9. Dezember

13-09

9.12. 1939, New York City

„Das war’s, Bran, Sie sind raus!“

Moira wischte sich den Speichelspritzer von der Wange, den Charles Sweeney gerade in seiner Schimpftirade aus sie herniedernieseln ließ. Auf ihrer geschwollenen Haut vermischte sich die Spucke mit dem New Yorker Schneeregen. Sweeney unterbrach seinen Ausbruch, um Atem zu schöpfen, doch die Litanei ging sofort weiter.

„Sie sollten ausdrücklichstens NUR über die Dickens-Inszenierung schreiben – nur über Ebeneezer Scrooge, den Geist der Weihnacht und den Broadway! Ich habe Ihnen ausdrücklich untersagt, diesen Schund einzureichen, den Sie mir letzte Woche auf den Schreibtisch gelegt haben, und Sie besitzen die bodenlose Dreistigkeit, ohne Rücksprache kurz vor Redaktionsschluss dieses … dieses …“ Offenbar war Moiras Vergehen so ungeheuerlich, dass Sweeney die Worte dafür fehlten. Stattdessen rammte er den Zeigefinger so energisch in die Seite 3 der aktuellen Paranormal Gazette, dass der Kioskbesitzer ungehalten „Hey, Freundchen!“ grunzte. „Kaufen Sie das Käseblatt gefälligst, wenn Sie’s kaputtmachen wollen, sonst verpissen Sie sich!“

Während Moira im Stillen die New Yorker Höflichkeit lobpreiste, faltete Sweeney verlegen die Zeitung zusammen und legte sie zurück auf den Stapel.

„Sind Sie fertig?“ Moira steckte sich eine Zigarette an und inhalierte einen tiefen Zug. „Es ist verdammt noch mal nicht meine Schuld, wenn der Produzent nicht nur Dickens‘ Weihnachtsgeschichte inszeniert, sondern nebenbei auch noch einen Drogenring finanziert und die Hälfte seiner Schauspieler mit reinzieht. Der alte Brezelfresser hat es verdient.“

„Der alte Brezelfresser hetzt Ihnen seine Leute auf den Hals, Bran, und unserer Belegschaft ebenfalls“, fauchte Sweeney. „Es ist scheißegal, dass er momentan im Knast sitzt! Guck dich doch an, Moira, reicht’s nicht, dass sie dich einmal verprügelt haben?“ Seine grünen Augen wanderten über die Blutergüsse, die Moiras rechte Gesichtshälfte großflächig bedeckten.

Moira quittierte die plötzliche Sorge und das ungewohnte Du mit einem kühlen „Pff!“. „Bin ich aus Zucker? Für die Aktion werden sie noch genug Probleme bekommen.“ Auf Sweeneys verwirrten Blick zog sie ihr Pendel aus der Tasche. Zumindest die Kerle, die ihr Gesicht demoliert hatten, waren fürs Erste mit ihren Halluzinationen beschäftigt (und Moira zwang sich, ihre Gewissensbisse für diesen Akt der wortwörtlichen psychologischen Kriegsführung niederzukämpfen). Mit den anderen wurde sie auch noch fertig. Sie war eine halbe Hexe, und mittlerweile konnte sie sogar den Revolver benutzen, den ihr Bruder ihr (zum Entsetzen ihrer Mutter) zum Geburtstag geschenkt hatte.

Sweeney setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Frances Goldenblatt aus der Bildredaktion der Gazette hinter ihm erschien. Schneeflocken glitzerten in ihrem dunklen Haar, ihre Augen funkelten aufgeregt. „Sir, Sie müssen dringend zurück in die Redaktion! Die Ausgabe ist ausverkauft!“

„Was?“ Ungläubig wandten sich Moira und Sweeney wieder dem Kiosk zu. Der Gazette-Stapel, den Sweeney keine fünf Minuten zuvor malträtiert hatte, war verschwunden. Zwischen der New York Times und dem Wall Street Journal klaffte eine Lücke. „Aber … das ist ’ne Katastrophe, so schnell kriegen wir doch keine zweite Auflage hin…“, stammelte Sweeney, doch nach dem ersten Schock loderte es freudig in seinen Augen. „Ausverkauft! Das ist seit dem Ende der Prohibition nicht mehr vorgekommen, dass wir nachdrucken mussten!“

„Ja, die Leute sind ganz schockiert wegen dieser Geschichte mit dem deutschen Theaterwichtel und dem Koks“, antwortete Frances ungeduldig. „Kommen Sie schon!“

Mit einem zufriedenen Schmunzeln trat Moira ihre Zigarette aus. „Gern geschehen, Charlie. Gibt das einen Weihnachtsbonus?“

„Ich zahle Ihre Krankenhausrechnung“, lenkte Sweeney ein, packte sie am Arm und zerrte sie, Frances hinterher, durch den dichter werdenden Schnee zurück zum Redaktionsgebäude. „Und vielleicht sind Sie im Feuilleton doch falsch. Schonmal über investigativen Journalismus nachgedacht?“

„Wieso, wo ich doch so gerne schräge Theaterkritiken schreibe?“, flötete Moira, die schon seit zwei Monaten keine ordentliche Kritik mehr verfasst hatte. Schließlich war der Koksring des deutschen Wichtels groß, auf ihrem Schreibtisch stapelten sich Notizen …

© Isabel Schwaak

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