22. Dezember

13-22

Der Weihnachtsmann fluchte so laut und ausfallend, dass sich drei seiner Elfen zu Tode erschreckten. In seiner Ecke grunzte Ruprecht und wedelte drohend mit seiner Rute, doch der Weihnachtsmann schlug zornig mit der Faust auf den Tisch.

„Streik! Wie kann die Post jetzt streiken? Wenn die Wunschzettel alle Verspätung haben, können wir nie und nimmer das ganze Spielzeug rechtzeitig produzieren!“

„Reg dich ab, Claus“, knurrte Ruprecht (im Stillen schimpfte Santa Claus, der kohlrabenschwarze Kerl hätte leicht reden – seine Arbeit war ja bereits seit dem 6. Dezember erledigt!). „Deine fleißigen Elfchen waren auf Zack, sie haben gleich eine Notfallhotline eingerichtet.“

„Eine was?“

„Wo lebst du eigentlich?“ Ruprecht hievte sich aus seinem flauschigen Sessel, schlenderte zu Claus hinüber und drückte ihm ein Telefon in die Hand. „Hier. Damit betreiben die Menschen seit ein paar Jahren Kommunikation. Schneid dir eine Scheibe vom Christkind ab, das betreut schon seit zwei Stunden aufgeregte Eltern.“ Er nickte zu einem blondgelockten Engelchen hinüber, das gut gelaunt am Hörer hing. „Und der gute Rudolph hat auch einen Mail-Account eingerichtet. Wahrscheinlich werden dich die Omis und Opis dich anrufen und die Mamas und Papas eine Mail schreiben.“

„Eine was?“ Mit offenem Mund blickte Claus von dem Hörer in seiner Hand zu dem Rechner, an dem ein Rentier geschäftig mit den Hufen auf der Tastatur klackerte. Bisher hatte Claus erfolgreich alle Technik von seiner Spielzeugfabrik ferngehalten – seit wann gab es hier überhaupt Strom?

„Gern geschehen“, muffelte Ruprecht, „ich helfe doch stets mit Freuden.“
„Aber-“
Das Telefon klingelte. Rudolphs Nase blinkte im Takt auf.
„Nun geh schon ran, dafür haben ist es da!“ Ruprecht gab Claus einen Klaps mit der Rute. Als Claus sich nicht regte, drückte Ruprecht den grünen Knopf und hielt dem Weihnachtsmann den Hörer demonstrativ ans Ohr.
„Hallo?“, stammelte Claus.
„Wer ist denn da?“, knarzte eine ältliche Frauenstimme mit kölschem Akzent. „Habe ich da den Herrn Weihnachtsmann am Apparat? Man hat mich an diese Telefonnummer verwiesen.“
„Äh…“
„Sag einfach ja“, brummte Rudolph über das Klappern der Tastatur hinweg.
Endlich gab sich Claus einen Ruck. „Äh, ja, hier sind Sie richtig. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Vorsichtshalber langte er nach einem Kugelschreiber. Mit ein wenig Mühe fand er auch einen Zettel. Heilige Schneeflocken, wann hatten die Elfen die Zentrale der Spielzeugfabrik in eine papierfreie Zone verwandelt??

„Ja, also, mein Enkel wandert, auch im Kalten“, sagte die alte Frau. „Und jetzt hat er sich so eine Fleckejacke gewünscht.“
„Fleckenjacke?“ Claus runzelte die Stirn. „Wie in Kuhflecken?“
„Ja, Flecke. Ist Kuhfell warm?“ Die alte Dame runzelte hörbar die Stirn. „Das ist ganz komisch geschrieben auf dem Wunschzettel. Der Jung hat so ’ne Sauklaue. Vielleicht heißt es auch Fläze-Jacke, wenn nach dem Wandern noch rumfläzen will.“
Claus warf Ruprecht einen hilflosen Blick zu. „Fläze-Jacke?“
Bevor Ruprecht die Geduld verlieren konnte, schlug Rudolph sein Geweih auf die Tastatur, hopste zu Claus hinüber und nahm ihm das Telefon ab. „Wären Sie so freundlich, mal genau zu buchstabieren, was Ihr Enkel geschrieben hat?“
Und die Dame buchstabierte. Offenbar interessierte es sie nicht die Bohne, dass sie sich plötzlich mit einem sprechenden Rentier unterhielt. Mit dem Kugelschreiber im Maul malte Rudolph die Buchstaben auf den Zettel und verabschiedete die Oma höflich. Geweihschüttelnd legte er den Hörer auf Clausens Schreibtisch.

„Dieses achtjährige Kind wünscht sich eine Fleece-Jacke. Sind wir hier bei Jack Wolfskin?“

Grummelnd kehrte er zu seinem Rechner zurück und ließ Claus bedröppelt stehen. Das Telefon klingelte schon wieder.

„Geh schon ran“, brummte Ruprecht.
„Ich will nicht“, hauchte Claus.
„Ach, gib schon her, ich mach das.“ Gut gelaunt rupfte das Christkind ihm den Hörer aus der Hand.

© Isabel Schwaak
(frei nach einer Diskussion über die inflationäre Verwendung von Englisch im deutschsprachigen Raum :))

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