Walpurgis – Samhains grüner Zwilling

Auch wenn heute früh Schnee auf den Dächern lag, sodass man es kaum glauben mag – am Samstag ist Walpurgisnacht. Freut ihr euch schon?

Walpurgis oder Beltane wird in Deutschland ja durchaus gefeiert, ebenso wie Samhain (Halloween, Allerheiligen), hat aber einen ganz anderen Stellenwert. Mag daran liegen, dass die beiden Feste so unterschiedlich erscheinen: Das eine im Frühling, das andere im Herbst, das eine feiert das Leben, das andere gedenkt den Toten. Dabei sind die beiden Jahreskreisfeste einander gar nicht unähnlich. 2014 hat der Verlag Ohneohren eine  Samhain-Anthologie herausgebracht, die den schönen Titel Liebe zwischen Welten trägt. Damit hat der Verlag einen mythologischen Aspekt von Samhain aufgegriffen: In dieser Nacht sollen die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen und es den Wesen von der „Anderen Seite“ erlauben, zu uns hinüber zu spazieren. Natürlich, das liegt bei der Assoziationskette Samhain = Halloween = Gespenster ja nahe.

Aber wusstet ihr, dass das nicht nur für Samhain gilt? Auch in der Mainacht sollen die Türen zwischen den Welten speerangelweit offen stehen.

Mythologischer Sommeranfang

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Geht man von der keltischen Mythologie aus, ist Beltane neben Imbolc (Februar), Lugnasad (August) und Samhain (November) eines der vier großen Jahreskreisfeste und zugleich das letzte der drei Frühlingsfeste (Imbolc und die Frühlingstagundnachtgleiche). Während Samhain den Winteranfang markiert, feiert man an Beltane den Anfang des Sommers und das Leben, das in der Natur wieder neu erwacht. Wie an Samhain sollen die Schleier zwischen den Welten in dieser Nacht sehr dünn sein, Magie überall, sogar Menschen können (angeblich) an diesem Tag die Bewohner der Feenhügel und der Anderswelt sehen. Große Feuer sollen den Winter und die bösen Geister verjagen und die frische Saat und das junge Vieh beschützen. Die warme Hälfte des Jahres fängt an – wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Die Nacht der Hexen

Bei uns heißt das Ganze natürlich nicht Beltane. Wir haben Plakate, die den „Tanz in den Mai“ verkünden. Gebräuchlich ist aber auch die Walpugisnacht. Und auch bei uns steht das Übernatürliche im Fokus: Die Walpurgisnacht wird mancherorts auch Hexennacht genannt. Dass in dieser Nacht angeblich die heilige Walburga heiliggesporchen worden ist, ist für die meisten vermutlich um einiges weniger interessant als die Sagen um die Hexen, die sich in der Nacht zum 1. Mai auf dem Brocken … tschuldigung, auf dem Blocksberg treffen, um sich die Seele aus dem Leib zu tanzen (oder sich wahlweise unsittlich mit dem Teufel kurzschließen). Literarisch umgesetzt wurde dieses Motiv von niemand geringerem als Goethe, und auch Preußlers Kleine Hexe und Bibi haben sich schon die Ehre gegeben.

Bräuche und Traditionen

Maibräuche gibt es in ganz Europa, auch wenn die ursprünglichen Bedeutungen heute nur noch bedingt Beachtung finden. Hierzulande wird vielerorts „in den Mai getanztfoto 056“ (sei es, um den Frühling zu begrüßen, oder weil man praktischerweise am 1. Mai nicht arbeiten muss). Auf den meisten Dorfplätzen findet sich in der Regel ein Maibaum, oft eine geschmückte Birke, die als Fruchtbarkeitssymbol und als Platzhalter für den Weltenbaum steht (womit wir dann doch wieder bei alten Mythen wären). Man braut Maibowle aus Waldmeister, die bisweilen an großen Maifeuern genossen wird. Mancherorts gibt es das sogenannte Maibaumsingen, in vielen Regionen wird am 1. Mai traditionell gewandert – mit dem Bollerwagen und viel Alkohol draußen, in der Natur, die jetzt in voller Blüte steht und die warme Jahreszeit ankündigt. Und bisweilen leutet man am 1. Mai die Grillsaison ein 🙂

Den Sommer begrüßen

Ob die Leute nun den Sommer begrüßen, sich zu neopaganen Ritualen zusammenfinden oder sich einfach nur alkohollastig der Tatsache erfreuen, dass am 1. Mai frei ist – der 30. April wird weit und breit gefeiert. Ich für meinen Teil oute mich hiermit hochoffiziös als Sommerbegrüßerin. Und zwar aus Überzeugunwalpurgg. Als Person, die wetterbedingt immer mal wieder gegen den Winterblues kämpfen muss (auch jetzt, Ende April, wo der Schnee uns noch einmal überraschend besucht, nachdem wir die Woche zuvor schon sommerliche Temperaturen hatten), ist die helle Jahreshälfte für mich wirklich ein Grund zum Feiern. Meist dürfen wir uns Ende April über zauberhaftes Wetter freuen (ich habe immer noch Hoffnung, dass der Schnee bis Samstag weg ist), das bestärkt diesen Umstand bloß. Seit 2010 ist es ein Traditiönchen geworden, den 30. April oder den 1. Mai besonders zu gestalten – in der Regel mit meinen lieben Zaubererschwestern.

Meist treffen wir uns im Wald, mit jeder Menge leckerem hausgemachtem Essen, Tee, Bier, bisweilen auch mit verunglückter Maibowle, dem Feenorakel im Gepäck und jeder Menge anhänglicher Maikäfer. Je nach dem, in welchen Wald es uns verschlägt, weht der Wind die Musik der Maifeiern in den Nachbardörfern herüber. Spaziergänger wundern sich über den Haufen junger Frauen, die bei Kerzenschein und gutem Essen neben der Quelle hocken, dem Geschimpfe der Eichelhäher lauschen und einander die Karten legen. Wenn das Wetter doch ausnahmsweise nicht mitspielt, wird das Ganze eben auf einen Fußboden verlagert (man vermisst die Maikäfer, aber die Kerzen, das Essen und die Feen bleiben).

Letztes Jahr war eine Ausnahme. Da zog es mein Herzblatt und mich Ende April auf ein Mittelaterfestival, wo wir Eulen streichelten, ebenfalls superlecker aßen und einem Omnia-Konzert beiwohnten. Und Omnia, ebenso wie Loreena McKennit, haben ja sowohl für Beltane als auch für Samhain den passenden Soundtrack.

Schreibtechnisch liebäugle ich ja schon seit Ohneohrens Halloween-Anthologie damit, Cinn und Nira gemeinsam in den Mai tanzen zu lassen. Bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob so etwas Material für eine weitere Kurzgeschichte, eine Novelle oder gar einen kleien Roman wäre.

Und sowieso, ich finde, Ottfried Preußler hat das schon ganz richtig gemacht. Man sollte um die Walpurgisnacht ganz viel über Hexen schreiben, einfach, weil’s so schön ist 🙂

Und wie kommt ihr so in den Mai?

EDIT: Und gerade gefunden, weil’s so schön passt – eine großartige Lesung von Tom Hiron’s Gedicht „Sometimes A Wild God“:

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2 Gedanken zu “Walpurgis – Samhains grüner Zwilling

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