Bekannte Namen für eigene Figuren?

Den perfekten Namen für Figuren zu finden ist eine Wissenschaft für sich, mit der sich auf kurz oder lang jeder Autor beschäftigen muss (es sei denn, man hat das Glück, dass einem jedes Mal ein guter Name zufliegt). Ich möchte allerdings heute über einen speziellen Fall sprechen: Man hat endlich den perfekten Namen für diese Figur gefunden. Oder vielleicht ist er einem tatsächlich zugeflogen – aber dann stellt man fest: Eine andere bekannte fiktionale Figur heißt schon so! (dramatische Musik! Autorendilemma!)

Wohlgemerkt, es geht hier nicht um offensichtliche Eigenkreationen wie Voldemort, Daenerys, Darth Vader oder Elphaba, sondern um mehr oder minder allgemein bekannte oder zumindest mythologische Namen, die aufgrund der Popularität ihres Franchises nun sehr leicht mit bestimmten Figuren assoziiert werden – also Hermines, Bellas, Leias, Katnisses, vielleicht auch Lukes oder Minervas, Remus..se? Remi? oder Lilliths.

Im Tintenzirkel gibt es eine angeregte Diskussion darüber. Viele Autoren dort sagen: Wenn der Name zu bekannt ist, sollte man die Finger davon lassen, weil er gleich bestimmte Assoziationen weckt. Ich sage: Kommt auf die Figur und den Schreibstil an. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Namen, und mache Figuren suchen sich ihren eigenen aus.

Daher die Frage – sollte man dieses Wagnis eingehen und seiner Figur „bekannte“ oder „verbrauchte“ Namen geben?

Mit Assoziationen brechen

Natürlich gibt es Namen, die starke Assoziationen wecken. Frodo ist zwar ein altdeutscher Name, aber man wird wohl unweigerlich an den jüngeren Herrn Beutlin denken. Auch Katniss ist ziemlich stark behaftet, obwohl der Name tatsächlich nur Pfeilkraut bezeichnet.

Andererseits ist mir der Name Arya bereits in mehreren Büchern über den Weg gelaufen, an grundverschiedenen Figuren – unter anderem an rachsüchtigen kleinen Mädchen oder an drachenreitenden Elfen. Es gibt diverse Fantasy-Sams (oh. Ich meine natürlich Samse. Sami? Samae? Jedenfalls nicht Paul Maars Samsl!). Oder Ivys (scheint ein beliebter Vampirname zu sein). Und in der Buchhandlung stolperte ich unlängst über einen Fantasy-Roman mit einem Protagonisten namens Rohan (wo viele Fantasy-Leser wohl samseschnell an eine tolkiensche, pferdereiche Landschaft in Mittelerde denken). Die Figuren sind eben alle einzigartig geschrieben. Paolinis und Martins Aryas könnten unterschiedlicher nicht sein. Tolkiens und Martins Sams (die eigentlich Samwise und Samwell heißen – ein Schelm, wer denkt, dass Martin sich hat inspirieren lassen) sind einander zwar nicht so unähnlich, aber hat sich jemand über die Namen beschwert?  Und Artemis Fowl … nun, meine erste Assoziation mit Artemis ist die griechische Göttin der Jagd – ein männlicher Artemis ist für mich entsprechend gewöhnungsbedürftig. Aber bitte – klappt doch.

Letztlich haben die Bücher oder Filme, die die jeweiligen Namen gerade populär machen, auch mal mit Assoziationen gebrochen (denn jeder Leser hat den meisten Namen gegenüber irgendwelche Assoziationen, ob diese nun von der Literatur oder echten Personen gespeist werden). „Hermine“ ist für mich eigentlich ein ziemlich altbackener Name – keiner, der zu einem elfjährigen, naseweisen Mädchen passt. Jetzt aber schon, dank J. K. Rowling, bzw. dank Klaus Fritz, der für die deutsche Übersetzung der Hermione zuständig war (welche ja wiederum eine griechische Sagenfigur ist). Und wenn der Leser nun Hermine Ohnefurcht kennenlernt, eine kaltblütige Piratin mit beschissener Kindheit, dann wird die Hexe vermutlich im Laufe des Leseprozesses in den Hintergrund geraten – vorausgesetzt, der Leser lässt sich auf die Geschichte ein.

Figuren prägnant einführen

aryas
Eragons Arya illustriert von Meg Cowley (megcowley.deviantart.com)

Wie verhindere ich nun, dass die eigene Figur gleich mit dem Namensvetter assoziiert wird? Nun, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Man hat keine Kontrolle darüber, was genau der Leser sich vorstellt, und das ist auch gut so. Als vorbeugende Maßnahme kann man die Figur aber so klar und knackig wie möglich einführen und charakterisieren (am besten noch bevor der Name überhaupt genannt wird), sodass der Leser sie durch ihr Auftreten in Erinnerung behält. Natürlich sollte man seine Figuren ohnehin so klar wie möglich charakterisieren, aber im Idealfall sorgt es dafür, dass der Name nicht der erste, ausschlaggebende Impuls ist, wie der Leser sich die Figur vorstellt.

Man kennt es ja aus dem richtigen Leben: Es gibt Namen, die man weniger mag – vielleicht, weil man unangenehme Leute kennt, die soundso heißen. Und dann trifft man eine Person mit diesem Namen, rollt mit den Augen und erwartet das Schlimmste – nur um festzustellen, dass die Person sehr nett ist. Beim Lesen kann man das nicht eins zu eins übertragen – aber bei bekannten Namen hilft es möglicherweise, wenn man die Figur erst kennenlernt und dann ihren Namen erfährt, um die entsprechenden Assoziationen nicht noch zu provozieren.

Oder man pfeift einfach drauf und knallt dem Leser die Figur mitsamt Namen vor den Latz.

Warum überhaupt das Risiko eingehen?

Man mag argumentieren, dass man sich das Risiko doch einfach gleich schenken könnte und sich einen unverfänglichen Namen aussuchen soll. Aber da liegt ja der Hase im Pfeffer. Wie gesagt, Figurennamen sind eine Wissenschaft für sich. Manchmal verbringt man Ewigkeiten damit, den perfekten Namen zu finden. Und manchmal, manchmal sucht die Figur sich den Namen auch selbst aus. Dann wird es schwierig. Den Figuren ist es in der Regel nämlich schnurzpiepegal, ob sie bekannte Namensvettern haben.

Ein Beispiel: Meine älteste Figur, mit der ich arbeite, seit ich 11 bin, heißt Titania. Mit 11 habe ich mir natürlich überhaupt keine Gedanken über den Namen gemacht, ich kannte Shakespeares Sommernachtstraum nicht und wusste auch nicht, dass Elfenkönigin Titania in diesem Stück eine arge Nervensäge ist – ich habe mich in den Namen verliebt, meine Figur ebenfalls, und sie hat ihn nicht mehr hergegeben. Und als meine Titania schließlich 9 Jahre später eine Rolle in meinem Monsterromanprojekt bekam, konnte ich ihren Namen nicht mehr ändern. Ging nicht.Und glaubt mir, ich hab’s versucht. Sie klammert sich an den Namen, und es fühlte sich falsch und gezwungen an, sie unter einem anderen zu schreiben. Dadurch wurde die ganze Figur hölzern. Keine gute Idee.

Und das ist dann eben so. Manche Figuren sind eigensinnig und lassen sich nicht an- und ausziehen wie eine Puppe – weder, was ihre Charaktereigenschaften noch ihren Namen angeht. Ab einem bestimmten Punkt hat der Name nämlich Auswirkungen auf den Charakter. Verändert man den Namen, verändert sich die ganze Figur – möglicherweise in eine Richtung, in die man nicht will, und das ist nicht immer förderlich für die Geschichte.

Fazit

Wie gesagt, man kann nicht kontrollieren, was genau sich ein Leser denkt, wenn er deine Geschichte liest. Ein Restrisiko, dass er nicht deine Figur sondern den bekannteren Namensvetter vor Augen hat, bleibt immer. Aber ab einem gewissen Punkt ist es auch einfach das Problem des Lesers, ob ein Name für ihn so stark mit einer Figur verbunden ist, dass er sich auf keine andere Figur mit dem Namen mehr einlassen kann. Ich persönlich möchte ja gerne über eine „Bella“ schreiben, nur um zu zeigen, dass man den Namen auch weiterhin benutzen kann. (Nachtrag: Ich habe sie beinahe vergessen, weil sie noch ganz frisch in meinem Figurenteam ist, aber das aktuelle Projekt beinhaltet tatsächlich eine Bella! Und es macht Spaß mit ihr.)

Natürlich sind Namen wichtig. Aber noch wichtiger ist die Figur, an dem der Name hängt. Kein Autor hat ein Patentrecht auf allgemein bekannte Namen. Wenn die Figur gut geschrieben und stark genug charakterisiert ist, sollte es eigentlich nicht lange dauern, bis der Leser sich mit einer „neuen“ Hermine oder einem „neuen“ Luke anfreundet. Meiner bescheidenen Meinung nach.

Wie ist das bei euch? Wie reagiert ihr auf stark behaftete Namen in Geschichten? Mögt ihr das, findet ihr es doof, habt ihr zuerst die bekannteren Namensvettern vor Augen oder könnt ihr euch direkt auf die neuen Figuren einlassen? Und wenn ihr schreibt: Meidet ihr bekanntere Namen oder benutzt ihr sie trotzdem?

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7 Gedanken zu “Bekannte Namen für eigene Figuren?

  1. Nun ja, ich versuche bei meinen eigenen Projekten schon, allzu bekannte Namen zu verwenden, die eher herausstechen (wie eben Hermine, aber zB Luke oder Sam sind für mich viel zu häufige Namen). Aber ich kenne auch nicht alle bekannten Werke und darin vorkommenden Charaktere und das ist gut so.

    Übrigens vergebe ich manchmal zu meinem privaten Vergnügen Namen von Personen, die ich im echten Leben nicht besonders mag, an Charaktere, die sich dann ganz anders entwickeln als ihre Namensgeber. So kann man auch die eigenen Assoziationen ändern. 😛

    • Ah, ja, du sprichst da noch etwas an: Dass man mit bestimmten Werken einfach gar nicht vertraut ist und dementsprechend die Namen nicht kennt.

      Heh, das ist mal eine Maßnahme 😀 Und eine gute Idee!

  2. Ich persönlich finde das völlig überbewertet. Wenn man einen Namen gut findet und richtig, dann sollte man ihn meiner Meinung nach verwenden. Darin steckt doch eine Chance und auch vielleicht eine Herausforderung. Es steht ja zu hoffen, dass die eigene Geschichte kein Abklatsch einer anderen ist, die die selben Namen verwendet (selbst wenn es nicht die Intention war, wird man dann kaum das Label Fanfiction abwehren können). Auf jeden Fall denke ich das, was einigermaßen normale Namen angeht, auch wenn sie altmodisch sind. Ich weiß nicht, wie ich zumindest einem zweiten Aragorn gegenüber stehen würde, weil die Assoziation einfach zu stark mit einem einzigen Universum verbunden ist. Aber auch da gilt: Wenn es irgendwie sinnvoll ist und zu der Figur passt: Warum nicht? Ich finde es schon ziemlich bescheuert aus welchen Gründen reale Menschen diverse Namen nicht mehr bekommen (diese Moden sind so seltsam). Wenn es schon in echt keine klein-Mercedes mehr gibt, warum dann nicht in einer Story?

    • Allerdings ist mir grad aufgefallen, dass man da als zeitweiser Anime-Konsument auch vollkommen desensibilisiert ist. Titania? Pfft… Ich hab Fairy Tail (!) geguckt!

      • Zustimmung zu allem. Was Aragorn angeht, oder so ziemlich alles von Tolkien, das zähle ich als Eigenkreation, er hat die meisten Namen ja aus seinen Sprachen abgeleitet (sodass es schon echt witzig ist, wenn er dann plötzlich Namen aus der Edda klaut, wie bei Gandalf und den Zwergen, oder ein Pippin/Peregrin vorkommt, der ganz eindeutig lateinische Wurzeln hat). Ich weiß nicht mal, wie das bei solchen Sachen rechtlich aussieht, das habe ich mich schon bei dem Buch mit dem Rohan-Protagonisten gefragt.

        Ich finde es halt echt schade, dass für manche Autoren bestimmte Namen jetzt scheinbar tot und tabu sind. Wenn ich eine ziemlich üble Vampirgeschichte im Anne Rice-Stil schreiben würde und eine Figur beschlösse, sie wolle Edward heißen, würde ich das vermutlich trotz Mr. Cullen machen, weil die Figuren eben einfach unterschiedlich sind (und Himmel, da reden wir ja nun wirklich von einem stinknormalen Namen!).

        Hehe, was heißt Anime, ich glaube fast, dass ich mit dem Namen Titania damals über die Gargoyles-Serie in Kontakt gekommen bin, da gab’s auch Puck und Oberon ^^

        • Ja, 😉 an Gargoyles musste ich auch dann denken. 😀
          Edward ist ein gutes Beispiel weil das nach wie vor ein ganz normaler Name ist. Genau wie Bella.
          Ich finde halt auch, dass man von seinen Lesern auch nicht zu wenig erwarten sollte.

          Naja, bei Tolkien sind aber ja selbst die Sprachen ja auch an was angelehnt. Ich weiß jetzt grad nicht mehr wie das war aber wahrscheinlich bedeutet Rohan in irgendeiner keltischen Sprache auch noch was ganz anderes. Oder auf Altenglisch oder Isländisch oder younameit. Da kann man selbst dabei nicht zu pingelig sein wenn plötzlich Feanor und die Gang der irgendwas-fins irgendwo auftauchen…

          Und ich bin auch nicht nach ner Schauspielerin benannt obwohl ü-50 das viele denken 😉 Freedom of name choice!

          • (als ich damals das erste Mal in einer Buchhandlung in die Twilight-Bücher reingeschnuppert habe und las, dass der achsotolle Lover Edward heißt, musste ich augenrollend an die Richard Gere-Figur aus Pretty Woman denken – ein pseudocharmanter Freier mit Geld, der gut 20 oder 30 Jahre älter ist als die Protagonistin *hust*)

            Ich habe es gerade mal nachgeschaut, Rohan ist sogar in gleich mehreren Sprachen ein normaler Name 😀 Aber das kann halt auch mit „selbst ausgedachten“ Eigenkreationen passieren, die vielleicht nur lautmalerisch gedacht waren, aber in irgendeiner Sprache eben Bedeutung haben. Kommt halt auf den Kontext an, wie du oben schon sagtest. Wenn man einen Feanor in einer mittelalterlich angelehnten Fantasywelt mit Drachen, Zwergen und magischen Edelsteinen hat, wirkt es schon hart nach Fanfiction. Aber einen Feanor in einer Urban Fantasy-Situation? Könnte interessant sein, je nach Figur, Kontext und Ausführung.

            Jaa, Freedom of name choice in fiction and real life! 🙂

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