5. Dezember

13-05

Agent O.H. fror. Es war nicht so, dass er Schnee nicht kannte. Er mochte den Kram bloß nicht, weder bei ihm Zuhause noch hier in Winter. Schnee war kalt und nass und man hinterließ Spuren darin! Und Spuren, das wusste O.H. aus jahrelanger Agentenerfahrung, waren das Schlimmste, was in seinem Gewerbe passieren konnte. Immer wachsam, hieß die Devise!

An diesem Ort hinterließ man allerdings keine Spuren, nein, man sackte gleich bis an die Schnurrhaare ein. Ungehalten schüttelte O.H. das Fell und die langen Hasenohren. Bäh! Aber Hauptsache, der Korb blieb ganz … Schlechtgelaunt strampelte er mit den Hinterläufen, um sich zu befreien, rutschte jedoch bloß tiefer in die weiße Pracht. Erst fünf Minuten hier und schon wollte er zurück nach Frühling! Zum Glück kamen diese Botengänge nur einmal im Jahr vor … Was tat man nicht alles …

Plötzlich packte ihm jemand am Kragen. „Abendessen!“

„Ey, du Lümmel!“ Mit den Hinterläufen versetzte O.H. dem Angreifer einen gekonnten Roundhouse-Kick. Der Übeltäter, ein kleines Jüngelchen mit Babyface, Blondhaar, weißen, fluffigen Flügeln und spitzen, gerollten Schuhen, krachte gegen den nächstbesten Tannenbaum und fing prompt an zu heulen. Ungehalten wackelte O.H. mit den Löffeln.

„Was sollst du denn darstellen? Engel oder Elf?“
„Beides“, weinte das Jüngelchen. „Weihnachtsmann und Nikolaus konnten sich nicht entscheiden.“
„Oha.“ O.H. mümmelte nach einer Tannennadel. „Apropos Nikolaus. Kannst du mir sagen, wo der wohnt?“
Sofort verengten sich die Augen des Elf(b)engels zu Schlitzen. „Wer will das wissen?“
Ich will das wissen, du Pappnase. Ich hab ’ne Lieferung.“

Der Elf(b)engel setzte eine hochprofessionelle Miene auf. Beeindruckend, wenn man bedachte, dass ihm noch immer Rotze aus der Nase lief. „Da muss ich erst bei Herrn Ruprecht nachfragen, ob ich die Adresse weitergeben darf. Nach Paragraph 1 des Datenschutzge-“

„Nein, Herr Ruprecht darf davon nichts wissen.“ O.H. senkte die Stimme und klopfte vorsichtig auf den Korb, den er auf dem Rücken trug. „Heiße Ware. Herr Nikolaus schrieb, er würde dieses Jahr gerne darauf verzichten, von seinem Mitarbeiter verprügelt zu werden.“

„Oh!“ Der Elf(b)engel neigte sich vor. „Haben Sie etwa die Süßigkeiten aus Osterland?“
„Heißer“, schnurrte O.H.
„Etwa …“ Der (b)Engel hielt den Atem an. „Bunte Eier?“
„So sieht’s aus, mein Freund.“ O.H. stellte die Löffel auf. „Dein Boss bestellt jedes Jahr einen ganzen korbvoll, damit er genug Energie hat, um sich in jedem Haus die schlecht auswendig gelernten Gedichte der kleinen Bratzen anzuhören.“
Der Elf(b)engel runzelte die Stirn. „Du bist gemein. Die Kinder sind total süß, und geben sich so viel Mühe-“
O.H. schnaubte. „Weißt du, aus gutem Grund müssen die Kinderchen keine Gedichte aufsagen, wenn sie nach ihren Osternestern suchen.“
Das Jüngelchen verschränkte die Arme. „Sind die Dinger eigentlich gut?“
„Welche Dinger?“
„Na, Ostereier. Ich kenne sie nur aus Bilderbüchern. Sind die anders als unsere Backeier? Schmecken die?“
„Woher soll ich das wissen? Ich bin Veganer.“ O.H. verdrehte die Augen und hoffte, nun keine Grundsatzdiskussion mit einem Assistenten der Weihnachtsmafia führen zu müssen.

Stattdessen beugte sich der Elf(b)engel nur so weit vor, dass seine Lippen beinahe die pelzigen Ohren berührten. O.H. zuckte ungehalten mit dem Kopf. Verlor man eigentlich automatisch seine Privatsphäre, wenn man sich auf vier Pfoten fortbewegte?

„Darf ich eins probieren?“

„Nee. Die sind abgezählt. Frag deinen Boss, wenn du eins haben willst. Oder komm nach Osterland.“ O.H. rückte seinen Korb zurecht. „Hast du jetzt die Adresse oder nicht? Mir ist kalt, ich will hier weg.“

Der Elf(b)engel zog eine verstimmte Grimasse. „Den Pfefferkuchenpfad runter, beim alten Stall links, rechts an der Krippe vorbei, um die Spielzeugfabrik herum, links an den Cola-Werken, und dann den Krampushügel rauf.“

„Cola-Werke? Hier?“ Verstört starrte O.H. das Jüngelchen an. „Das ist doch wohl ein Scherz.“

Der Elf(b)engel grinste süffisant. „Warum, glauben Sie, haben wir den Weihnachtsmann hier einziehen lassen? Wovon, bezahlt Herr Nikolaus Ihre bunten Eier?“

O.H. stöhnte leise. Verdammter Kommerz.

© Isabel Schwaak

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