12. Dezember

13-12

Nächstenliebe statt Textnähe – ein vampirisches Krippenspiel
Ein Bericht von Moira Bran [zur Sichtung an Sweeney am 5.12.1938 -> unterstehen Sie sich, wieder mit Ihrer Sauklaue im Text herumzumockeln, Charlie! Anmerkungen nach unten! gez. Bran]

Vergangenen Samstag öffnete der Dracula-Kindergarten an der Park Avenue die Pforten und lud zu einer beschaulichen Weihnachtsfeier samt Krippenspiel ein – Premiere für eine ganz besondere Inszenierung.

Weihnachtsfeiern in vampirischen Erziehungseinrichtungen sind eine relativ junge Entwicklung. Zwar wird seit einigen Jahren ab dem ersten Advent fleißig gebastelt, doch mit dem religiösen Hintergrund mochten sich die New Yorker Vampire bislang nur ungern auseinandersetzen. Laut Statistik verlieren rund 85% der Vampire nach ihrem Tod das Interesse an Religion. Umso skurriler erscheint die Entscheidung des Dracula-Kindergartens, die biblische Weihnachtsgeschichte aufzuführen. „Es ist eine Premiere“, gibt Kindergartenleiterin Marietta Bernard (146) zu. „Die letzten Jahre haben wir immer bloß Kekse gebacken.“ Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist scheinbar Unternehmer Bill MacOwen (146), dessen Tochter Daisy (4) den Kindergarten seit einem Jahr besucht.

„Man muss den Kindern den christlichen Wurzeln des Weihnachtsfests nahebringen“, so MacOwen. „Sie sehen die Dekorationen in der Stadt, wollen das Fest feiern – da müssen sie doch auch wissen, warum.“

Eine lobenswerte Einstellung, wenn auch ein wenig anmaßend. Man bedenke, wie viele heidnische Bräuche das christliche Weihnachtsfest verschluckt hat.* Man bedenke, dass viele Mitglieder der paranormalen Gemeinde den Winter auch ohne das Christentum besinnlich feiern. Man bedenke, dass ein beträchtlicher Teil der Kindergartenkinder aus nicht-christlich geprägten Vampirfamilien stammt** (und vermutlich trotzdem besser über die christliche Auslegung des Fests bescheidwissen als MacOwen und seine Mitstreiter***). Man bedenke, dass viele Vampire von ihrer Ursprungsreligion zu einer pagan anmutenden Spiritualität konvertieren und demnach nicht Weihnachten, sondern die Wintersonnenwende feiern.****

Trotzdem entschied man sich im Dracula-Kindergarten für die christliche Weihnachtsgeschichte. Und dieses Krippenspiel, das während der Kindergartenweihnachtsfeier seine Premiere hatte, wartet mit interessanten Regieeinfällen auf, die das Stück auch für Erwachsene und Atheisten unterhaltsam machen.

Besonders lobenswert: Die professionellen Kostüme (allesamt gesponsert von der Familie MacOwen) und beeindruckenden Kulissen (gebaut von Drusilla Jacobs [99)]. Trotz des geringen Alters – die meisten der Kinder sind erst 5 – beeindruckten die Darsteller mit überzeugenden Leistungen. Brisant: Die Erzieherinnen haben dem Stück einen frischen, modernen (und deutlich amerikanischen) Anstrich verpasst. So reisen Maria und Joseph (gespielt von Ava Lee Chen und Adebowale Oyekan – die Reporterin applaudiert für die Entscheidung, beide Rollen mit nicht-weißen Mädchen zu besetzen!) zur Volkszählung von Manhattan nach New Jersey. Der Engel, der Marias Schwangerschaft verkündet, wurde rigoros gestrichen, der Stall zu Bethlehem wurde zu einer Fabrikhalle in Asbury Park, ein Einkaufswagen fungiert als Krippe. Als Heilige Drei Könige geben sich drei Indianer die Ehre, die neben Myrrhe und Weihrauch auch praktische Geschenke mitbringen (sogar das Jesuskind braucht dicke Socken und Windeln!). Statt der Hirten staunen Cowboys über die Stoßgeburt, es mangelt an Ochs und Esel, stattdessen gibt es Fische und Hühner als tierische Besetzung (die genaue Bedeutung dessen erschließt sich der Reporterin nicht so recht). Gehuldigt wird nicht, das Baby (gespielt von einer zerfledderten Puppe) bekommt die Flasche, während alle Beteiligten seinen Geburtstag feiern.

Mit der Weihnachtsgeschichte hat diese Modernisierung unterm Strich freilich nicht mehr viel zu tun – alle beteiligten Schauspieler versäumten es, zu erwähnen, dass es sich bei dem Kind um Gottes Sohn handeln sollte, womit man geneigt ist, MacOwens ehrgeiziges Vorhaben als gescheitert zu betrachten*****. Dennoch fehlte es der Inszenierung nicht an Besinnlichkeit. Die Relevanz von Nächstenliebe wurde durch den Besitzer der Fabrikhalle (großartig gespielt von Fabrizio Sarinelli, 5, den sicher eine große Broadwaykarriere erwartet) deutlich in den Vordergrund gerückt. Christlich geprägt oder nicht – dieser Tage (auch mit Blick über den eigenen Tellerrand) kann man den Aspekt der Nächstenliebe und des freundlichen Miteinanders nicht oft genug hervorheben. Insofern ist die Neuinterpretation der Geschichte nur zu loben.

Für das Krippenspiel des Dracula-Kindergartens gibt es sechs weitere Spieltermine: An jedem Adventswochenende um 15 Uhr im Gloria Theater am Central Park sowie an Heiligabend und dem 25.12. in der St. Peter’s Church.


*[Memo Sweeney] Verkneifen Sie sich bitte Ihre Religionskritik, Bran!
**[Memo Goldenblatt] Sie könnten den hohen Anteil an jüdischen Vampiren erwähnen.
***[Memo Sweeney] Wollen Sie MacOwan mit Gewalt beleidigen??
**** [Memo Sweeney] Verkneifen Sie’s sich wirklich!
*****[Memo Sweeney] Das können Sie so nicht schreiben! Denken Sie dran, dass MacOwen unser Weihnachtsgeld zahlt!!!

© Isabel Schwaak
Und ja, Moira hat deutlich mehr Spaß am Enthüllungsjournalismus 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu “12. Dezember

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s