7. Dezember

13-07

Einundzwanzigstes Jahrhundert, ganz am Anfang

Der Mann, der sich dieser Tage Alex nannte, zuckte beim Klingeln der Haustür zusammen. Hastig warf er eine Tischdecke über den Mini-Tannenbaum neben dem Fenster und pflückte die Lichterkette vom Bücherregal, um sie in der staubigen Ecke hinter dem Schreibtisch zu verstecken. Eigentlich lächerlich. Mit mehr als 5000 Jahren Lebenserfahrung brauchte er sich für nichts, aber auch gar nichts zu schämen! Aber genau da lag ja der Hase im Pfeffer. Mit über 5000 Jahren war er wortwörtlich zu alt für diesen Mist. Es war ja nur die Mode. Aber irgendwie mochte er den Weihnachtskitsch. Die Lichter, den falschen Schnee, das Lametta … sogar das allgegenwärtige Glöckchengeklimper, sogar – man mochte es kaum aussprechen – sogar „Last Christmas“.

Doch das brauchte seinen Besucher nicht zu interessieren. Eilig schaltete er den CD-Player aus und öffnete die Tür. Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte (Alex konnte sich einfach nicht daran gewöhnen) trat ein. Ihr langes schwarzes Haar vermischte sich mit seinen schulterlangen Straßenköterfransen, als sie ihn zur Begrüßung umarmte.

„Alle Blutsauger versorgt?“, fragte er, während er den Wasserkocher anwarf.

„Ich hasse den Job.“ Seufzend ließ sich Tanya in einen der gemütlichen Wohnzimmersessel sinken. „Erzsébet wird jedes Jahr eitler und anstrengender. Aber immerhin, wir haben einen rennenden Keksmann gesehen.“

„Schon wieder? Hast du sowas nicht erst vor hundert Jahren erzählt?“ Er ertränkte drei Teebeutel im dampfenden Wasser. Insgeheim frohlockte er, dass er vor vier Jahren in die paranormagische Kulturabteilung gewechselt war. Er hatte lang genug den Babysitter für Vampire gespielt. Genauer gesagt, seit es Vampire gab, diese ätzenden, undankbaren Zecken. Er, Tanya und die Handvoll anderen, die noch älter waren, distanzierten sich vehement von ihren … musste man Nachfahren sagen? Sie hatten fast nichts gemein mit … mit denen mit den auffälligen Eckzähnen. Denen mit der unerklärlichen Sonnenallergie. Denen, die starben und es doch nicht taten und die sich dementsprechend im Schneckentempo weiterentwickelten. Denen, die nun einmal leider von ihnen abstammten, aber sich ansonsten in eine höchst unerfreuliche Richtung entwickelt hatten. Nein, der Mann, der sich dieser Tage Alex nannte, beneidete Tanya nicht um ihren Job. Es war immer, als müsse man daueraggressive Kinder hüten. Er reichte seiner Freundin eine Tasse Tee.

Als sie daran schnupperte, hob sie überrascht die Augenbrauen. „Zimt? Ich dachte, du hasst Zimt.“
„Hab ich nie gesagt“, entgegnete er sofort und ließ sich auf dem Schreibtischstuhl nieder.

Die Frau, die sich zurzeit Tanya nannte, zuckte mit den Schultern, nippte an ihrem Tee, lehnte sich im Sessel zurück und schoss zugleich zurück in die Senkrechte. „Aua! Was ist das denn?“

„Nein, lass-“ Er sprang auf, so hastig, dass sein Schreibtischstuhl den Mini-Baum rammte, der aus Protest prompt seine Versteckdecke abwarf. Indes tastete Tanya unter das Rückenkissen und zog den halbfertigen Holzstern hervor, den er eben erst in aller Hast hatte verschwinden lassen.

„Sag nichts“, knurrte er und konnte nicht verhindern, dass ihm das Blut in die Wangen schoss.
Ein schiefes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Geister und Sterne, Ari-“

„Schlag mich doch“, brummelte er. Dass ihr vor Überraschung beinahe sein richtiger Name herausrutschte, machte die Sache nicht besser. Er stützte sich rücklings auf der Schreibtischplatte ab – und landete mit der Handfläche geradewegs auf der Fernbedienung für den CD-Spieler, die seit Jahren nicht mehr funktionierte, nun aber aus reiner Boshaftigkeit ihren Job erledigte.

Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, wackelte mit den Augenbrauen und spitzte die Ohren, während sich das Gerät knarzend anschaltete. „Mariah Carey?“
Der Mann, der sich zurzeit Alex nannte, schürzte die Lippen. „Besser.“
Die CD sprang an.

„Und wir tanzten im Schnee vergang’nes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh, wenn ich alles vor mir seh‘
Als ob’s gestern war und nicht vergang’nes Jahr…“*

Tanya lachte leise. „Ach, mein negativ-dekadenter Freund. Irgendwie ist das niedlich.“ Sie schlürfte an ihrem Tee.

„Sag das bloß nicht weiter“, grummelte Alex, dessen knallrotes Gesicht mittlerweile der Rudolfnase über dem Schreibtisch Konkurrenz machte.


© Isabel Schwaak

* ~“Und wir tanzten (ungeschickte Liebesbriefe)“~ gehört ASP. Natürlich ist es eigentlich kein Weihnachtslied … für mich aber irgendwie schon. Zumindest ein trauriges Winterlied, das zu diesen illustren  Gestalten passt 😉 Das Türchen ist übrigens Chrissi und Sabrine gewidmet 🙂

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3 Gedanken zu “7. Dezember

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