18. Dezember

13-18
“It was Christmas Eve babe, in the drunk tank
An old man said to me: Won’t see another one
And then he sang a song – The Rare Old Mountain Dew
I turned my face away and dreamed about you.”

Eigentlich zählte sich Sean Fitzgerald zu New Yorks Optimisten. Das Wort „Frust“ vermoderte ganz unten in seinem Vokabelstapel, aber wie der Schnee Hell’s Kitchen langsam unter einer weichen, weißen Decke versteckte und ihm ums Verrecken keine poetischen Redewendungen einfallen wollten, um den zauberhaften Anblick zu beschreiben, wünschte er sich eine höchst unpoetische Flasche Whiskey. Seit fünf Monaten hatte er kein Gedicht mehr zu Papier gebracht. Die langweiligen Wirtschaftsartikel, die er für das Wall Street Magazine verfasste, um seine Miete zu bezahlen, töteten alle Kreativität!

Seufzend vergrub er die Hände in den Manteltaschen und beobachtete, wie die Schneeflocken im Hudson ertranken. Hier wirkte New York irgendwie anders. Manchmal tanzten Lichter über dem Fluss, wie Feen. Die Menschen strahlten einen ganz besonderen, sirrenden, pulsierenden Charme aus, als stammten sie nicht aus dieser Welt, als wären sie einem Märchenbuch entflohen. Die Luft roch anders. Nicht nach der Stadt, nicht nach Asphalt und Abfall. Manchmal duftete es grünlich. Der Duft erinnerte ihn an die Geschichten aus Irland, die ihm sein Vater früher erzählt hatte. Magisch.

Dieses Gefühl musste man doch in Worte fassen können! Mit einer tiefen Furche auf der Stirn ließ sich Sean auf einer Bank am Ufer nieder und zückte sein Notizbuch. ‚Winter in Hell’s Kitchen‘. Nein, streichen. ‚Weihnachten in Hell’s Kitchen‘. Sein Kugelschreiber schwebte über dem dünnen Papier. Sein Herz klopfte erwartungsvoll, gleich mussten sich die Schleusen öffnen und all jene Worte hinausspeien, die er in den letzten Monaten für sich behalten hatte … doch nichts kam.

Schreibblockade. Verdammte Scheiße, er hasste Schreibblockaden!

Frustriert warf er den Kugelschreiber auf den gefrorenen Asphalt. „Ich brauch ’nen Drink!“
„Ho, Vorsicht!“
Erschrocken hob Sean den Kopf. „Oh, Entschuldigung! Habe ich Sie getroffen?“
„Nur meine Schuhe.“

Eine bildschöne Frau stand vor ihm. Die dunklen Locken reichten ihr bis an die Hüften, doch Seans Blick flirrte immer wieder zu den weichen schwarzen Augen und den vollen Lippen. Sie lächelte. Es war das schönste Lächeln, das er je gesehen hatte!

„Warum so schlecht gelaunt? Es ist doch fast Weihnachten.“ Ihre Stimme klang wie dunkle Seide. Wie Musik. Und als sie sich neben ihm auf der Bank niederließ und ihm den Kugelschreiber zurückgab, wehte ein lieblicher, leichter Duft nach Rosen und Rotwein zu ihm herüber. Sie streckte ihm die Hand entgegen.

„Hi. Ich bin Aoife.“

„Aoife.“ Erst, als sie leise lachte (ein herrlicher Klang, einem Glockenspiel nicht unähnlich!), bemerkte Sean, dass er sie wie ein Idiot anstarrte. Sein Sprachzentrum öffnete die Schleusen, zumindest innerlich. „Ent… entschuldigen Sie, ich wollte Sie wirklich nicht bewerfen“, stammelte er. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“

Sie schenkte ihm ein liebreizendes Lächeln. „Gerne.“ Ihre Zähne strahlten in demselben reinen weiß wie der frische Schnee. Und ihre Haut wirkte genauso weich … wenn er sie nur berühren könnte … „Ist alles in Ordnung?“ Diese Stimme! Eine wunderbare Melodie …

„Warten Sie bitte nur einen kurzen Moment, Aoife. Ich muss bloß schnell …“ Seine Stimme verlor sich im Rauschen des Hudsons, während der Kugelschreiber über das Papier flog.

Lyrics: The Fairytale of New York (The Pogues),
Story © Isabel Schwaak

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