23. Dezember

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23.12.1941, New York City

„Frohe Weihnachten, Bran.“
„Weihnachten ist erst übermorgen – und absoluter Humbug.“ Mit säuerlicher Miene kippte Moira ihren Whiskey hinunter und drehte sich zu Sweeney um. „Was treiben Sie denn in Hell’s Kitchen?“

„Lassen Sie mich, ich habe allen Grund, mich gnadenlos abzuschießen.“ Sweeney rutschte auf den Stuhl neben ihr und bestellte doppelte Selkie-Tränen. Das ganz harte Zeug, das sogar während der Prohibition überall erhältlich gewesen war, weil es keinen Tropfen Alkohol enthielt. Angesichts der hochmagischen Inhaltsstoffe blieb Moira lieber bei ihrem Whiskey, von dem sie nun ein weiteres Glas bestellte.

„Was haben Sie denn erwartet? Dass der Presserat applaudiert, wenn Sie den Oberbürgermeister diffamieren? Ich hätte Ihnen gleich sagen können, dass der Typ sauber ist. Seien Sie froh, dass sie keine Verleumdungsklage am Hals haben.“ Moira verbiss sich ihr süffisantes Grinsen. „Normalerweise bin ich für solche Aktionen zuständig. Sie sind doch der Saubermann der Redaktion. Was war los, Charlie? Hat Ihnen jemand Drogen untergeschoben?“

„Ich war so sicher, dass … ach, vergessen Sie’s!“ Mit glühenden Wangen leerte Sweeney sein Pinnchen und bestellte ein zweites. „Können wir bitte nicht mehr drüber reden?“
„Wie Sie meinen, Sherlock.“

Schweigend hockten sie vor ihren Drinks. Ein unterirdisch beschissener Tag. Moira wusste nicht recht, ob es eine gute Idee war, sich zur Aufheiterung in einer Leprechaunkneipe in Hell’s Kitchen zu verschanzen. Sweeneys Anwesenheit half nur bedingt, immerhin hatte er ihr diese Redaktionssitzung aus der Hölle (inklusive spontanem Besuch von der Polizei und diversen Anwälten menschlicher und paranormaler Natur) eingebrockt. So sehr sie ihren Job liebte – sie dankte den Göttern, dass sie über Weihnachten keinen ihrer Kollegen sehen musste. Dann kam sie vielleicht endlich wieder zum Arbeiten.

Ein Leprechaun schlug einige Akkorde auf dem lädierten Klavier an. Als er auch noch zu singen begann, keifte der Wirt: „Das kling grausam, O‘Malley!“, doch der Leprechaun spielte ungerührt weiter. Moira stöhnte leise. Ein Weihnachtslied. Als wären all die Mistelzweige, Girlanden und Zuckerstangen nicht genug. Sweeney dagegen brachte nach dem dritten Glas Selkie-Tränen ein brüchiges Lächeln zustande.
„Tanzen Sie eigentlich?“
Spinnen Sie eigentlich?“ Moira blinzelte perplex. „Keine Selkie-Tränen mehr für Sie, Charlie.“
„Was denn? Ist doch nichts dabei, Ihnen bricht schon kein Zacken aus der Krone.“ Grinsend nahm Sweeney sie bei der Hand. „Kommen Sie schon.”
„Wenn ich mit Ihnen tanze, versprechen Sie dann, mich über die Feiertage in Ruhe zu lassen?“
„Wenn Sie drauf bestehen, Scrooge.“

Sweeney schlang seinen Arm um ihre Taille. Er schwankte ein wenig, Tanzen würde in diesem Falle also wohl Schunkeln bedeuten. Moira war es recht, zumal sie gerade die Absolution bekommen hatte, an den Feiertagen ungestört für ihre Dämonen-Story zu recherchieren, von der Sweeney ihr die letzten Wochen dreimal täglich abgeraten hatte. Dann allerdings hämmerte der Leprechaun am Klavier viel zu enthusiastisch in die Tasten, neues Tempo, mehr Schwung, und plötzlich kam der halbe Pub auf die Beine. Moira verdrehte die Augen, als sechzig Leprechauns in den Refrain einstimmten.

„The boys of the NYPD choir were singing Galway Bay
And the bells were ringing out for Christmas Day.”

„Gucken Sie nicht so finster, Bran.“ Sweeney klimperte höchst unsweeneyhaft mit den Wimpern. „Es ist Weihnachten.“
Moira seufzte. „Lassen Sie’s einfach, Charlie. Lassen Sie’s einfach.“

© Isabel Schwaak
Und jaa, ich mag die Pogues wirklich gerne. Wenn dafür ein Anachronismus hermuss… 🙂

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