4. Dezember

13-04

Der Dämmermarkt versprühte diese besondere Atmosphäre, die Erzsébet aufheiterte, wenn ihre Stimmung sich auf dem Tiefpunkt befand. Angesichts der Tatsache, dass sie seit mehreren Jahrhunderten tot war, kaum Sonnenlicht abbekam, ihre Ernährung sich weitgehend auf Blut beschränkte und es dieser Tage immer schwieriger wurde, letzteres unauffällig zu beschaffen … angesichts all dessen war sie meist erstaunlich guter Dinge. Aber nicht heute.

Nicht, nachdem sie immer noch allein durch die Welt wandelte, nicht, nachdem sie drei Monate nach diesem furchtbar demütigenden Korb immer noch nicht über die Frau hinweg war, mit der sie die Ewigkeit (oder zumindest den Rest des 19. Jahrhunderts) hätte verbringen können. Es wäre schön gewesen mit Elisabeth. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn sie nur gewollt hätte. Wenn sie Ja zur ewigen Freiheit gesagt hätte.

Aber nein, so stank dieser Dezember, und die beste Möglichkeit, sich abzulenken, war der Dämmermarkt auf halber Schwelle zwischen dem Wiener Christkindlmarkt und der Anderen Seite. Hier knabberten Menschen ihre gebrannten Mandeln neben Hexen und Gespenstern, ohne es zu merken, Feen schlürften Honigmet. Erzsébet für ihren Teil fühlte sich schon besser, mit einer Tasse blutgespickten Glühweins das Treiben zu beobachten (und im Stillen den Erinnerungen an den Jahrmarkt und das Spiegelkabinett zu frönen, wo sie mit Elisabeth … aber darüber wollte sie doch nicht mehr nachdenken!). Die würzigen Düfte und die Stimmung der Marktbesucher machten sie betrunken, mehr als Glühwein es je fertiggebracht hätte. Sie hatte Weihnachten schon immer geliebt. Wie hatte sie sich gefreut, als sie herausfand, dass sie es auch als Vampir feiern konnte, ohne Ausschlag zu bekommen! Allergische Reaktionen auf religiöse Symbole waren Humbug, genau wie die Sache mit dem Knoblauch. Zum Glück. Mit einer Portion knoblauchgeschwängerter Champignons kämpfte sich Erzsébet durch das Schneetreiben zum Glühweinstand zurück.

Während sie im Sinnesrausch der Gewürze schwelgte, sah sie aus den Augenwinkeln jemanden zusammenzucken. Irritiert hob sie den Kopf. Jemand auf der gegenüberliegenden Seite des Standes zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht und versuchte, davonzuhuschen, aber für einen kurzen Moment hatte sie seine markanten Züge gesehen. Heute hatte er also beschlossen, blond zu sein.

„He, was machst du denn hier?“, rief sie. Sie konnte sich die Respektlosigkeit erlauben. Was sollte er ihr schon anhaben?
Die Gestalt erstarrte. Erzsébet stellte sich vor, wie er die Augen verdrehte. Resigniert drehte er sich zu ihr um.
„Dich könnte ich dasselbe fragen.“ Er stakste um den Stand herum. Als er einen Meter vor ihr innehielt, grinste Erzsébet.
„Der Herr Gevatter macht blau? Musst du nicht die Sense schwingen? Ein paar Leutchen ins Jenseits befördern?“
„Das übernehmen heute meine Mitarbeiter“, erwiderte der Tod trocken und zog sich die Kapuze aus dem Gesicht. Wie immer, wenn er in zivil herumlief, trug er schwarz und ein hübsches, jugendliches Gesicht, das heute allerdings entschieden traurig aussah. Auch seiner Stimme fehlte der gewohnte Biss, als er ihr einen tadelnden Blick schenkte. „Und guck nicht so überheblich, du hast deine Freiheit mit einem Fluch erkauft, Báthory.“
Erzsébet zuckte mit den Schultern. „Du warst furchtbar aufdringlich, mein Lieber. Wolltest du deshalb gerade so schnell verschwinden? Ist es dir im Nachhinein doch peinlich, dass du …– Ach herrje, und du schaust, als wolltest du dich gleich in der Donau ertränken. Was ist los? Liebeskummer?“
„Geht dich nichts an.“ Der Tod bestellte einen weiteren Glühwein. Erzsébet fragte sich, ob es ratsam war, wenn ein so hoher Herr wie der Gevatter alkoholisiert durch die Gegend lief … „Ihr Elisabeths seid alle furchtbar“, sagte er zwischen zwei Schlucken. „Mal wollt ihr sterben, und wenn man die Arme für euch öffnet, überlegt ihr es euch wieder anders!“
Wir Elisabeths?“ Erzsébet traute ihren Ohren nicht. „Was zum … oh. Warte. Welcher anderen Elisabeth stellst du nach?“ Der Gevatter hatte eine Schwäche für schöne Frauen, und die schönste Frau Europas hörte zurzeit nun einmal auf diesen Namen … „Doch nicht die Kaiserin? Doch nicht Sisi?“

Als der Tod sie bloß säuerlich anfunkelte, brach Erzsébet in schallendes Gelächter aus. „Viel Glück“, meinte sie schließlich. „Die Dame ist eine harte Nuss.“

„Erzähl mir was Neues“, grollte der Tod verdrossen.


© Isabel Schwaak

Eine kleine Hommage an das Elisabeth-Musical 🙂

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