6. Dezember

13-06

Müde sank Spekulatio von Lebkuch gegen einen Schuh auf der Veranda, wo er Unterschlupf vor dem Regen gefunden hatte. Er war müde. Seit stolzen sechs Tagen genoss der Keksmann seine Freiheit, doch die winterliche Feuchtigkeit erwies sich als tödlich, und jeder, wirklich jeder wollte ihn essen! Es machte einfach keinen Spaß, ständig ums Überleben zu kämpfen. Verfressenes Volk überall!

„He, he, he, du!“, grollte eine tiefe Stimme in dem Schuh. „Wir mögen hier kein Ungeziefer! – Oh, entschuldige, du bist ja gar keine Maus!“ Ein Gesicht lugte über die Schuhkrempe. Ein buntes Foliengesicht, in Folienrot gekleidet, mit weißem Folienbart, doch Spekulatio roch die Schokolade unter dem eigenwilligen Outfit. „Armes Ding.“ Das Männchen, das zu dem Foliengesicht gehörte, kratzte sich verwirrt am Kinn. „Brauchst du ’nen Schlafplatz?“

Spekulatio erhob sich. „Ich weiß nicht. Es ist kalt hier draußen.“

„Dann komm doch rein.“ Das Männlein streckte Spekulatio die Hand entgegen und zog ihn den Schuh hinauf. Auf der Krempe angekommen, klammerte sich Spekulatio verängstigt an seine unerwartete Bekanntschaft. Wenn er hier runterfiel, würde er in mindestens siebendreiviertel Teigteile brechen! Doch das Männchen rutschte frohgemut auf der Innenseite des Schuhs in die Tiefe. Spekulatio folgte ihm behutsam und landete auf einem Bett aus Erdnüssen.

„Danke!“
„Gerne, mein Freund.“ Das Männlein grinste. „Unsereins muss zusammenhalten. Ich bin Schokolaus.“
Ach, es tat so gut, ein freundliches Gesicht z sehen! Spekulatio stellte sich ebenfalls vor. „Hübsch hast du’s hier. Mandarinenkissen, sehr geschmackvoll.“
„Ja, nicht wahr?“ Schokolaus breitete stolz die Arme aus. „Bin heute erst eingezogen.“
„Umso großzügiger von dir, mich hier schlafen zu lassen.“ Spekulatio hob den Kopf. „Oder mich zumindest ins Warme zu holen. Es wird schon wieder hell.“

„Ist doch selbstver-“ Schokolaus unterbrach sich. Draußen ertönte Lärm. Die Erde bebte, und der Stiefel ebenfalls. Kurz darauf erschien ein großes blaues Kullerauge über dem Eingang – ein gieriges Auge, bei dessen Anblick Spekulatio ein spitzer Schrei entwich. Ein freudiges Quietschen ertönte, eine pummelige Hand grub sich in den Stiefelschaft. Schokolaus und Spekulatio duckten sich, krochen tiefer in den Schuh, doch die Patschhand schlang sich um Schokolausens Rumpf. Entsetzt beobachtete Spekulatio, wie sein neuer Freund in die Luft gehoben wurde. Ein Kind! Das Grauen! Ein Mädchen mit dicken blonden Flechtzöpfen strahlte Schokolaus an – und begann, ihn seiner Folienkleidung zu entledigen! Der arme Schokolaus schrie in Todesangst, was das verfressene Mädchen allerdings nicht die Bohne scherte. Fressfeinde überall! Und dann fing dieses ungnädige Ding auch noch bei den Füßen an. Schokolaus kreischte gequält. Bei lebendigem Leibe verspeist zu werden, war ein schrecklicher Tod!

„Lauf, Spekulatio, lauf!“, brüllte er.

Dies war das letzte, was Spekulatio von Schokolaus hörte, denn das Mädchen rammte seine weißen Milchzähne in seinen Kopf. Mit einem scheußlichen Krachen zerbarst die Schädeldecke. Hektisch krabbelte Spekulatio den Stiefelschaft hinauf, auf der Außenseite wieder hinunter – und rannte, so schnell ihn seine Keksbeine trugen. Die Regentropfen platschten auf ihn hernieder … aber besser im Regen sterben als im sabbernden Mund einer Dreijährigen!

„Freiheit!“, rief er und flitzte unter dem Gartenzaun hindurch. „Ich werde dich rächen, Schokolaus!“

 

© Isabel Schwaak

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