21. Dezember

13-21

Alrun stapfte durch die Dunkelheit. Der Schnee knirschte unter ihren schweren Stiefeln und ihre Stimmung näherte sich dem Tiefpunkt. Nach der viel zu langen Sitzung des Hammerrats brummte ihr der Schädel. Da war sie schon ins Militär gewechselt und verbrachte trotzdem noch viel zu viel Zeit mit der Politik. Aus irgendeinem Grund litt der gesamte Rat des Hexenhammers im Dezember an akuter Reizbarkeit – wundersamerweise hatten sie noch keine Toten zu verzeichnen. Nach einem solchen Tag konnte Alrun sich Schöneres vorstellen, als mitten in der Nacht durch den Auwald von Alawis zu irren. Nur die Aussicht, Sila im Gestrüpp vorzufinden, sorgte dafür, dass sie nicht auf der Stelle kehrt machte und sich ins Warme verkrümelte.

Es war ohnehin riskant, sich draußen zu treffen. Als hohes Mitglied des Hammerrats waren Alrun Liebschaften jedweder Art verboten. Ihr Leben gehörte der Stadt, sie war Alawis mit Haut und Haaren verpflichtet, und die wenigen, die von ihrer Romanze mit Sila wussten, runzelten regelmäßig die Stirn. „Denk an deine Arbeit!“, knurrte ihre Schwester jeden Tag. Im Gegensatz zu Alrun hielt sich Runwen stets bis aufs i-Tüpfelchen an die Regeln. Runwen würde es nicht im Traum einfallen, sich zu verlieben. Aber Alrun hatte ihr Herz nun einmal verschenkt, und für’s erste wollte sie das Ding nicht zurück. Da, wo es sich zurzeit befand, war es gut aufgehoben. Warum Sila sie heute ausgerechnet im kalten, nassen Wald treffen wollte, blieb ihr dennoch ein Rätsel. Das nachtblaue Wollkleid klebte an ihren Waden, die Kälte kroch ihr in die Glieder, das lange Goldhaar hing mittlerweile klamm an ihren Wangen. Sie wollte nach Hause.

„Sila?“, rief sie versuchshalber in den Wald hinein. ‚Du brauchst keine Kerze‘, hatte ihre Herzallerliebste auf den Zettel geschrieben, den Alrun am frühen Abend auf ihrem Schreibtisch gefunden hatte. Prompt stolperte Alrun und unterdrückte einen unfeinen Fluch.

„Guck nicht so böse“, raunte eine Stimme hinter ihr. Zwei schlanke Arme wanden sich um ihre Taille, ein warmer Körper schmiegte sich an ihren Rücken.
„Du kannst mein Gesicht doch gar nicht sehen.“ Mit einem Schmunzeln auf den Lippen ertastete Alrun Silas Hände.
„Aber ich höre dich grummeln.“ Der Schatten einer Frau, die Alrun bis zum Schlüsselbein reichte, malte sich vor den fernen Lichtern von Alawis ab. Alrun erkannte gerade eben, dass Sila das schwere, dunkle Haar heute offen trug. Es wehte in der kalten Brise.
„Was genau treiben wir hier?“, fragte Alrun, die mittlerweile ernstlich fror.

Sila nahm sie bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald. Sah sie wirklich so viel mehr als Alrun? Oder war sie bloß den Weg oft genug gegangen, sodass sie ihn mittlerweile auswendig kannte? Doch langsam, so schien es Alrun, gewöhnten sich auch ihre Augen an die Dunkelheit. Oder nicht? Sie sah mehr, gewiss, aber lag es tatsächlich an ihren Augen oder wurde es… heller? Von einem Schritt auf den anderen blieb sie stehen. Lichter. Kleine Lichter ragten aus der Schneedecke. Nein, keine Lichter – es waren Blumen! Blumen, die einen weichen, silbrigen Schein versprühten.

„Sind das Mondblumen?“, fragte Alrun ungläubig.
„Und Sternenblumen.“ Sila nickte. Ihre Mandelaugen glänzten.
Die ganze Lichtung sah aus, als hätte der Nachthimmel sich für einen Augenblick zum Verschnaufen auf dem Waldboden niedergelassen. Sternenblumen lugten wie Heidekraut aus ihren holzigen Ästlein hervor, Mondblumen reckten sich den Wolken entgegen und öffneten ihre ausladenden, weißen Blüten. Der Schnee warf das Silberlicht zurück, die kahlen Bäume sonnten sich in dem Glanz. Geister und Sterne, sie blühten im Winter!

„In Alawis gibt doch es seit Jahren keine Mondblumen mehr“, hauchte Alrun. Es war lange her, dass sie etwas so schönes zu Gesicht bekommen hatte. Vorsichtig berührte sie eine kleine Mondblume zu ihren Füßen. Die samtige Blüte erzitterte unter ihren Fingern. „Haben wir etwa wieder Einhörner? Die wachsen doch nur, wo Einhörner leben!“

„Keine Ahnung, ich habe sie auch erst letzte Nacht entdeckt.“ Sila lächelte. „Ich dachte, du freust dich vielleicht.“ Behutsam pflückte sie eine Mondblume, streichelte Alrun mit der weichen Blüte über die Wange und legte ihr schließlich ein weiches Blatt auf die Zunge. Sofort breitete sich eine behagliche Wärme in Alruns Körper aus, von der Zunge mit in die verfrorenen Zehenspitzen.

„Danke“, sagte sie leise.
„Langen Tag gehabt?“ Sila bettete ihren dunklen Schopf auf ihrem Brustbein. Alrun zog sie dichter an sich. Die Wärme tat gut.
„Das kannst du laut sagen.“
„Komm. Du wirst jetzt zwangsentspannt.“ Die Arme erneut um Alruns Hüften geschlungen, dirigierte Sila die größere Frau durch die Mondblumenwiese und schubste sie schließlich mit einem verspielten Quietschen zu Boden. Alrun landete weich auf einer flauschigen Wolldecke, gleich neben zwei Tassen und einer dampfenden Kanne. Unter der Decke knarrte der Schnee, doch von der Kälte war nichts mehr zu spüren. Ein Picknick inmitten von Sternen! Nun, da sie nicht mehr fror und in der Gesellschaft ihrer Lieblingsperson in einem Meer aus Silberlichtern saß, hob sich Alruns Stimmung schlagartig. Sie packte Sila bei der Hand und zog, sodass sie ungalant auf ihr landete.
„Schönes Lurlennas[1]“, raunte Alrun.

© Isabel Schwaak
Für Sabrina :*

[1] Fünfwöchiges Wintersonnenwendfest in Alawis

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