16. Dezember

13-16

16.12.1940, Asbury Park, New Jersey

„Grinsen Sie nicht so blöd“, knurrte Moira das Ekelpaket in der Zelle gegenüber an. Der Kerl glotzte seit einer halben Stunde zu ihr herüber.

„Sei nicht so frech“, zischte Linda Thompson. Die hübsche Werwölfin mit der samtigen braunen Haut und dem schwarzen Kraushaar hockte neben ihr auf der Pritsche. „Wer weiß, wie lange wir mit dem Kerl hier drinnen hocken müssen?“

„Nicht lange, das verspreche dir.“ Fröstelnd schlang Moira ihren Schal enger um den Hals. Sie konnte sich Schöneres vorstellen als die Nacht in Untersuchungshaft zu verbringen, aber wenigstens war sie innerhalb dieser Zelle in angenehmer Gesellschaft. Außerdem hatte sich der Ausflug gelohnt, auch wenn sie bei ihrem Einbruch in die Fabrik nicht die begehrten Fotos gemacht hatte. „Also nochmal. Wie viele Zwangsarbeiter gibt es in den Greystone-Werken?“

Linda schnaubte. „Jetzt, wo ich sowas von gefeuert bin, dürften es noch 299 sein. Alles illegal eingewanderte Vampire, obdachlose Faune, halb erfrorene Werwölfe …“

„Aber die Greystones sind doch gar nicht paranormal.“ Moira massierte ihre Schläfen. Sie hatte seit achtundvierzig Stunden kein Auge mehr zugetan, aber sie musste sich konzentrieren, sich jedes Wort merken, nachdem die freundlichen Polizeibeamten ihr Kugelschreiber und Notizblock weggenommen hatten. „Das sind stinknormale Menschen, nicht wahr?“

„Ja, aber sie haben ihre Marktnische gefunden. In der Entwicklungsabteilung sitzen ein paar Magier, und für die Drecksarbeit nehmen sie jeden, der verzweifelt genug ist.“ Linda hob die Füße auf die Pritsche und schlang die Arme um die Knie. „Und natürlich produzieren sie in Jersey, obwohl der Löwenanteil der Kundschaft in New York sitzt.“

„Ich weiß.“ Moira schürzte die Lippen. „Jede zweite Familie hängt sich Greystones Zauberhafte Schneekugeln als Weihnachtsdekoration vors Fenster, jedes Kind will einen Greystone-Glitzerpulli, und alle denken, die Eiskristalle würden irgendwo in Kanada von wohlgenährten Einhörnern ausgefurzt.“

„So ähnlich steht‘s ja auch in der Broschüre“, sagte Linda düster. „Meine Schwester hat einen Lungenschaden von dem Material. Der Kunstschnee gibt vor der Endveredelung ziemlich heftige Dämpfe ab.“

In diesem Moment schubste eine breitschultrige Polizistin einen Herrn mit kreideweißem Haar und schmalen Falkenaugen in den Raum, der sich energisch gegen seine Handschellen wehrte und wüst schimpfte. Wenn das nicht Mr. Greystone persönlich war! Die Polizistin sperrte ihn mit stoischer Ruhe zu dem Kerl mit den Stieraugen, ehe sie sich Moira und Linda zuwandte.

„Ms. Thompson, Sie können gehen“, verkündete sie. „Sie brauchen keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten. Ms. Bran …“ Sie schmunzelte. „Über Sie redet man sich gerade die Köpfe heiß, ob diese Aktion unter Pressefreiheit oder Einbruch fällt. Jedenfalls ist Ihr Chefredakteur mit Ihrer Kaution auf dem Weg hierher, aber bis wir das Geld haben, müssen Sie wohl oder übel noch ein wenig hier bleiben.“

Moira antwortete mit einem knappen Nicken. Linda beugte sich für eine Abschiedsumarmung zu ihr hinunter. „Ich lade dich nächste Woche auf einen Kaffee ein“, wisperte sie ihr ins Ohr. „Dann singe ich wie ein Vogel über die Greystones.“

„Ich freu mich drauf“, flüsterte Moira zurück, obwohl sie unter dem zornigen Blick von Mr. Greystone bloß daran denken konnte, wie sehr sie die Weihnachtszeit hasste. Wer versaute für magischen Kunstschnee das Leben hunderter Leute? Widerlich!

© Isabel Schwaak

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