Die Ich-Perspektive

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Autorenbeichte: Ich habe noch nie eine Geschichte in der Ich-Perspektive geschrieben. Dann und wann mal zum Experimentieren in der Zweiten Person Singular (also der Du-Perspektive), meistens kommt aber die 3. Person zum Einsatz („Er/Sie“, und irgendwann bestimmt auch mal „Es“). Es hat sich einfach nicht angeboten und passte auch nicht zu meinen bisherigen Geschichten. Es mag aber auch daran liegen, dass ich mich auch als Leser mit der Ich-Perspektive oft schwertue. Vielleicht wegen meiner Vorurteile. Vielleicht auch, weil man oft intim mit Ich-Erzählern wird, ob man will oder nicht, was nicht jedermanns Sache ist. Es soll ja sogar Leser geben, die vor lauter Abneigung gegen diese Perspektive ein Buch sofort wieder zuklappen, sobald ihnen das erste „Ich“ entgegenspringt. So schlimm ist es bei mir nicht – schließlich kann die Ich-Perspektive fantastisch sein, wenn sie richtig eingesetzt wird.

Vorteile der Ich-Perspektive

Wenn der Autor sein Handwerk gut beherrscht, merke ich anfangs manchmal gar nicht, ob ich es mit der ersten oder dritten Person zu tun habe, weil sich alles so schön organisch zusammenfügt. Mir fällt es meist nur dann auf, wenn es irgendwo hakt. Wenn’s das nicht tut, macht es richtig Spaß, mit der erzählenden Figur auf Tuchfühlung zu gehen. Rein verbal, versteht sich.

Der große Vorteil der Ich-Perspektive ist schließlich, dass man der erzählenden Figur unweigerlich sehr nahekommt, und das sehr zügig. Man erlebt nicht nur, was die Figur erlebt, sondern auch, wie sie die Geschehnisse verarbeitet. Kurz: Man hat gar keine andere Möglichkeit, als sich sofort mit der Erzählfigur zu identifizieren. Natürlich funktioniert das auch mit der 3. Person – auch mit „er/sie“ kann man Figuren nahe kommen – aber näher als mit dem „ich“ geht’s kaum mehr.

Diese Nähe kann Charakterisierungen leichter machen, aber auch die Geschichte vorantreiben. Meiner Meinung nach hat das in Hunger Games sehr gut funktioniert – du sitzt in Katniss‘ Kopf, erlebst alles hautnah mit; klar, im dritten Band möchte man Miss Everdeen irgendwann schütteln, aber ihre enge Sichtweise steigert das Tempo und die Spannung, und durch die Perspektive und die mangelnden Informationen wird nicht nur Katniss, sondern auch der Leser zum Spielball des Kapitols, bzw. später von Distrikt 13. Allerdings ist Hunger Games nicht nur aus der Ich-Perspektive, sondern auch im Präsens geschrieben – das ist sehr ungewöhnlich, vielleicht auch gewöhnungsbedürftig, aber meines Erachtens hat es zur Erzeugung der gehetzten, bedrückenden Atmosphäre beigetragen.

Die Ich-Perspektive eignet sich auch, wenn dem Leser Informationen vorenthalten werden sollen, denn der Ich-Erzähler muss nicht zwangsweise zuverlässig sein. Der Leser weiß, was der Erzähler weiß, und das ist in der Regel nur ein Bruchteil von dem, was wichtig ist. Also sammelt der Leser gemeinsam mit dem Erzähler die Puzzleteile zusammen und durch die eng gesteckte Perspektive neigt er weniger dazu, zu hinterfragen, was der Erzähler herausgefunden hat. (Dass das auch in der 3. Person funktioniert, zeigt der Harry-Filter in Harry Potter, aber in der Ich-Perspektive ist es vermutlich noch extremer).

Auch, wenn die Geschichte sehr gefühlsbetont und subjektiv sein soll, passt die Ich-Perspektive. Kim Harrisons Hollows-Reihe ist komplett aus der Sicht von Protagonistin Rachel Morgan erzählt, die mir in den frühen Büchern mit ihrem Gejammer bisweilen ein klein wenig auf den Keks gegangen ist. Aber! Die Geschichte dreht sich so sehr um Rachels persönliche Weiterentwicklung und um Magie, die praktisch durch ihren Kopf und Körper geht, dass sich diese Entwicklung mit einer so intimen Erzählperspektive einfach am besten erzählen lässt.

Nachteile der Ich-Perspektive

Leider können sich die Vorteile aus dem ersten Punkt  schlimmstenfalls samt und sonders als Nachteile erweisen. Bei den Ich-Perspektiven-Büchern, die ich in den letzten paar Jahren gelesen habe, war ich bei 80% nach einer Weile wirklich genervt.

Das lag zum einen daran, dass ich manchmal (zum Glück nicht oft) den Eindruck hatte, die Autoren hätten das „Ich“ einfach ausgewählt, weil es ihnen am leichtesten fiel. Was vollkommen okay ist (!!!). Es bringt nichts, sich in Stile und Stimmen zu zwingen, die einem nicht liegen. Aber es gibt Geschichten, bei denen man zumindest ausprobieren sollte, ob eine andere Perspektive der Geschichte vielleicht besser täte. Die Erzählperspektive ist kein kleiner Faktor, und wenn die Perspektive nicht zur Geschichte passt, kann es sich auf den Lesegenuss auswirken. Rachel Aaron rät dazu, ein paar Kapitel probehalber in verschiedenen Perspektiven zu schreiben und zu schauen, was besser passt. Keine schlechte Idee.

Mir persönlich sind bisher vor allem actionlastigen Geschichten negativ aufgefallen. Mit der Ich-Perspektive ist es schwer, die Balance zu finden. Die ständige Introspektion und die vielen subjektiven (Gefühls-)Eindrücke können das Tempo an Stellen drosseln, wo es gerade überhaupt nicht passt. Oder es passiert einfach so viel außen, dass überhaupt kein Platz mehr für Introspektion ist – und das nicht nur in den ein paar Szenen, sondern die ganze Zeit über, sodass sich die Frage stellt, warum der Autor sich überhaupt für die Ich-Perspektive entschieden hat, wenn der Leser gar nichts über das Innenleben der Figur erfährt. Das ist sehr schade, denn mit einer guten Mischung können Action-Szenen aus der Ich-Perspektive Spaß machen.

Auch die oben genannte Nähe kann sich als Nachteil erweisen. Manchmal ist es einfach unangenehm, einer Figur so nahe zu sein. Vor allem, wenn man die entsprechende Figur nicht mag – wofür der Autor nicht unbedingt etwas kann, das liegt i.d.R. am Leser. Andererseits (wir reden ja vom Schlimmsten Fall) gibt es auch Figuren, die schlichtweg Nervensägen sind. Sie wären auch nervig, wenn man sie aus der 3. Person lesen würde, aber wenn man in ihrem Kopf festsitzt und gezwungen ist, sich mit ihr zu identifizieren (siehe oben), dann macht das Lesen deutlich weniger Spaß (einer der Gründe, warum ich Shades of Grey nie lesen werde – mir haben schon die Leseproben gereicht). Und selbst bei Figuren, die man mag, kann es ein Zu-Viel an notwendiger Reflektion geben, wo es angenehmer wäre, die Gedanken aus der 3. Person zu lesen. Ich erwähnte gerade schon das Gejammer der frühen Rachel Morgan, das zwar notwendig, aber anstrengend war.

Und dann gibt es noch Sexszenen. Sexszenen sind ohnehin schwierig, sie sind ebenso knifflig zu choreographieren wie Actionszenen und können ohne das entsprechende Fingerspitzengefühl schnell in die Hose gehen (= schlecht, nervig oder peinlich sein). Die Ich-Perspektive kann das Peinlichkeitsrisiko noch einmal erhöhen. Die Einschätzung ist natürlich rein subjektiv, aber mir fällt auf Anhieb kein Buch in der Ich-Perspektive ein, bei der Sexszenen auf gute Weise gelöst worden wären; es klang immer ein bisschen wie aus dem Tagebuch eines Teenagers. Bei der 3. Person habe ich diesen Eindruck deutlich seltener.

Der letzte Punkt ist gemein und ein mieses Vorurteil, aber ich verbinde die Ich-Perspektive in erster Linie mit Jugendbüchern, denn gerade dort kommt die 1. Person im „Liebes Tagebuch“-Stil recht häufig zum Einsatz (vermutlich ebenfalls, damit sich die Leserschaft leichter mit den Protagonisten identifizieren kann). Deshalb wappne ich mich innerlich schon immer gegen pubertäres Geweine. Allerdings bin ich dann manchmal umso freudiger überrascht, wenn sich die Geschichte als großartig herausstellt und die Perspektive die Großartigkeit auch noch unterstützt 🙂

Spiel mit den Perspektiven

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Die Ich-Perspektive zwingt dich, mit der erzählenden Figur intim zu werden. Du benutzt die Augen und das Gehirn des Erzählers, es gibt keine Distanz, keine Grenzen. Es gibt kein Entrinnen vor der geballten Macht der Gedanken und Gefühle des Erzählers. Sie filtern alles, was du liest, und es wird dir sehr schwer gemacht, Geschehnisse zu interpretieren oder zu hinterfragen. Gerade letzteres finde ich bisweilen unangenehm (ich mag die Distanz der 3. Person lieber, weil ich da mehr Spielraum habe, Dinge zu hinterfragen, während die 1. Person mir alles vorgekaut serviert), aber dieser enggesteckte Raum der Ich-Perspektive bietet dem Autor auch spannende Möglichkeiten.

Ich bin ja kein Fan der Kingkiller Chronicles von Patrick Rothfuss, aber der Mann spielt auf sehr interessante Weise mit den Perspektiven. In der Rahmenhandlung benutzt er die 3. Person, lässt die Hauptgeschichte dann aber von seinem Helden höchstpersönlich erzählen – natürlich in der Ich-Perspektive. Und Kvothe, der Held, eine lebende Legende vor dem Herrn, kann theoretisch alles erzählen, was er will, ob es nun stimmt oder nicht. Natürlich gehen wir davon aus, dass er seine tatsächliche Lebensgeschichte erzählt. Aber ob er dem Chronisten nun die Wahrheit oder Lügenmärchen oder eine Mischung aus beidem diktiert, erfährt man wohl erst im dritten Band. Ich wäre allerdings gar nicht überrascht, wenn Mr. Rothfuss die Möglichkeiten eines unzuverlässigen Ich-Erzählers ausloten würde. Und wenn er es täte, dann wäre diese Buchreihe ein brillantes Beispiel, um zu zeigen, wie wichtig die Erzählperspektive tatsächlich für eine ganze Geschichte sein kann.

Lieblings-„Ichs“

Es gibt ein paar Bücher, wo ich die Ich-Perspektive herausragend gut fand. Zum Beispiel Christa Wolfs Kassandra (ein einziger rückblickender Monolog aus Kassanndras Sicht mit einigen philosophischen Ergüssen), Anne Rices Interview with the Vampire (die Figur von Louis eignet sich hervorragend, um die Geschichte voranzutreiben und gleichzeitig über Leben, Tod und Lestat zu philosophieren), die Bartimäus-Kapitel in Jonathan Strouds Bartimäus-Reihe (weil Barti eine Figur ist, der man stundenlang beim Palavern zuhören könnte!) und die oben erwähnten Hunger Games und Hollows.

Fazit

Von Leserseite ist die ganze Perspektiven-Angelegenheit vermutlich einfach Geschmackssache. Für Autoren hat die Ich-Perspektive den großen Vorteil, dass man den Leser schneller und intensiver mit seiner Figur bekannt machen kann. In einem Forum habe ich auch gelesen, dass es manchen Autoren tatsächlich schlichtweg leichter fällt, aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Und wie gesagt: Wenn man sein Handwerk beherrscht, kann man wundervoll mit Perspektiven spielen, falsche Fährten legen, den Leser verwirren. Wichtig ist letztlich vermutlich einfach die Balance. So, wie man in der 3. Person aufpassen muss, dass man nicht zu viel Distanz zwischen Leser und Figur schiebt, muss man mit der 1. Person achtgeben, dass man den Leser nicht “verschluckt”.

Wie seht ihr das? Lest ihr gerne Geschichten aus der Ich-Perspektive oder schreckt sie euch ab? Und wenn ihr selbst schreibt: Welche Perspektive bevorzugt ihr?

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6 Gedanken zu “Die Ich-Perspektive

  1. Interessanter Post! Ich selbst schreibe ja eher selten aus der Ich-Perspektive, bin aber auch nicht grundsätzlich abgeneigt. Es muss eben zu Geschichte und Protagonist passen, wie du schon gesagt hast.

    Aber ich glaube auch, dass es etwas mit Konventionen des Genres zu tun hat, in dem man schreibt. Bei Fantasy scheint es in letzter Zeit einen Trend zum Ich zu geben (vllt war Kvothe ja der Anstoß), obwohl das vorher ziemlich verpönt war und ich Leute kenne, die Fantasybücher mit dieser Perspektive grundsätzlich nicht anrühren. Soweit ich das beurteilen kann, hat das nicht mal was damit zu tun, welche Perspektive für den Inhalt am besten passt, sondern ist einfach eine „Wir haben das schon immer so gemacht“-Regel. Je nachdem, welche Ziele man als Autor hat, sollte man das berücksichtigen (oder eben nicht).

    • Danke für den Kommentar! Mit den Genrekonventionen sagst du natürlich was. Da hast du definitv recht. Ich glaube auch, dass die Ich-Perspektive tendenziell eher in Urban Fantasy oder Young Adult benutzt wird als in High Fantasy.
      Dass Leute Bücher in der 1. Person aus Konventionsgründen nicht anrühren, ist ja krass 😮 Wow, das hätte ich nicht erwartet, das ist ja nochmal was ganz anderes als wenn es nicht zur Geschichte passt oder man es schlichtweg nicht mag.

      • Stimmt, obwohl sie auch in High Fantasy schon auftaucht. 😀

        Ich glaube, bei dieser einen Freundin ist es eher eine Mischung aus Gewohnheit und persönlicher Vorliebe. Wobei sich Gewohnheit ja wieder von Konvention ableiten lässt. Und wie gesagt, nur bei Fantasy. In anderen Genres hat sie kein Problem damit.

        • Hochinteressant 🙂 Was Gewohnheit und Konventionen angeht, fällt mir gerade noch ein, dass viel High Fantasy ja immer noch teilweise an Tolkien anlehnt, und Tolkien hat wiederum eifrig diverse Mythen beklaut, die samt und sonders auch nicht aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Vielleicht kommt die Konvention zumindest zum Teil auch daher. Beziehungsweise überhaupt, dass viele High Fantasy-Geschichten episch und mythenreich sind/sein wollen, und derartige Erzählungen sind ja tatsächlich (immer??) in der 3. Person.

          • Stimmt!

            Ich muss aber auch sagen, dass ich den Gedanken dahinter durchaus verstehe. Wie du ja geschrieben hast, konzentriert sich viel High Fantasy auf das Epische und Mythische der Handlung, weniger auf bestimmte Charaktere (gibt ja auch genug, die zwischen mehreren POV-Charakteren springen). Da wäre es nicht besonders förderlich, aus Kopf und Gedanken eines einzelnen Charakters (wenn schon, dann gibt es meist nur ein Ich, oder?) heraus zu schreiben.

            • Doch, ich glaube, ein „Ich“ ist die Regel, wobei ich meine, irgendwann mal was mit diversen Ich-Erzählern gelesen zu haben… aber das war auch kein Fantasy-Roman. Heh, es wäre wohl arg verwirrend, wenn z.B. George R.R. Martin jede Figur aus der Ich-Perspektive schreiben würde 😀

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