19. Dezember

13-19

Leia Zapf verrenkte sich beinahe den Rücken und fluchte verhalten, doch die Kordeln ihres Kleides blieben weiterhin außer Reichweite.
„Ich bräuchte mal Hilfe beim Zuschnüren“, rief sie.

Lanzo Vierklee schlurfte ins Wohnzimmer und zurrte ihre Rückenschnürung zurecht. Ausnahmsweise sparte er sich diesmal das Rotwerden. Leia war dankbar dafür. Für gewöhnlich kam sie gut mit seiner Schüchternheit zurecht, aber heute ertrug sie sie nicht. Während er schnürte, presste sie die Lippen aufeinander. Das Kleid saß einfach nicht! Außerdem war es viel zu dünn für diese Jahreszeit. Draußen wirbelte der Schnee über den Hof und sie hatte nicht einmal vollständige Ärmel, und überhaupt …

Als Lanzo sein Werk beendete, drehte sie sich zu ihm um. „Und?“ Wenig begeistert streckte sie die Arme aus. Eigentlich musste sie ihn ihrzen und mit höflichem Titel ansprechen, weil er vier Jahre älter war als sie, aber Brun war nicht da, um sie zu rügen. Nein, ihr Großvater hatte sich hübsch aus dem Staub gemacht an diesem strohdoofen Tag…
„Steht dir.“ Lanzo musterte sie – ausnahmsweise nicht wie der verlegene Einundzwanzigjährige, der er war, sondern wie der Spinnerlehrling, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Textilien herzustellen. „Schwarz. Omma Magolwes reißt dir den Kopf ab.“ Sein Schmunzeln erlosch. „Aber der Stoff ist nicht gut.“
„Sage ich doch die ganze Zeit“, grummelte Leia, während sie fröstelnd ihre Unterarme rieb. Geister und Sterne, sie durfte nicht einmal einen Mantel anziehen, wenn sie nachher hinausging. Nächste Woche würde sie einen dicken Schnupfen haben! Dumme Tradition… „Unsere Stoffe sind ordentlicher verarbeitet. Dass wir das blöde Teil überhaupt kaufen mussten! Es war sauteuer und wir wissen beide, dass ich etwas Besseres hätte nähen können. Was mit langen Ärmeln zum Beispiel.“
„Ja, aber die Schneider von Halmheim-“
„-haben einen Vertrag, dass die laubheimer Mädchen zur Maidenweihe ihre Kleider bei ihnen kaufen, schon klar.“ Leia verdrehte die Augen.
„Was bist du denn so grantig?“ Stirnrunzelnd lehnte sich Lanzo gegen den Wohnzimmerschrank. „Heute ist doch dein großer Tag.“

„Seit wann ist die Maidenweihe ein Grund zum Freuen?“, erwiderte Leia. „Wir werden kurz vorm Nucksdaach in viel zu dünnen Kleidern durch den Schnee gescheucht, müssen stumpfsinnige Fragen beantworten und beweisen, dass wir ordentliche Reibekuchen backen können, und dann sind wir Frischfleisch für den Heiratsmarkt. Hurra.“

Nun errötete Lanzo doch. Dabei hatte sie die fiesen Fruchtbarkeitsuntersuchungen mit keiner Silbe erwähnt, aber vermutlich wusste sogar er mittlerweile, dass die alten Damen des Dorfes die Hüften der Mädchen maßen und ihnen zwischen die Beine langten. Es war so ungerecht! Lanzo würde seine Burschenweihe erst in drei Jahren haben. Den Jungs blieb nicht nur viel mehr Zeit, ihre Weihe war auch nicht halb so demütigend wie die der Mädchen!

„Und trotzdem führen sich alle auf, als ob es ein Familienfest oder so wäre“, ereiferte sie sich weiter. „Wenn das stimmen würde, hätte Brun sich nicht über die Feiertage aus dem Staub gemacht! Ich hab keine Eltern mehr, und das letzte vorhanden Familienmitglied haut ab!“
„Quatsch, als ob Brun freiwillig zur Wintersonnenwende zu seinem Vetter wandert! Die streiten sich doch bloß die ganze Zeit!“ Lanzo fuhr mit dem Zeigefinger über die Holzmaserung. „Ich glaube eher, er will nicht sehen, wie seine geliebte Enkelin mit Heiratsanträgen überschüttet wird.“
Daraufhin schnitt Leia eine Grimasse. „Ich will aber gar nicht heiraten. Was mach ich denn, wenn doch irgendein Dost auf die Idee kommt, um meine Hand anzuhalten?“
„Dann darf der Dost sich bei mir melden, ich vertrete Brun schließlich.“ Lanzos Mundwinkel zuckten. „Und dann darf ich dem Dost verkünden, dass er sich seine Abfuhr gefälligst bei dir abholen soll.“
„Klingt gut.“ Ein winziges Grinsen huschte über Leias Lippen, doch es erstarb, als eine lärmende Rasselbande am Haus vorbeistürmte.

Für einen kurzen Moment wünschte sie sich, wieder fünf zu sein, mit den anderen Kindern durch den Winterwald zu toben und Schneebälle zu werfen. Damals hatte sie nicht verstanden, warum die großen Mädchen nicht mitkamen, warum die Mütter ihnen die Haare flochten und ihnen Mistelzweige an die merkwürdigen Kleider pinnten. Natürlich hatte sie die großen Mädchen bewundert – wie all ihre Altersgenossinnen. Sie alle hatten sich vorgestellt, irgendwann ebenfalls hübsch gemacht zu werden, Lippenrot aufzumalen und mit langen Röcken durch den Schnee zu balancieren. Wie dumm sie gewesen waren – mit fünf.

„He.“ Behutsam tippte sie Lanzo an, der unter ihrer Berührung zusammenzuckte. „Machen wir eine Schneeballschlacht, wenn ich mit der Prüfung durch bin?“
Gleich danach?“
„Ja.“
„In dem Kleid?“ Zweifelnd hob er eine Augenbraue.
„Ja. Damit bloß niemand auf die Idee kommt, dass ich mit siebzehn schon reif genug zum Heiraten bin.“
Lanzo lachte leise. „Wird gemacht.“

 

© Isabel Schwaak

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