17. Dezember

13-17

„We wish you a merry Christmas, we wish you a merry Christmas, we wish you a merry Christmas and a happy new year“, sangen die Kinder begeistert.

Das Einhorn verdrehte die Augen. Wenn sie dieses bescheuerte Lied noch einmal hören musste, würde sie ihr Horn benutzen! Ohne Rücksicht auf Verluste! Aber Schuhu, die die Kinderschar dirigierte, spreizte bereits die Flügel für die nächste Runde.

„Und jetzt das ‚Gloria‘!“
„Nein! Es reicht!“ Das Einhorn stampfte mit den Silberhufen auf den gefrorenen Boden. Prompt drehten sich die Kinder mit großen Augen um.
„Aber Coco“, krähte der kleine Oscar.

Das Einhorn fletschte die schneeweißen Zähne. Natürlich hatte sie gar keinen Namen, wie jedes vernünftige Einhorn, aber die Kinder hatten sie Coco getauft. Weil Kokosnüsse  ja angeblich von innen so weiß waren wie ihr Fell. Wahrscheinlich konnte sie von Glück sagen, dass sie nicht „Snowflake“ oder „Frosty“ getauft worden war.

„Kein Aber Coco, ihr grölt seit vier Stunden!“ Das Einhorn strafte Schuhu mit einem bösen Blick.
Die dicke Eule reckte allerdings bloß empört den Hals. „Sei lieb! Es ist Weihnachten!“
„Wir sind hier im Dazwischen, hier gibt’s kein Weihnachten!“, fauchte das Einhorn.
Sofort fing die kleine Jenny an zu weinen.
„Oh, nicht doch!“ Bestürzt streichelte Schuhu ihr mit dem Flügel über den Kopf. Dann flatterte sie Coco entgegen, rammte ihre Klauenfüße in das flauschige Ohr und zerrte sie fort von der Lichtung, wo die Kinder mit traurigen Gesichtern zurückblieben.

„Lass mich los!“ Ungehalten ruckte Coco mit dem Kopf. Ihr Horn verfehlte Schuhu um Federbreite, doch Schuhu war es gewohnt, ihrer miesepetrigen Freundin auszuweichen.

„Diese Kinder sind tot“, zischte Schuhu. „Diese Kinder sind in der furchtbaren Situation, dass ihre Seelen im Dazwischen feststecken, sie können weder zurück zu ihren Familien noch zurück ins Jenseits, und du hast nichts Besseres zu tun, als ihnen ihr Lieblingsfest zu vermiesen? Der kleine Oscar vermisst seine Schwester, Jenny weint jeden Abend nach ihrer Mama, John hat Albträume und … und Anna hat versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, weil sie das Dazwischen nicht mehr aushält! Ihnen die Zeit hier ein wenig erträglicher zu machen, ist doch wohl das Mindeste, was wir tun können!“

Oh, Schuhu hatte diesen vorwurfsvollen Blick perfektioniert! Seit sie die Gespensterkinder betreuten, war sie zur Glucke mutiert. Und beim Gedanken an die weinende Anna, die immer wieder erfolglos versuchte, ihren transparenten Körper zu verletzen, um endlich weitergehen zu können, zog sich Cocos Magen zusammen. Dass die Kinder so unglücklich waren, so traurig und so hilflos, machte alles ja bloß noch dreimal schlimmer. Sie wären leichter zu ertragen, wenn sie ihr nicht auch noch leid täten.

„Ich habe mich nicht freiwillig als Babysitterin gemeldet!“, begehrte sie auf. Schwach.
„Aber Kinder lieben Einhörner!“
„Kinder lieben auch Eiscreme. Hast du deshalb eine Eiswaffel entführt?“
„Weil sie kein Eis mehr essen können“, quietschte Schuhu zornig. „Und keine Lebkuchen und keine Plätzchen! Weil sie ermordet worden sind und nicht einmal wissen, warum! Also lass sie wenigstens singen, das können sie noch!“
Coco seufzte kläglich. „Gibt’s nicht diesen dicken roten Heini, den Kinder so gerne mögen? Ein Kerl … In Rot, der bringt…“
„Geschenke? Der Weihnachtsmann?“ Schuhu pfiff beeindruckt durch den Schnabel. „Hätte nicht gedacht, dass du den kennst, du altes Muffeltier.“
„Ich könnte mir Äste ans Horn binden und das Rentier mimen“, brummte Coco wenig begeistert. „Und du kannst dir einen Bart ankleben…“
„Siehst du, es geht doch, wenn du dir Mühe gibst.“ Schuhu klackte mit dem Schnabel.

Einhorn und Eule blickten durch das Dickicht zurück zu den Gespensterkindern auf der Lichtung. Ihre Geschenke würden wohl nur aus Gusteln und trockenen Eicheln bestehen, aber eine echte Bescherung würden die Kinder lieben!

 © Isabel Schwaak

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