11. Dezember

13-11

„Nimm das!“, brüllte Anci.
„Langsam macht das keinen Spaß mehr!“ Frustriert wich Cinn dem riesigen Schneeball aus. „Es ist unfair, mit einem Windgeist zu spielen!“
„Das sagst du nur, weil du verlierst!“

Ancis zerzauster Schopf tauchte hinter dem dicken Stamm der Eiche auf. Sie war sehr hübsch mit ihrem wilden schwarzen Haar, dem rauchblauen Federkleid und dem freigeistigen Funkeln in den grauen Augen. Cinn hatte sie gern, obwohl sie ein Winterwind war. Was er nicht mochte, war die Tatsache, dass seine Freundin keinen festen Körper besaß. So konnte sie ihm Schnee in Massen entgegenpusten (und ihm gehörig wehtun, wenn sie nicht achtgab), und er konnte sich anstrengen, wie er wollte – seine Schneebälle flogen einfach durch ihren transparenten Körper hindurch.

„Ich kann ja nur verlieren. Feuer gegen Wind, das ist wie ein ungerechtes Schere-Stein-Papier!“ Cinn hob die flammigen Hände zur Kapitulation, doch natürlich musste Anci einen letzten Ball werfen. Gereizt fing Cinn ihn auf. Binnen weniger Herzschläge schmolz der Schnee in seinen Fingern.

„Ist ja gut, nicht böse sein.“ Mit einem leisen flapflap flatterte Anci an seine Seite. Ihre Federn verströmten einen leichten Luftstrom, der Cinns Flämmchen anfachte. Die blauen Flecken, die der Schnee auf seinem Körper hinterlassen hatte, heilten unter dem Feuer. „Du bist immer so griesgrämig im Winter.“
„Wieso? Ich mag den Winter.“ Cinn grinste. „Er ist nur so anstrengend.“
„Ach was, du bist nur faul.“ Anci piekte ihn. Als Cinn empört schnaubte, lachte sie. „Wenn du könntest, würdest du dich den ganzen Winter lang in irgendwelchen Kaminen räkeln und dich von den Menschen durchfüttern lassen. Du …“ Sie unterbrach sich. „Hörst du das?“

Eilig zog Cinn sie zurück hinter die Eiche. Irgendetwas quietschte und machte Krach. Wer verirrte sich denn um diese Zeit in den Wald? Er lächelte in sich hinein. Wer so dumm war, zu dieser Stunde einen Waldspaziergang zu machen, musste damit rechnen, dass die wilden Tiere ihn fraßen – oder er. Er könnte eine Mahlzeit vertragen, Schneeballschlachten mit Anci machten ihn immer hungrig…

„Oh, guck mal, Kinder“, hauchte Anci entzückt.

Cinn runzelte die Stirn. Eigentlich war es nur ein Kind. Ein kleines Mädchen, das an der Seite einer jungen Frau durch den Schnee tollte. Vermutlich Schwestern, dachte Cinn. Sie hatten dieselben langen Nasen, dieselben vollen Lippen, dieselben großen Augen. Bloß war das kleine Mädchen blond, während der Großen ihre dunklen Locken vom Kopf abstanden.

„Hör auf, herumzualbern, wir müssen nach Hause“, sagte die Frau, die einen Stoß Fichtenäste im Arm trug.

„Aber Nira, wir wollten doch noch einen Schneemann bauen!“ Das kleine Mädchen zog einen Schmollmund, quietschte jedoch sogleich vergnügt, als ihr die Schneeflocken um den Kopf wirbelten. Stirnrunzelnd blickte Cinn sich um. Anci war verschwunden. Natürlich. Sie liebte es, Menschen zu ärgern – oder mit ihnen zu spielen. Gerade pustete sie dem Mädchen Schnee in den Nacken. Die Menschen konnten sie nicht sehen, was Ancis Vergnügen nur steigerte

„Wir bauen den Schneemann zu Hause“, erwiderte die Frau namens Nira, die sich unbehaglich umschaute. „Aber wir müssen jetzt wirklich gehen. Oma wartet mit dem Abendessen. Und ich will nicht wissen, was die Inquisition mit uns anstellt, wenn sie uns im Wald aufgreifen“, fügte sie so leise hinzu, dass ihre Schwester sie nicht hörte.

„Das sind die Malbens, oder?“ Anci tauchte wieder neben ihm auf. „Hexchen! Müssen wir sie nach Hause bringen?“

Cinn konnte Ancis Begeisterung für Kinder nicht teilen, doch wie sich das kleine Mädchen in Niras Arme warf und sich von dannen tragen ließ, schwand sein Verlangen nach einem menschlichen Abendessen. Der Knirps war niedlich. Die Art von Knirps, für die er sich in Kaminen versteckte, um ihnen die eingefrorenen Händchen zu wärmen.

„Och, ich glaube, das schaffen sie alleine.“

 

© Isabel Schwaak
Dieses Türchen ist Kristina gewidmet 🙂

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