Post-Edward-Vampire oder: Sind die Untoten totgeschrieben?

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Letzte Woche berichtete Fay Winterberg, *warum sie weiterhin über Vampire schreibt*, obwohl die Langzähne auf dem besten Weg sind, wieder out zu werden. Was sie eingangs schreibt – dass manche Leute Bücher wieder zuklappen, sobald sie merken, dass Vampire vorkommen – habe ich auch an mir selbst bemerkt.

Das liegt aber nicht daran, dass mich grundsätzlich Vampire nerven. Ganz im Gegenteil, ich finde die Viecher immer noch cool, wenn sie gut geschrieben sind. Nein, es liegt daran, dass mich die neuen Vampire nerven – die aus der Post-Edward-Generation. Ich mag jetzt nicht Twilight runtermachen, ich habe in die Bücher nur reingelesen und bin mit der Handlung nur durch die Filme vertraut (hat mir auch gereicht). ABER!

Twilight hat das Vampirgenre versaut.

Zumindest für uns Leser, die schnulzige Romantik nicht mögen und denen Lovestories mit antiklimaktischer Entschuldigung für Action zu wenig sind (meine Abneigung gegen Twilight speist sich zu großen Teilen tatsächlich aus meiner Ableigung gegen Liebesgeschichten als Hauptattraktion). Der Blick ins Fantasy-Regal der Buchhandlung zeigt: Seit Twilight geht es in Vampirbüchern überweigend nur noch um Romanzen mit mysteriösen Herren (ja, meist Herren) oder Sex. Und das Problem liegt im „nur noch“. Romanzen und Sex waren einst das Salz und die Kräuter, heute sind sie das Hauptgericht in Vampirgeschichten. Grusel a la Dracula? Faszinierende Persönlichkeiten wie Lestat oder Louis? Evil Overlords, die Tragik und Komik vermischen wie Graf von Krolock? Vampire, deren Geschichten über bloße Romanzen hinausgehen? Danach muss man sehr lange suchen. Twilight war eine Geldmaschine, und natürlich haben zahlreiche Verlage und Autoren versucht, auf den Zug aufzuspringen.

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Und ich persönlich fand die Suche nach Büchern, die nicht auf diese Schiene passen, einfach zu anstrengend, sodass ich irgendwann aufgegeben und literarische Vampire ebenfalls gemieden habe. Spätestens, nachdem ich im ersten Kim Harrison-Rausch auf der Suche nach etwas ähnlichem einen fiesen Chicklit-mit-Fangzähnen-Fehlkauf erstanden habe. Wenn Vampire irgendwo auftauchen, sind sie entweder seelenlose Monster (langweilig) oder mysteriöse sexy Loverboys (noch langweiliger), aber nur selten so vielschichtig, wie man es von Wesen erwarten könnte, die verdammt alt werden und allein durch die Tatsache, dass es nicht immer leicht sein kann, an Blut zu kommen und dass sie in ihrem langen Leben sicher nicht wenig Gewalt mitbekommen haben, eigentlich eine Menge mit sich auszumachen haben müssten (ich wiesele mich hier gerade wortreich um den Begriff „Trauma“ herum, den ich spätestens seit Interview with the Vampire mit Vampiren verbinde). Und in älteren Geschichten konnten Vampire diese Probleme auch durcharbeiten, ohne zum traurigen Emo zu mutieren, den dann gleich wieder eine mehr oder minder flache Menschenperson knuddeln muss, bis das Vamperlein zu glitzern anfängt.

Positive Gegenbeispiele

Trotzdem gibt es trotzdem noch ein paar Bücher und Filme mit Vampiren, die mich wirklich vom Hocker gehauen haben, weil Figuren, Feeling und Konzeption des Vampirismus für mich einfach stimmig waren.

Zum einen Kim Harrisons Hollows-Reihe, die noch einen eigenen Blogeintrag bekommt. Die Geschichten um Rachel Morgan sind großartig, es gibt Hexen, Vampire, Pixies, Dämonen, Werwölfe, alles, was das Herz begehrt. Urban Fantasy, die Spaß macht, toll geschrieben ist – und Vampire beinhaltet, in die ich mich verliebt habe. Ivy, Kisten und Nina waren düster, gefährlich, faszinierend, kaputt und haben sich wieder zusammengerauft. Besonders Ivy. Stichwort „traumatisierte Vampire“. Und es war fesselnd, ihre Geschichte zu lesen, obwohl sie nur ein Nebenstrang in der langen Reise der Rachel Morgan darstellt.

Zum anderen gibt es die Nosferas-Reihe von Ulrike Schweikert. Das ist wie ein europäisches Hogwarts-Projekt mit Vampiren. Da es sich um eine Jugendbuchreihe handelt, sind diese Vampirteenager nicht so blutrünstig wie man es von anderswo kennt, aber Schweikerts Vampire sind toll. Diese Art von Charme hat mich ein bisschen an Angela Sommer-Bodenburgs Kleinen Vampir für ein älteres Publikum erinnert: Diese Teenager sind Teenager, und so benehmen sie sich häufig auch, aber sie sind eben nicht nur Menschen mit Eckzähnen und sie bleiben gefährlich. Außerdem hat Schweikert  ein interessantes (transnationales) Sozialgefüge für ihre Vampire aufgebaut, und da alles aus Sicht der Schüler erzählt ist, hat man auch nicht die Verängstigter-Mensch-Perspektive.

Ich habe die Bücher noch nicht gelesen, die stehen immer noch auf meiner Leseliste und wurden mir wärmstens empfohlen, aber die Verfilmungen von Sergej Lukianenkos Wächter-Büchern sind großartig. Wirklich großartig. Die Atmosphäre, die Figuren, das gnaze Weltkonzept … da stimmte alles. Es hilft auch, die Filme einfach auf russisch mit Untertiteln zu schauen 🙂 Was Filme angeht, habe ich aber ohnehin ein paar positive Beispiele im Kopf, die bekommen einen eigenen Text.

Und… ähm … ich weiß, es ist kein Buch. Aber wenn ich ein schönes Vampir-Feeling haben will, kommt die gute alte Wiener Castaufnahme von Tanz der Vampire in den CD-Player. Die Musicalvampire sind böse. Wirklich böse. Und trotzdem mag man den Grafen und Herbert. Außerdem hat das Stück diese großartige Sequenz:

Totgeschriebene Untote (und andere Viecher, die mit dem Federkiel erschlagen wurden)

Autorenkollege *Fabian Dombrowski* schrieb vor einiger Zeit, bestimmte Fantasywesen (unter anderem Vampire und Elfen) seien „so sehr in die Ecke festgefahrener Klischees abgedrängt, dass sie einfach nicht mehr vernünftig schreibbar wären“. Also praktisch totgeschrieben. Ich sträube mich gegen dieses Denken, auch wenn ich als Leser ebenfalls genau an diesem Problem störe: Wie gesagt, gerade bei Vampiren nerven mich die festgefahrenen Klischees so sehr, dass ich kaum noch Bücher mit ihnen lesen mag. Dass besagte Wesen mich als Leser nerven, hat aber nichts mit den Wesen an sich zu tun, sondern daran, dass Autoren sich in Scharen an gängige Stereotype klammern und munter weiter diese Klischees reproduzieren, die vielleicht beim ersten Mal cool waren (manchmal allerdings nicht mal da), inzwischen aber einfach langweilig sind.

Elfen sind wie Tolkiens Elben (mit Tendenz zu mehr Kitsch). Zwerge sind wie Gimli und Thorin. Vampire entweder wie Dracula oder Edward. Orks sind… nun ja, Orks. Trolle sind auch oft wie Orks. Feen sind Tinkerbells und Einhörner pupsen Glitzer.

Dabei hat man als Autor die Feder in der Hand. Natürlich schreibt man erst einmal gegen die Klischees und Stereotypen an. Aber kein Autor muss den gleichen Käse wiederkäuen. Kein Autor ist gezwungen, über Monster oder Loverboys zu schreiben, wenn er einen Vampirroman im Kopf hat. Die Stereotype lassen sich schon allein dadurch aufbrechen, dass man sich ein wenig tiefer in die Mythologie hinter den Wesen einliest, statt sich auf literarische Interpretationen zu beschränken. Mythologien, Volksmärchen, Überlieferungen, Sagen, da gibt es eine ganze Menge zu entdecken – kleine Details, aus denen man ganz neue Stränge und Erzählweisen über Elfen, Orks, Hexen und ja, auch Vampire flechten kann. Gerade bei Vampiren, Mythen über Untote und Wiedergänger gibt es schließlich weltweit. Und selbst der hierzulande bekannte Prototyp-Vampir ist vom Grundkonzept her mit so vielen Schwächen ausgestattet, dass es einen Haufen Konfliktpotential gibt, über den man schreiben könnte.

Vampire, die Schreibfeder und ich

Genervt oder nicht, als Autor faszinieren mich die Blutsauger aus irgendeinem Grund trotzdem genug, dass sie sich immer wieder in meine Geschichten einschleichen. In einer Kurzgeschichte hat sich das Vamperlein kurzerhand selbst eingeladen (die Protagonistin und ich waren da ja eher skeptisch). In meinem Monsterromanreihenprojekt spielen Wesen mit, die ein Zwischenstadium zwischen Ausgangsviech und dem „Endprodukt“ Vampir darstellen. Und jetzt im Moment lege ich das Monsterromanreihenprojekt zur Seite, um mich dem kleineren Projekt #2 zu widmen, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte. Aber die Geschichte hat sich gewunden, gesträubt und mir schließlich zähneknirschend gestanden, dass sie bitte Vampire haben will. Meine erste Reaktion (hauptsächlich aufgrund des Settings): Oh, och nö, Vampire, echt? Will das überhaupt noch jemand lesen? Zweite Reaktion: Egal, hüarl, wie cool, wie spannend, ich will sofort anfangen!!

Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob die Leute die Nase voll von den Langzähnen haben. Aber so richtig out sind sie nie geworden – nur die Art und Weise der Interpretation findet mal mehr, mal weniger Anklang. Ich weiß, dass ich mit meinen Vampiren Spaß haben werde, weil sie sich weder in die Kategorie „Monster“ noch „Loverboy“ quetschen lassen und ich sie jetzt schon spannend finde und mag.

Aber ich würde auch wirklich gerne nochmal eine richtig gute Geschichte mit Vampiren lesen. Deshalb hoffe ich, dass noch mehr Autoren die Klischeebox aus dem Fenster werfen. Lestat, Graf von Krolock und Ivy Tamwood brauchen ein wenig nicht-glitzernde Gesellschaft 🙂

Wie schaut es bei euch aus? Lest ihr Vampirbücher? Findet ihr die Viecher im Allgemeinen doof? Oder nur bestimmte Auswüchse? Und wenn ihr sie mög, oder eben nicht: Wie kommt’s? Ich freu mich wie immer über Meinungen 🙂

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4 Gedanken zu “Post-Edward-Vampire oder: Sind die Untoten totgeschrieben?

  1. Mir gehts da ähnlich wie dir: Wenn ich richtig spannende und originelle Vampire will, gehe ich am liebsten zu Anne Rice oder Bram Stoker. Die neuen Geschichten über untote Schönlinge, Vampirakademien etc. geben mir nichts. Und meine eigenen Geschichten drehen sich auch ab und zu um Vampire, aber wenn überhaupt sind diese eher an Lestat & Co. angelehnt.

    Mir wurden mal die Bücher von Markus Heitz (Kinder des Judas) empfohlen, leider bin ich noch nicht dazu gekommen. Vielleicht auch was für dich?

    • Oh, Markus Heutz hat auch über Vampire geschrieben? Das wusste ich gar nicht. Muss ich mir mal anschauen. Danke für den Tipp 🙂

  2. Das ist schwierig zu sagen. Ich hatte nie einen besonderen Faible für Vampire. Und wenn es schon so offensichtlich eine Vampirgeschichte ist wie bei post-twilight eben, dan rolle ich schon automatisch innerlich mit den Augen und stelle es wieder ins Regal. Allerdings strafen die Hollows-Vampire, die tanzenden Vampire und mir bekannte Nachhtalben (sowie die albtraumhaftes menschenfressendes Monster meets netten Nachbar-Vampire von Lukjaneko) all diese Dinge Lügen. Davon hätte ich gern mehr. Übrigens ist Dracula selbst mir leider viel zu einfach gestorben, dafür dass er so ein über-Vampir war.

    • Ja, Dracula fand ich ohnehin ein bisschen … mh… das ist dann wieder sowas, wo mir so einige Adaptionen besser gefallen als das Original. Trotzdem hab ich jetzt die Tage gedacht, dass ich Dracula nochmal lesen könnte, aus purer Boris-Nostalgie ^^

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