Buchempfehlung: Wicked von Gregory Maguire

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Disney hat mit Maleficent die Hintergrundgeschichte der bösen Malefiz aus Dornröschen ausgearbeitet. Frozen hat Andersens Schneekönigin neu erfunden. Ein Film über Cruella DeVil ist in Planung. Kurz: Disney übt sich in Revisionismus und erkundet die Hintergrundgeschichten von Bösewichten, sodass sie bei genauerer Betrachtung gar nicht mehr so böse erscheinen.

wicked-witch-westGregory Maguire ist schon Mitte der 1990er auf diese Idee gekommen und hat sich eine der ikonischsten Schurkinnen in der amerikanischen Fiktion ausgesucht: Die Böse Hexe des Westens aus den Oz-Geschichten. Ihr habt sicher schon einmal die quietschbunte Technicolor-Welt von Oz gesehen, in der Judy Garland singenderweise dem Zauberer in der Smaragdstadt entgegenhüpft, nicht wahr? Margaret Hamiltons Darstellung der bösen Hexe (die in dem Musical-Film von 1939, nicht aber in L. Frank Baums Buchvorlage grüne Haut hat!) ist heute der Inbegriff einer bösen Hexe. Sie ist sogar so böse und verdorben, dass reines Wasser sie letztlich umbringt.

In Baums Kinderbuch ist die Hexe des Westens eine waschechte Schurkin. In der Filmversion dagegen kann man sich bei genauerer Betrachtung über ihre Bösigkeit wirklich streiten. Denn die Film-Hexe hat durch Dorothys Schuld ihre Schwester verloren und wurde bestohlen (Verbindungen, die es im Kinderbuch so nicht gibt), sie hat also gute Gründe, warum sie Judy Garlands trällernde Dorothy nicht leiden kann – und sie tut tatsächlich nichts Böses.

Und genau da setzt Gregory Maguires Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the West an. Vielleicht hat der eine oder andere von euch das Musical Wicked gesehen, das auf dem Roman basiert, wo die grüne Hexe sogar zur liebenswerten Antiheldin wird. Allerdings ist die Handlung auf der Bühne durchaus vereinfacht, verändert und stellenweise glattgebügelt, wenn auch immer noch fantastisch. Bei allem, was recht ist, schaut euch das Musical an, es ist wunderbar, aber es lohnt sich auf jeden Fall, die großartige Buchvorlage zu lesen.

Worum geht’s?

wicked00Wicked wirft einen etwas anderen Blick auf die bekannten Oz-Geschichten, und ganz besonders auf die Figuren der Hexen und des Zauberers. Insbesondere erzählt der Roman die Lebensgeschichte der hier ebenfalls grünen Hexe des Westens. Gregory Maguire holt sie aus der Anonymität, gibt ihr einen Namen, eine Motivation und eine Identität. Die Dame heißt Elphaba Thropp und wuchs in Munchkinland auf – genau da, wo Dorothy in der Oz-Fassung mit ihrem Haus landet. Sie geht auf die Universität, wo sie ihre magischen Fähigkeiten und Glinda kennenlernt – Glinda die Gute, die in den Oz-Büchern und –Filmen als Gute-Fee-in-Rosa auftaucht, die in Maguires Buch jedoch ebenfalls vielschichtiger ist. Elphaba ist der Inbegriff eines Social Justice Warriors. Und das System, in dem sie lebt, ist alles andere als sozial gerecht. Elphaba macht es sich zum Ziel, gegen diese Missstände zu kämpfen – wobei sie allerdings die Wege der Legalität verlässt. Es gibt Gründe, warum sie grün ist. Und Gründe, warum sie tut, was sie tut. Es gibt verdammt gute Gründe, warum sie unbedingt die Schuhe ihrer Schwester, der Hexe des Ostens, haben will. Und weniger gute Gründe, warum ganz Oz sie als böse wahrnimmt, denn am Ende der Lektüre fällt es schwer, Elphaba das Prädikat „böse“aufzudrücken, auch wenn man sie nicht unbedingt als Nachbarin haben will.

Warum die Empfehlung?

Zum ersten ist das Buch verdammt gut geschrieben. Also, auf Englisch, ich weiß nicht, wie es mit der deutschen Übersetzung aussieht.

Außerdem sind die Figuren wunderbar gezeichnet. Elphaba ist grau. So grau, wie es irgendwie geht. Im Gegensatz zum Musical, wo das grüne Mädchen Gutes tun will und konsequent von allen missverstanden wird, hat die Buch-Elphaba wirklich ihre Schattenseiten – und genau das macht sie so interessant. Sie tut Dinge, bei denen es mir kalt den Rücken herunterläuft, und sie tut Dinge, bei denen ich vor Rührung weinen will. Und Glinda, die im Musical bisweilen doch arg auf Tussigkeit und Oberflächlichkeit reduziert wird, hat hier viel mehr Tiefe. Fiyero, Elphabas Liebhaber, für den im Musical irgendwie recht wenig Platz war, ist hier sogar zeitweise Perspektivträger, wodurch man eine weitere interessante Sichtweise auf Elphaba erhält. Spannender finde ich allerdings, dass wir hier ein Buch mit starken, weiblichen Protagonisten haben, denn nicht nur Elphaba steht im Mittelpunkt, sondern auch ihre Schwester Nessarose, ihre Freundin Glinda und ihre Erzfeindin, Madame Morrible. Die Welt braucht mehr Bücher mit gut geschriebenen Frauenfiguren.

hamilton2bZum Dritten orientiert sich Wicked wohl mehr an dem Film von 1939 als an den Oz-Büchern, und zwar an einer kritischen Lesweise. Ich habe meine Bachelorarbeit u.a. darüber geschrieben, warum Margaret Hamiltons Grüne Hexe eigentlich gar kein Bösewicht, sondern frauenfeindliches Konstrukt ist – denn im Gegensatz zu den Büchern tut die Hexe im Film nichts Böses. Sie ist grün, sie ist hässlich, sie hat eine fiese Lache und taucht ständig so plötzlich aus dem Nichts auf, dass Dorothy und ihre Freunde sich öfters mal erschrecken. Und nein, sie benimmt sich nicht besonders weiblich, und ja, sie begeht das Verbrechen, Macht haben zu wollen, obwohl sie kein Mann ist. Aber Dorothy hat ihre Schwester getötet und deren Schuhe geklaut. UND soll die grüne Hexe ermorden. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich wäre da ebenfalls sauer. Dieses Bild ergibt sich, wenn man den Film ohne die Dorothy-Brille schaut. Und dies ist das Endbild, von dem aus Maguire seine Geschichte rückwärts spinnt und sich fragt, wie es so weit gekommen ist. Ich mag solche Erzählungen, bei denen man die mögliche andere Seite der Münze kennenlernt.

Philosophie

wicked2Wicked stellt eine Menge hochinteressante philosophische Fragen: Was darf Politik? Wie weit dürfen Manipulation und Propaganda gehen? Wird man als Frau geboren oder dazu gemacht? (Elphaba wird zwar den ganzen Text über als Frau gehandhabt, aber es gibt Hinweise, dass ihr Geschlecht nicht ganz eindeutig ist, und sie benimmt sich auch nicht wie eine konventionelle Frau). Fragen über Rassismus und Speziezismus und den Diskurs darüber. Wo hört der Mensch auf, wo fängt das Tier an? Was ist Menschlichkeit? Was ist Freundschaft – und wie viele grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten kann eine Freundschaft überstehen? Und natürlich über die Natur des Bösen: Wer ist böse, und warum? Und sind manche Leute, die als böse bezeichnet werden, nur böse, weil eine mächtige Person es behauptet?

Wicked stellt solche Fragen, ohne je trocken oder langweilig zu werden, denn diese Fragen sind in eine unterhaltsame, magische Geschichte mit hochinteressanten Figuren eingeflochten. Die Fragen gehören zu den Identitäten der Figuren – die Figuren können gar nicht anders, als sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, da ihr Leben durch das Regime in Oz direkt davon beeinflusst wird.

Wer sollte vielleicht eher die Finger davon lassen?

wicked4Es gibt eine Menge Leute, die mit Revisionismus in der Fiktion nichts anfangen können, die auch z.B. Maleficent nicht mochten, die ihre Bösewichte behalten und nicht über die Kehrseiten von Märchenwelten nachdenken wollen. Für solche Leute ist Wicked nichts. Elphaba ist ein dekonstruierter Bösewicht und Oz ist ein zerbrochenes Märchenland. Es wird praktisch kein Stein auf dem anderen gelassen. Elphaba ist nicht das Böse in Person, Glinda die Gute ist nicht so gut wie wir immer glaubten, vom Zauberer ganz zu schweigen. Wenn man so etwas nicht mag, sollte man die Finger von Wicked lassen. Wicked ist ein bittersüßes, entzaubertes Märchen für große Kinder, darüber sollte man sich klar sein. Niedlichkeiten sucht man hier vergebens, dafür findet man jede Menge Ecken und Kanten an so ziemlich jeder Figur und jedem Sachverhalt.

Fazit

Wer gut geschriebene Geschichten mit einem Twist mag und sich nicht vor den oben beschriebenen komplizierten Fragen scheut, der sollte Wicked lesen. Es lohnt sich, wie gesagt, auch, wenn man das Musical schon gesehen hat. Dort werden ja ähnliche Fragen gestellt und mit ähnlichen Prämissen gearbeitet, aber es ist eben eine 1,5-Stündige Bühnenshow – da fallen zwangsläufig Aspekte unter den Tisch. Nicht so im Buch.

Im Übrigen ist Wicked zwar das bekannteste Buch von Maguire, aber es ist tatsächlich nur der Auftakt. The Wicked Years ist eine vierteilige Reihe, die Oz noch aus weiteren Perspektiven beleuchtet, unter anderem aus Sicht des Löwen, der Dorothy auf ihrem Abenteuer begleitet. Ich habe bisher nur Wicked und die Häfte der Fortsetzung Son of a Witch gelesen, kann es aber dennoch herzlichst weiterempfehlen.

Kennt ihr Wicked? Das Buch oder das Musical oder beides? Wenn ja, wie fandet ihr es?

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6 Gedanken zu “Buchempfehlung: Wicked von Gregory Maguire

  1. Da kann ich nur zustimmen! Wicked hat mich damals beim ersten Lesen total überrascht, weil ich so viel Tiefe nicht erwartet hätte, aber inzwischen lese ich es immer mal wieder (zumindest in Teilen). Oz war für mich schon immer ein bisschen anders als andere Märchen, und damit erst recht.

    Was die Fortsetzung betrifft, war ich allerdings enttäuscht. Son of a Witch ist mMn viel schwächer als Wicked und in die restlichen Bücher hab ich danach nicht hineingeschaut.

    • Wie schön, noch ein Wicked-Liebhaber 🙂 Ja, so ging es mir auch. Ich kannte zuerst das Musical und wollte dann natürlich das Buch lesen und war sehr positiv überrascht.

      Was Son of a Witch angeht, stimm ich dir zu. Ich finde es immer noch gut geschrieben, aber mich packen die Figuren nicht so – akuter Elphaba-Mangel.

      • Ach ja, ich kenne das Musical gar nicht. Muss ich wohl nachholen. 😀 Nein, ich habe eine Nacherzählung Oz in einem dieser großen schön illustrierten Geschichtenbücher für Kinder entdeckt, und schon damals ist mir wohl aufgefallen, dass das nicht von den Gebrüdern Grimm sein konnte.

        Ja, das wird auch nicht besser … Außerdem fand ich Liir nicht so spannend.

        • Oh, das ist aber auch schön 🙂 Finde es toll, dass die Geschichten in so Büchern aufgenommen werden, es ist ja gar kein klassisches Märchen sondern eher wirklich richtung Kinderbuch.
          Muss sagen, dass ich auch nur den Zauberer von Oz kenne, Baum hat ja auch noch zig andere Oz-Bücher geschrieben. Heh, mir fällt gerade ein, das erste Mal, das ich mit dem Oz-Stoff in Kontakt gekommen bin, war bei einer Freilchtbühnenfassung, die wir in der Grundschule besucht haben – die Grüne Hexe ist mit einem brennenden Fahrzeug über die Beühne geflitzt, das war schon beeindruckend 😀
          Das Musical ist auch interessant. Die Geschichte ist ein bisschen anders, aber auch da werden interessante Fragen gestellt, und die Figuren, wenn auch anders als im Buch, haben immer noch Tiefe. Kann ich auch wärmstens empfehlen, zumindest, wenn du Musicals nicht grundsätzlich abgeneigt bist 🙂 (es ist allerdings allein schon für die Bühnenshow sehenswert).

          Schade 😦 Mh, habe ich aber fast schon befürchtet, ich hab es vor 2 Jahren angefangen und war irgendwie nie so motiviert, weiterzulesen … was auch an Liir lag.

          • Ja, ich meinte vorhin auch nur den Zauberer. Wäre ja interessant, sich mal den ganzen Rest anzusehen. 🙂

            Und ich mag Musicals an sich ganz gerne. Wenn ich es mir nicht angesehen hab, dann nur, weil ich bisher keine richtige Gelegenheit hatte, aber jetzt bin ich neugierig!

            • Im deutschsprachigen Raum läuft es momentan leider nicht, hoffe es kommt mal wieder. Ansonsten gibt es ein paar gute Aufnahmen bei Youtube, ist zwar absolut kein Ersatz, aber man erhält nen ganz netten Eindruck 🙂

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