20. Dezember

13-20

Cinn fror. Frieren war wider seiner Natur! Er bestand aus Feuer, und trotzdem brachte er es nicht fertig, seinen Körper aufzuheizen. Der Wind heulte. Einer von Ancis unangenehmen Verwandten spielte mit Brrs großem Bruder Fangen, überall Schnee und Eis und Hagel und Kälte! In so einem Gefecht war ein Feuergeist Fehl am Platze! Sie würden ihn auspusten, wenn er nicht schleunigst hier wegkam, aber der Schnee war überall! Cinn presste die Augen zu und plusterte seinen Körper auf. Er durfte sich nicht klein machen, auch wenn er am liebsten als Fünkchen davongelaufen wäre. Aber dann würde er weggeweht, ganz sicher … Weit und breit nur nasses Holz, es gab nichts zu essen, und das nächste Dorf war zu weit weg. Oh, dort hätte er sich in einen Kamin kuscheln und seine Wunden lecken können, aber so … so würde er in einer verdammten Schneeballschlacht sterben!

Was war das? Hatte er nicht gerade eine Stimme im Wind gehört? Viel tiefer und sanfter als das kalte Heulen … und die Stimme rief seinen Namen!

Mit dicken Backen (es war anstrengend, seinen Körper groß zu behalten!) watschelte er über den Schnee, immer der Stimme nach, die weiter zu ihm sprach. Eine beruhigende, warme Stimme … hatte er dieses heisere Timbre nicht schon irgendwo gehört? Und woher kannte dieser Jemand seinen Namen? Nur Geister kannten seinen Namen, ansonsten hielt er ihn immer geheim – zu groß die Gefahr, dass irgendein dummer Mensch auf die Idee kam, ihn zu beschwören … aber wer suchte schon seine Gesellschaft?

Nun stand Cinn vor einer Höhle. Die Stimme drang aus der Dunkelheit. Als Cinn eintrat, versscheuchte sein goldener Lichtschimmer (viel schwächer als sonst) die Schatten von den schartigen Wänden. Doch irgendwann gab es keine Schatten mehr. Stattdessen schönes, warmes Flackerlicht – und die Stimme wurde beinahe greifbar. Cinn bog um die Kurve.

Eine kleine, alte Frau saß auf der Erde, die Hände einem Feuer entgegengereckt. Ihre Haut hatte einen blassgrünen Ton, das dunkelgraue Haar mit den weißen und tannenfarbenen Strähnen reichte ihr bis zu den Fußsohlen. Die Haut sah aus wie Birkenrinde – voller Borken, Flechten und Astlöcher. Ein Lächeln auf dem runzeligen Gesicht ließ ihre schwarzen Augen glitzern. Oh, er kannte sie, er kannte sie, aber dies musste eine Falle sein, dachte Cinn entsetzt.

„Frau Tiri“, stieß er hervor und senkte respektvoll den Kopf, ehe er ihn mit milder Panik wieder hob. Die Mutter der Pflanzen hatte allen Grund, ihn zu hassen, schließlich fraß er regelmäßig ihre Kinder! Und irgendwie hatte Cinn das Gefühl, dass ihre Borkenarme nicht brennen würden, selbst wenn er versuchte, daran zu knabbern. Diese Frau war alt. Die Magie in ihr war alt, alt und mächtig, wie der allererste Wald auf Erden.

„Guten Tag.“ Die Stimme der Frau klang dunkel, warm und heiser, doch zu Cinns Erleichterung war es nicht die Stimme, die ihn gerufen hatte. Und Tiri machte nicht den Eindruck, als wolle sie Cinn austreten wie eine ungehorsame Kerze. „Du bist also der Rabauke, für den ich meine Ästlein spenden sollte.“

„Komm her, mein Kind“, sagte eine zweite Stimme. Erstaunt drehte Cinn sich um. Das war die Stimme, die er im Wind gehört hatte! Erst jetzt fiel ihm auf, dass Tiris Feuer nicht in Holz wurzelte. Es loderte ganz allein auf dem staubigen Höhlenboden. Nun wuchs es in die Höhe, so als stünde es auf, die Füße reine Lava. Es reckte sich in die Breite, die Arme ein Funkenstieben. Die Flammen formten ein Lächeln, das die Hitze in der ganzen Höhle verteilte. Feuer. Alles Feuer der Welt. Das erste, das älteste … Cinn wurde schwummrig im Kopf. Er war nur ein kleiner Geist, aber das hier … das war einer der vier Großen!

„Cinnur“, stammelte er und verbeugte sich. Feuer. Feuer selbst. Das erste, das älteste, das…
„Komm her, mein Kind“, wiederholte Cinnur. Die Stimme war nicht männlich, nicht weiblich, nur da, und warm, und streckte Cinn die Arme entgegen.

Und Cinn ließ sich hineinfallen, in dieses alte, mächtige Feuer, in dem er vor dem Schlüpfen geträumt hatte. Nach dem Schlüpfen hatte er sich an nichts Elterliches erinnern können, aber nun, da er in diesen gewaltigen Flammen seine Wunden leckte, erkannte er sie wieder. Und während Tiri mit einem feinen, leisen Lachen hinaus in das Schneetreiben schlenderte, um Klrr und Boreas beim Spielen zuzuschauen, schlief Cinn, zum ersten Mal dem Schlüpfen. Und Cinnur sang für das Kind, ein leises, knisterndes Feuerlied.

© Isabel Schwaak

 

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