10. Dezember

13-10

„Schnabel halten, wir müssen durchzählen“, krähte der alte Brun Zapf über die Kinderschar hinweg. Wenn ihm heute noch ein Krümel verloren ging, würde er explodieren. Diese Schneewanderung war eine Katastrophe! Prompt flog der nächste Schneeball an seinem linken Ohr vorbei und traf die kleine Trudi Tannhild an der Augenbraue. „Pipo Nussling, ich zieh dir die Hammelbeine lang, wenn du nicht stillhältst!“

Wenigstens waren seine eigenen Schützlinge brav, während Henner Magolwes ein Kind nach dem anderen aufrief. „Vierklees Lanzo“ hob mit einem piepsigen „Hier“ die Hand (und Brun stellte stolz fest, dass sein Mündel noch keinen Schneeball geworfen hatte). „Zapfs Leia“ erntete ein Kopfschütteln von Henner. „Was haben sich deine Eltern eigentlich dabei gedacht?“, fragte er und musterte das kleine blondlockige Mädchen, als sähe er es zum ersten Mal. „Sie ham wohl an Schiefer gedacht“, brummelte Leia, wie jedes Mal, wenn man sie auf diese Glanzleistung von einem Namen ansprach, und rollte mit den Augen. Seine Enkelin sah ihrer Mutter zum Gruseln ähnlich, dachte Brun, obwohl sie erst fünf Jahre alt war und noch mehr Sommersprossen hatte als Lilja Zapf. Lilja Zapf, die jetzt an seiner Stelle hier sein sollte, um mit ihrer Tochter durch den verschneiten Wald zu wandern. Brun seufzte. Es tat immer noch weh, an seine tote Tochter zu denken.

„So“, brüllte er über den Lärm hinweg (diese zwölf Kinder machten Krach für eine ganze Armee!). „Wir laufen den Almerich runter, durch Muselwing und das Südufer des Rumsees entlang, und zwar im Gänsemarsch. Kein Schubsen, kein Treten, kein Aus-der-Reihe-Tanzen, und zum letzten Mal, keine Schneebälle!“

Sofort murrten die älteren Jungens. Aber Trudi Tannhilds Augenbraue blutete von Pipos Schneeballattacke. Omma Tannhild würde fuchsteufelswild sein, wenn Trudi bei ihrer Rückkehr nach Rumbach immer noch heulte. Brun knirschte mit den Zähnen. Er war Spinner, kein Kindergärtner! Als hätte er mit seinen eigenen Mündeln nicht mehr als genug zu tun!

„Guck nicht so.“ Henner rammte ihm den Ellbogen in die Rippen. „Sind nur noch ein paar Stunden, dann gibt’s Bier und Pilzsuppe.“

„Wenn wir bis dahin nicht die Hälfte der Krümel verlieren“, grollte Brun. „Wir haben vorhin eine Dreiviertelstunde gebraucht, um Karlchen aus diesem blöden Iglu auszubuddeln!“

„Aber wir haben ihn doch gefunden.“ Henner grinste breit. „Du machst dir zu viele Sorgen, alter Knutz!“

„Wieso denn bloß?!“ Brun zuckte zusammen, als sich Karlchen Eichelkron mit wildem Geschrei einen Hang hinunterkugelte. Der Knirps quietschte vor Vergnügen, fing jedoch im nächsten Augenblick an, ohrenbetäubend zu heulen, als er sich den Zeh an einer Buchenwurzel stieß.

Irgendwie war Brun überzeugt, dass seine zwergischen Vorfahren keine Schneewanderungen mit der Dorfjugend unternommen hatten. Aber ihresgleichen, Dappen mit ihren Menschenvorfahren, sie mussten natürlich sämtliche Bälger durch die Gegend schleppen und sich von den Eltern zusammenfalten lassen, wenn die Krümel sich auch nur einen Kratzer zu viel einfingen! (und Brun musste es wissen, immerhin war er selbst im vergangenen Jahr Mathis Nussling aufs Dach gestiegen, als dieser Lanzo mit erfrorenen Händen und Leia mit ausgeschlagenem Schneidezahn in der Spinnerei abgesetzt hatte!)

Ein winziger Schneeball traf ihm im Rücken. Gereizt drehte er sich um, doch das Brüllen blieb ihm im Halse stecken. Leia stand einen Steinwurf hinter ihm, die kleinen Hände unschuldig hinter dem Rücken verschränkt. Eine Schneeflocke landete auf ihrer breiten Nase, eine weitere verfing sich in den langen Wimpern.

„Nicht so böse gucken, Obba“, lispelte sie, ehe sie sich kopfüber in einen Schneehaufen warf.

Brun seufzte. Er würde Bier und Pilzsuppe bitter nötig haben.

 

© Isabel Schwaak

Wer kann, stelle sich die Dialoge op sejerlänner Platt vor 😉

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