Warum Fanfiction großartig sein kann

Fanfiction ist ja mancherorts verpönt. Ich möchte gerne eine Lanze dafür brechen.

Für diejenigen, die nicht wissen, was Fanfictions überhaupt sind: Laut Merriam Webster bezeichnet der Begriff “stories involving popular fictional characters that are written by fans and often posted on the Internet”. Also, Geschichten über Geschichten, geschrieben von Fans. Der Zusatz mit dem Internet ist optional, denn Fanfiction ist älter als das Internet.

Ich kenne so einige Leute, die Fanfiction ablehnen – viele denken dabei an schlecht geschriebene Pornos mit geklauten Figuren. Das ist wohl auch (neben der Copyrightfrage) mit ein Grund, warum Autoren wie George R.R. Martin oder Anne Rice keine Freunde von Fanfiction sind. Und es ist durchaus richtig, dass ein großer Teil des Fanfiction-Arsenals schlecht geschrieben oder pornographisch ist (oft auch beides), aber – und das ist ein großes ABER – es gibt auch richtige Juwelen unter den Fan-Geschichten. Detaillierte Charakterstudien. Erforschungen von Winkeln der entsprechenden Welten, über die man vielleicht nie zuvor nachgedacht hat. Geschichten, in denen Nebenfiguren zu faszinierenden Protagonisten werden, und das alles in handwerklich exzellenter Prosa. Solche Schätze sind zum Teil schwer zu finden, aber überaus lesenswert.

Wenn man darüber nachdenkt, ist auch Dantes Göttliche Komödie nichts anderes als gut gemachte Bibel-Fanfiction, ebenso wie Miltons Paradise Lost. Ovids Metamorphosen sind, genau wie die Percy Jackson-Bücher oder Christa Wolfs Kassandra, im Prinzip Fanfiction über die griechische Mythologie, und ein Teil der Marvel-Comics sind gewissermaßen FFs über die Edda und die nordische Mythologie – Thor, Loki, ihr wisst schon. Und wenn man Sherlock Holmes und Dr. Watson in unsere Zeit holt und sie in einem modernen Umfeld Fälle lösen lässt, ist das im Prinzip auch Fanfiction zu Arthur Conan Doyle. Darüber denkt aber kaum jemand nach.

Übrigens spreche ich hier im Weiteren ausschließlich über nichtkommerzielle Fanfictions – nicht so etwas wie Kindle Works, wo FFs verkauft werden. Die Figuren und Welten gehören immer noch dem Ursprungsautor. Wenn man Geld mit fremden Figuren und Ideen verdient, ist es Diebstahl.

Fanfiction können großartig sein – für Schreibanfänger, für erfahrenere Autoren und natürlich für Mitglieder des jeweiligen Fandoms.

Weltenbau und Figuren

Natürlich sind Fanfiction nicht nur für Anfänger – es gibt brillante FF-Autoren, die auf professionellem Niveau schreiben. Dennoch: Gerade für Anfänger haben Fanfiction den Vorteil, dass der Weltenbau wegfällt. Die Leserschaft ist bereits mit der entsprechenden Welt vertraut; du musst im Harry Potter-Fandom nicht erklären, was Hogwarts oder ein Todesser ist. Natürlich ist Weltenbau wichtig, macht Spaß, ist spannend und keine eigene Geschichte kommt ohne aus. Aber für den Anfang ist es verdammt viel, eine komplette Welt zu bauen. Und selbst in eigenen Geschichten kann deine Welt noch so toll und innovativ sein, Geschichten leben nun einmal in erster Linie von ihren Figuren. Fanfictions bieten die Möglichkeit, sich erst einmal zu 100% auf die Figuren zu konzentrieren und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Das können sowohl Figuren aus dem jeweiligen Kanon sein, oder aber eigene Kreationen (solange es keine Mary Sues/Marty Stus sind, also Figuren, die alles können und wissen, die supersexy und mächtig sind, denen man oftmals anmerkt, dass sie glattgebügelte Alter Egos des Autoren sein sollen und die so zum Kotzen perfekt sind, dass jeden Leser das nackte Grauen überkommt).

Nur weil der Weltenbau wegfällt, heißt das aber noch lange nicht, dass der Schreibprozess einfacher wird. Beileibe nicht, Freunde. Gute Fanfiction-Autoren verbringen viel Zeit mit Charakterisierungen und dem Erforschen von Vergangenheiten und Hintergründen, Personenkonstellationen und zwischenmenschlichen Dynamiken. Du musst zwar in Silmarillion-Geschichten keine Zeit darauf verwenden, zu erklären, wie und warum Maedhros seine Hand verloren hat, sondern kannst direkt darüber schreiben, wie er mit seinem Handverlust umgeht – oder über sein Verhältnis zu Fingon, der ihm die Hand abgeschlagen hat, statt ihn zu töten, wie er es eigentlich wollte. Du kannst über das Miteinander von Figuren schreiben, oder über ihr Innenleben oder ihre Entwicklung. Das ist aber trotzdem verdammt schwierig, wenn man es gut und überzeugend hinbekommen will. Gerade, wenn man es mit traumatisierten Figuren zu tun hat. Es ist schwierig und braucht Fingerspitzengefühl. Ist aber dafür umso reizvoller – für Schreiber und Leser.

Headcanons

Wir alle kennen das wohl, dass Dinge, die uns interessieren, in Büchern, Filmen oder Serien (noch) nicht aufgelöst wurden, dass Fäden zwischen den Zeilen verschwinden oder schlichtweg nicht detailliert genug ausgeführt wurden, um unseren Wissensdurst zu stillen. Die einen tauschen sich in Gesprächen oder in Foren darüber aus und spekulieren, die anderen schreiben ihre eigene Version nieder. Headcanons in Geschichtenform zu schreiben, ist toll. Nicht nur, weil man sich weiterhin im Schreiben übt, sondern weil man zum Teil auch ein enges Verhältnis zum Ausgangstext entwickelt. Man hat ja seine Eckpfeiler, Dinge, die einem als Hinweisschilder dienen, warum Figur X so und so ist, warum sich Plot Y so und so entwickelt hat. Es gibt großartige Varianten, warum Regulus Black sich wirklich von Voldemort abgewandt hat, Antworten auf die Frage, ob es bei den Snapes häusliche Gewalt gab oder auch einfach nur auf die Frage, warum Krummbein eigentlich so ein merkwürdiges Exemplar von einem Kater ist.

Konstruktive Kritik aus der Szene

Der Austausch von Fanfiction findet in der Regel auf entsprechenden Plattformen statt, z.B. auf fanfiction.net, fanfiktion.de oder archiveofourown.org (auf Tumblr geht es auch, aber dort muss man sehr sorgfältig taggen). In diesen Communities finden die Geschichten eine engagierte Leserschaft. Da viele der Leser ebenfalls Autoren sind, die wissen, wie wichtig Rückmeldungen sind, erhält man mit ein wenig Glück Feedback – und zwar differenziertes Feedback, das dir als Autor wirklich weiterhelfen kann. Natürlich bekommt man konstruktive Kritik nicht nur im Internet – das Beste sind immer noch Beta-Leser, die deinen Text mit kritischem Auge ganz genau unter die Lupe nehmen. Aber FF-Communites sind eben auch ein Weg. Gerade für Schreiberlinge, die zwar Kontakt suchen, aber mit z.B. Schreibwerkstätten oder Autorenforen nicht viel anfangen können, bieten diese Plattformen eine gute Möglichkeit, sich über das Schreiben auszutauschen.

Eigendynamik

So schlecht ich persönlich 50 Shades of Grey auch finde, aber man muss es der Autorin lassen, dass ihre Geschichte letztlich eine solche Eigendynamik entwickelt hat, bis sie nichts mehr mit dem Twilight-Fandom zu tun hatte, aus dem sie stammte, und etwas Eigenes geworden ist.
So etwas gibt es auch in gut. Fanfictions können einen kreativen Prozess in Gang setzen, der über das reine „Schreiben mit Fremdmaterial“ hinausgeht – manchmal so weit, dass das ganze Fandom auf der Strecke bleibt. Es kann passieren, dass Fandom-Figuren so anders interpretiert werden, dass sie nichts mehr mit dem originalen Harry Potter oder Frodo zu tun haben – weil sie über sich hinausgewachsen etwas komplett eigenes geworden sind. Es kann passieren, dass man sich eigene Figuren ausdenkt, die ursprünglich mal durch Hogwarts spaziert sind, dann aber so rund und selbstständig geworden sind, dass sie auch in einer eigens kreierten Welt überleben können.

Wenn so etwas passiert, ist das immer gut (und ja, in der Regel passiert so etwas – man schreibt eine Fanfiction ja nicht mit der Intention, daraus etwas eigenes zu entwickeln, sondern eher aus Spaß an der Freude). Figuren, die von allein zum Leben erwachen, sind das Beste, was einem Autor passieren kann, egal, ob sie irgendwann mal Sirius Black hießen (der ja letztlich auch in dem von Rowling festgelegten Rahmen feststeckt) oder sich aus einem relativ statischen eigenen Charakter entwickelt haben. Das ist immer ein kreativer Prozess, auch wenn Figuren aus einer Fanfiction schlüpfen, sich aus dem Fandom häuten wie eine Schlange und stattdessen als Mitbewohner in eine komplett eigene Welt einziehen. Manche werden von dem inspiriert, was sie lesen. Andere legen bisweilen als Zwischenschritt das Schreiben über Dinge, die sie gelesen haben, ein – es findet praktisch ein Differenzierungsprozess statt. Und das ist völlig okay, solange man dabei keine Copyrightverletzungen begeht.

Ich wage allerdings zu behaupten, dass die Begrifflichkeiten irgendwann schwammig werden. Ab wann hört etwas, das mal als Fanfiction angefangen hat, auf, Fanfiction zu sein? Ab dem Zeitpunkt, wo die Figuren andere Namen bekommen? Ab dem Zeitpunkt, wo man die Originalwelt nicht mehr erkennen kann? Oder ist es noch Fanfiction, selbst wenn sich sämtliche Prämissen geändert haben, die Figuren aber immer noch die Originalnamen tragen? Ab welchem Punkt gilt die Geschichte als etwas Eigenes? Auf diese Fragen kann ich keine Antwort geben; ich finde es aber grundsätzlich falsch, Geschichten ihre Kreativität abzusprechen, bloß, weil sie ihre Wurzeln in Fanfictions haben (zumal manche Fanfictions origineller sind als das Ausgangsmaterial *hust*).

Wie ist das bei euch so? Lest ihr Fanfiction? Habt ihr selbst mal welche geschrieben oder tut ihr es immer noch? Oder findet ihr das alles komplett blöd und haltet es mit Autoren wie Anne Rice oder George R.R. Martin, die Fanfiction überhaupt nicht mögen? Immer raus damit 🙂

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16 Gedanken zu “Warum Fanfiction großartig sein kann

  1. Ich denke auch, dass man da nicht zu hart mit sein sollte. Die meisten guten Autoren haben wahrscheinlich sowieso damit angefangen, etwas zu nehmen, das sie inspiriert und es dann verändert. Und das ist gut so. Ich möchte aber gern, dass jemand all die guten FFs findet für mich… Das Internet ist mir zu groß 😉

    • Word 🙂
      Aber es gab da wohl ein paar ganz böse juristische Streitigkeiten, u.a. mit Marion Zimmer Bradley, wegen denen (unter anderem) das ganze Thema wohl für einige Autoren jetzt ein rotes Tuch ist.
      Hehe, ja, das Internet ist echt zu groß 😀 (deshalb mochte ich aber das Silmarillion-Fandom, das war klein und hatte einen überraschend hohen Anteil an wirklich gut geschriebenen Geschichten).

      • Wow, mit Zimmer-Bradley? Das war doch selbst eher so ne Art FanFiction. Find ich ja doof… (XD womit wir wieder beim Thema wären…) och, ich weiß nicht. Ich denke, dass das Ausmaß der Probleme wieder so eine Sache des Internets ist.. und da ist es eh schwierig, irgendwas regulieren zu wollen bzw unmöglich…

        • Ja, voll war das Fanfiction 🙂 Nee, sie selbst war eigentlich ziemlich cool und hat es total unterstützt hat, dass Leute FF zu ihren Büchern geschrieben hat, und die Sachen z.T. selbst gegengelesen hat – bis eine FF-Autorin etwas geschrieben hat, das aus purem Zufall Zimmer Bradleys eigenem aktuellen Manuskript geähnelt hat. Die FF-Person wollte sie daraufhin auf Anteile an dem neuen Buch verklagen; seither hat Zimmer Bradley Fanfictions wohl nie wieder angerührt, aber die Geschichte hat andere Autoren (Martin zum Beispiel) wohl nachhaltig beeindruckt. Und Anne Rice hat wohl FFs zu ihren Büchern ziemlich rigoros juristisch verfolgen lassen, was ich echt bescheuert finde. So kann man es sich auch mit seinen Lesern versauen.

          • haha was XD ok, gut, sonst hätte ich mein ganzes Weltbild überdenken müssen weil die auch immer Anthologien mit Kurzgeschichten rausgegeben hat, in denen sie noch im Vorwort Tips für Autoren gegeben hat und das immer alles total cool fand. (und ich meine, sie wäre auch für Nachahmung gewesen) Jo. Blöd gelaufen.

            • Ja, wirklich blöd gelaufen. Tut mir halt auch total leid, ich finde, das ist eigentlich eine sehr schöne Autor-Fan-Interaktion (ich mein, bitte, die hat die Sachen korrekturgelesen, wie cool ist das bitte, wenn ein Autor, den du magst, deine Sachen gegenliest??). Aber es gibt ja immer blöde Nudeln, die sowas dann versauen. (Miss Anne Throphy steckt bedeutungsschwanger den Kopf ins Zimmer).

  2. Stimme völlig zu! Es gibt durchaus gute FFs, wenn man weiß, wo man sie findet, und manche der Autoren haben ein richtig hohes Niveau. Aber ich denke auch, dass man aufpassen muss, wenn man aus einer FF ein Original macht, vor allem mit geliehenen Charakteren … Oft ist es ja trotzdem so, dass man das Fandom darin erkennt, wenn man weiß, was es ursprünglich war.

    Aber als Übung und zum Spaß haben FFs durchaus ihre Berechtigung! Ich nehme ja ab und zu an fanfic exchanges teil und es ist wirklich schön zu sehen, wie sehr sich jemand freut, wenn man ihm eine Geschichte über seine Lieblingscharaktere schreibt.

    • Da stimme ich auch zu – wobei ich wirklich finde, dass eine Geschichte, wenn das Originalfandom noch erkennbar ist, schnell in diese schwammige Zone rutscht, wo man schlecht sagen kann, ob es noch FF oder etwas eigenes ist. Ich finde, wenn man Figuren nur „ausleiht“ (sie nur umbenennt, sie aber im Grunde noch so sind wie im Original, oder zumindest sehr ähnlich), dann ist das, weniger Eigenleistung als Diebstahl. Genau das meinte ich: Wenn sich etwas eigenes „entwickelt“, mit Eigendynamik, dann ist das okay – dann entwickeln sich nämlich oft Figuren und Setting von alleine weit genug weg vom Ausgangsmaterial. Aber wenn man explizit an einer FF herumdoktert, um sie sich anzueignen (und es dann nicht gründlich genug macht), dann wird es problematisch.

      Fanfic exchanges sind toll! 😀 Ich war früher in einem Harry Potter- (später Fantasy-)-Forum, wo es jedes Jahr vor Weihnachten ein FF-Wichteln gab. Sowohl das Schreiben als auch das Geschichten-geschenkt-bekommen hat immer sehr viel Spaß gemacht 🙂

      • Ja, genau das meine ich! Bei einer FF, wo zB nur das Setting geliehen und die Charaktere bereits Originale sind, ist das viel einfacher und weniger problematisch. Aber eine eigene Geschichte, die von Anfang an Original war, ist natürlich immer die beste Option. 😉

  3. Muss zugeben, dass dein Artikel sehr überzeugend war. Ich habe FF auch immer verpönt und werde mich auch jetzt noch schwer damit tun. Aber vielleicht hast du ein paar Beispiele, damit ich mal was lesen kann?

    • Danke für den Kommentar, und schön, dass du trotzdem Interesse hast 🙂
      Empfehlungen sind immer schwer, wenn man die Lesevorlieben nicht kennt; ich kann z.B. nur für Sachen aus dem Harry Potter- oder Silmarillion-Fandom sprechen und habe mich da auch meist auf Geschichten über Nebenfiguren konzentriert. Trotzdem, grundsätzlich würde ich immer „Mors ante Infamiam“ von Trovia emfehlen, weil die Frau einfach wahnsinnig gut schreibt (inzwischen übrigens auch eigene Geschichten). In dieser FF geht es um den ersten Krieg gegen Voldemort aus Sicht der Auroren und des damaligen Phönixordens. Die Geschichten von Cennet (vor allem „Fixsterne“ und „Der Erlkönig“) sind ebenfalls sehr lesenswert, da sie sehr interessante Charakterisierungen von Sirius Black und Severus Snape schreibt. Die Sachen sind ziemlich lang, aber zum Reinschnuppern vielleicht ganz gut.

      • Harry Potter ist in Ordnung, das mag ich. Ich werde mal mit Trovia anfangen, denn ich lege vor allem auf einen guten Schreibstil wert. Danke für die Beispiele 🙂

  4. Hah! Was soll ich sagen? Ohne Fanfiction würde ich heute überhaupt nicht schreiben, weder fanfiction noch original fiction. Ich breche die größte Lanze für Fanfiction, die ich finden kann.

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