13. Dezember

13-13

„Vielleicht haben wir es getötet.“ Ratlos kratzte sich Saccharinus Leibnitz am Kopf und betrachtete den Backapparat, der mittlerweile in Einzelteilen vor ihm lag. Schrauben und Düsen, Platten aus Blech, Edelstahl und Nanlorium, Federn und Zahnräder verstreuten sich im ganzen Raum, doch er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Nichts. Erst recht nicht der Ursprung der mysteriösen Stimme.

„Da war nichts zum Töten, und das wissen Sie auch“, knurrte Clea. „Ich war dabei, als Sie den Apparat zusammengebaut haben. Falls Sie nicht versehentlich einen Geist eingesperrt haben-“
„Hast du die Düse mit dem Animaliquid untersucht?“ Leibnitz sah so niedergeschlagen aus, als würde er gleich losweinen. Sein Monokel war ganz beschlagen.
„Ja. Sie sondert genau zwei Milligramm ab – genau so viel, wie man braucht, um Kekse zum Laufen zu bringen“, leierte Clea. „Lassen Sie uns das Ding wieder zusammen… Moment!“ Sie las eine Nanlorium-Platte auf. Die vom Ofen-Boden. „Spinn ich, oder hat das Ding gerade gezuckt?“ Versuchshalber kitzelte sie die Platte.

Und die Platte kicherte verschämt.

Leibnitz rieb sich die Augen. „Nanlorium … aber wie kann das sein?“
Clea legte den Kopf schief. „Nanlorium ist ein magisches Metall“, dozierte sie mit gebleckten Zähnen. „Perfekt geeignet für alchemistische Prozesse, wird bei großer Hitze äußerst hart und sondert Magieessenz ab-“
„Was?“ Leibnitz starrte seine dämonische Assistentin an, als wäre ihr ein zweites Paar Hörner gewachsen. „Sondert Magieessenz ab? Warum hast du mir das nicht gesagt?“
„Sie haben nicht gefragt. Ich dachte, Sie wüssten das.“ Cleas schmale Augen verengten sich zu Schlitzen, sodass Leibnitz nur noch den Wimpernkranz erkennen konnte. „Sind Sie denn wahnsinnig, magische Metalle zu benutzen, wenn Sie nicht die ganze Wirkung kennen?“
„Was genau passiert denn, wenn Magieessenz in heißen Räumen abgesondert wird?“, fragte Leibnitz, unsicher, ob er die Antwort hören wollte.
„Na, in unserem Fall würde ich sagen, sie potenziert die Wirkung des Animaliquids.“ Erneut betastete Clea die Metallplatte. „He, du.“ Sie piekte das Blech mit dem krallenbewährten Zeigefinger. „Kannst du reden?“

Die Platte erzitterte in ihren Händen, fiepte leise. Dann erklang ein leises „Ja.“
„Tada“, grunzte Clea. Als sie die Platte streichelte, schnurrte das Metall zufrieden. „Ich wette, da sind noch ein paar andere Teile … ähm … beseelt worden.“
„Aber das erklärt nicht, warum es nur einen Keks getroffen hat.“ Leibnitz richtete sich auf und begann, zwischen dem zerlegten Apparat auf- und abzutigern. „Wir haben hunderte von Keksen verkauft, warum hat nur einer ‚Ich lebe!‘ gebrüllt?“
„Der Ofen war zu heiß eingestellt“, antwortete die Nanlorium-Platte mit so kräftiger Stimme, dass Clea sie erschrocken fallen ließ. „Die Kekse waren verbrannt, es hat fürchterlich gestunken, mir hat alles wehgetan, ich musste weinen und …“
„… und deine Tränen haben den kleinen Spekulatio von Lebkuch getroffen und zum Leben erweckt“, kombinierte Clea messerscharf. Mit einem schiefen Grinsen drehte sie sich zu Leibnitz um. „Vielleicht lässt die Aetherethikkommission Sie doch in Ruhe. Das war ja wirklich nur ein Versehen.“

„Machst du Witze?“, schoss Leibnitz mit Grabesstimme zurück. „Für den Besitz von Nanlorium braucht man eine Lizenz, sehe ich etwa aus, als ob-“
„Oh, zur Hölle, ich kriege wegen Ihnen noch einen Nervenzusammenbruch!“, fauchte Clea. „Was können Sie eigentlich? – Ach, sparen Sie sich die Antwort!“
„Lass das Geschimpfe.“ Zärtlich las Leibnitz die Nanlorium-Platte auf. „Hilf mir lieber, den Apparat wieder zusammenzubauen, und dann verschwinden wir, bevor die Kommission spitzkriegt, wo wir uns aufhalten.“
„Sie wollen das Ding doch wohl nicht mitnehmen?“ Fassungslos schüttelte Clea den Kopf.
„Ding!“ Die Metallplatte hüstelte entrüstet. „Ich heiße Agatha, wenn ich bitten darf, Fräulein!“
Clea warf Leibnitz einen mörderischen Blick zu. „Wegen Ihnen und Agatha sitze ich Heiligabend im Knast, ich seh‘s kommen!“

© Isabel Schwaak

 

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