15. Dezember

13-15

Einundzwanzigstes Jahrhundert, ganz am Anfang, ein paar Tage später

Die Frau, die sich derzeit Tanya nannte, tauschte einen zweifelnden Blick mit ihrem Herrn Gemahl, der dieser Tage auf den Namen Jonathan hörte, ehe sie erneut die verkohlten Teigklumpen auf dem Backblech beäugte. Den Gestank der Möchtegern-Plätzchen konnte man nur mit sehr viel gutem Willen als Röstaroma bezeichnen.

„Vielleicht rufen wir besser Nick an“, meinte Jonathan. „Sagen, dass wir ein paar Minuten später kommen …“

„… und dort backen“, ergänzte Tanya. „Falls möglich.“ Sie langte nach dem Telefon und wählte die Nummer ihres Neffen. „Hey, mein Lieber. Alex hat einen Backofen, nicht wahr? – Ah, gut, wunderbar. – Weil wir die Zimtsterne versaut haben. – Lach nicht, du Lümmel! – Nee, wir springen gleich in den Supermarkt und bringen die Zutaten mit. – Ja, dachten wir auch, er wäre uns bestimmt böse, wenn wir das ganze Essen ohne ihn vorbereiten. Wo bist du überhaupt? Der Empfang ist …“ Sie unterbrach sich. Nach einer Minute lachte sie leise. „Nick und Os besorgen einen Weihnachtsbaum“, flüsterte sie Jonathan zu, der gerade die verunglückten Zimtsterne zu einem unschönen Haufen stapelte.

Stirnrunzelnd hob Jonathan den Kopf. „Haben wir denn Zeug zum reinhängen? Schmuck?“

Tanya biss sich auf die Lippen. Dann nickte sie unauffällig dem schwarzen Teigkloß in seiner Hand zu. Jonathan rümpfte die Nase. „Schön ist aber anders. Obwohl, wenn wir Lametta drankleben …“

„Tschuldige, was hast du gesagt?“ Tanya klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und räumte die Zuckerdose zurück in den Schrank. „Keine Ahnung, ob Weihnachtsbäume drei Spitzen haben dürfen. Alex‘ Plastikteil hatte, glaub ich, nur eine … – Ja, ich finde das auch diskriminierend. – Oh, dann beeilt euch, bevor der Verkäufer euch rausschmeißt!“ Sie legte das Telefon beiseite und wischte mit dem Spüllappen über die teigverklebte Arbeitsplatte.

Seufzend lehnte sich Jonathan gegen den Kühlschrank. „Weißt du, früher haben wir Überraschungs-Geburtstagsparties geschmissen. Was machen wir im Frühling? Verkleiden wir uns als Osterhasen?“

„Komm schon. Wir machen ihm doch bloß eine Freude. Er hat das geheim gehalten, als wäre er koksabhängig oder so.“
„Wundert’s dich? Seit wann feiern Nachtalben Weihnachten?“
„Tun wir doch gar nicht, es ist immer noch Mittwinter, nur die Deko und die Musik sind anders.“ Als Jonathan demonstrativ schwieg, drückte Tanya ihm einen Kuss auf die mehlbepulverte Wange. „Mein Herzallerliebster, wir sitzen doch nur in gemütlicher Runde zusammen, essen und singen. Worin unterscheidet sich das von unseren Lurlennasfeiern von früher?“

„An Lurlennas gab‘s keinen Kitsch, kein Krippenspiel, kein Glitzerzeug … Okay, doch, Glitzer gab es. Aber der kam von Feen. Und außerdem …“ Jonathan verzog gequält das Gesicht. „Wham! Bitte, Schatz, Wham! Es gibt keine Rechtfertigung für Last Christmas!“

„Ach, shae!“ Tanya lachte leise. „Ich hab dich gestern unter der Dusche Driving Home for Christmas singen hören. Du hast deine eigenen Leichen im Keller.“

„Die haben wir doch alle. Apropos, müssen wir eigentlich noch im Krankenhaus vorbei?“

„Nein, Vara hat eine SMS geschrieben, dass sie gerade heldenhaft unsere Festtagsblutration vor aufdringlichen Vampiren verteidigt hat.“ Tanya wusch sich die Hände. „Heißt: Wir können los und sind ausnahmsweise sogar pünktlich.“

„Ein Weihnachtswunder, ein Weihnachtswunder“, meinte Jonathan trocken.

 

© Isabel Schwaak

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s