Ekliges verwandelt: In eine traurige Wasserpfütze. Ein hässlicher Kontrast zu dem süßen, feinen Pulverschnee. Dann war Brr wohl einer der unzähligen Wintergeister. Die biestigen kleinen Geschwister der Wassergeister. Na wunderbar.

„Ja, es heißt Schnee“, knurrte Brr und entblößte einen Satz messerscharfer Zähne. „Und ich muss noch zehn Zentimeter davon runterwinken. Wenn du also die Freundlichkeit hättest, dich zu verdrücken, du Möchtegern-Scheiterhaufen …“

„Aber gerne.“ inn schnappte sich einen kahlen Fichtenzweig, der jäh in Flammen aufging, als er ihn anknabberte. Schmatzend blickte er sich um. Wohin sollte er gehen? Irgendwie hatte er sich einen blöden Zeitpunkt zum Schlüpfen ausgesucht …

Ein lieblicher Duft drang an seine Nase. Rauch! Dort drüben kringelte sich Rauch den Schneewolken entgegen! Und wo Rauch war, gab es sicher auch …

„Geschwister! Und Essen!“, hubilierte Cinn und fegte über Brrs säuberliche Winterwelt hinweg.

© Isabel Schwaak

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