Buchempfehlung: Stardust von Neil Gaiman

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Eigentlich hatte ich überlegt, heute etwas über Nachrichten-Diät zu schreiben. Aber da man der Fantasy ja immer gerne den Eskapismus-Vorwurf in die Schuhe schiebt, füttere ich das Klischee heute zur Abwechslung und empfehle ein dunkles Märchen, und zwar Stardust (zu deutsch Der Sternenwanderer), geschrieben von niemand geringerem als Neil Gaiman.

Vielleicht habt ihr den Film gesehen und denkt: Nö, danke, reicht? Vergesst den Film, das Buch ist anders. Und besser, weil düsterer.

Worum geht’s?

IMG_2761Unser junger Held Tristran (ja, mit zwei ‚R‘ – nicht ‚Tristan‘) ist verliebt in die Dorfschönheit Victoria. Um sie von seiner Liebe zur überzeugen, will er ihr einen Stern bringen, der vom Himmel gefallen ist. Also verlässt er sein Dörfchen, um in dem Feenreich auf der anderen Seite der Mauer auf Sternensuche zu gehen. Besagter Stern entpuppt sich jedoch als eine schlechtgelaunte junge Dame, die auf den Namen Yvaine hört, die sich bei ihrem Absturz das Bein gebrochen hat – und die so gar nicht sternschnuppig ist. Auch nicht sonderlich begeistert davon, dass ein junger Trottel sie verschenken will. Allerdings ist Tristran nicht der einzige, der Interesse an dem Stern hat. Auch die sieben Prinzen von Stormhold und drei alternde Hexen machen sich auf die Suche nach Yvaine. Stellt sich die Frage: Wie fängt man eigentlich so einen Stern? Und was essen die? Schlafen sie? Yvaines Kommentar dazu: „Of course. But not at night. At night, we shine.“

 Warum sollte man es gelesen haben?

„Weil es ein Neil Gaiman-Buch ist“, ist wohl nicht die allerdollste Antwort, aber Himmel, der Mann schreibt einfach großartig. Stardust ist wirklich ein dunkles Märchen – soll heißen, es ist gespickt mit Folklore, gewürzt mit Mythen und Sagen. Ich liebe so etwas. Gleichzeitig hat es aber auch seine eigenen Twists und clevere Dialoge.
Man sollte das Buch auch wegen Yvaine lesen, die eine absolut coole Figur ist. Und weil Tristran, trotz seiner Trotteligkeit, sehr liebenswert ist.

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„And if there’s a way to find you, I will find you. But will you find me if Neil makes me a tree?“, singt Tori Amos. Illustration aus Stardust. (von TheDent)

Man sollte es wegen der Vorgeschichte lesen, die an so einige sagen über Faerie, das englische Feenreich, angelehnt sind, das ebenfalls um einiges düsterer ist als die kleinen Flügelviecher vermuten lassen. Weil die Geschichte von Tristrans Mutter traurig und schön zugleich ist.

Man sollte es lesen, weil es, trotz der Düsterkeit, sehr leicht und mit einem Augenzwinkern geschrieben ist. Das Buch ist auch nicht besonders dick, man taucht also kurzweilig in diese zauberhafte Welt ab.

Man sollte es wegen der wunderbaren Einfälle lesen, die Neil so hat, etwa die Glasblumen, das Wolkenschiff oder die, ähm, animalische Streitschlichtung. Und auch wegen der Gestaltung der Nebenfiguren, die nie ins Klischee abrutschen, auch wenn sie dafür eigentlich Steilvorlagen bieten.

Wenn man Tori Amos mag, sollte man es lesen, weil Neil seine Freundin Tori auf sehr liebenswürdige Weise in das Buch eingeflochten hat – in der Gestalt eines roten Baums.

Märchen mit Twist

Es gibt so viele moderne Märchen. Was ich bei Neil Gaiman-Bücher immer liebe, ist, dass man fühlt, wie viel Folklore und Mythen der Mann gelesen hat. Und man selbst muss sich nicht damit beschäftigt haben, um die Geschichten zu verstehen oder zu genießen, aber wenn man sich ein bisschen mit verschiedenen Sagenwelten auskennt, dann weiß man seine Welt und die Kreaturen darin noch ein wenig mehr zu schätzen. In Stardust findet man so einige Themen, die man aus Märchen kennt: Eine Reise durch ein magisches Land, Wechselbälger, Tauschgeschäfte, die man mit Vorsicht genießen sollte, magische Mittel für die ewige Jugend … aber das Ganze erhält einen sehr eigensinnigen Anstrich.

Stardust wird sonst glaube ich eher mal mit Princess Bride verglichen. Ich persönlich hatte nach dem Lesen eher ein ähnliches Gefühl wie nach dem ersten Mal Labyrinth-Schauen, auch wenn dieser Vergleich vielleicht ein wenig hinkt. Dunkelmagisch, mit einem bittersüßen Märchenende.

Wer sollte vielleicht eher die Finger davon lassen?

Wenn man grundsätzlich nichts mit Märchen oder Phantastik anfangen kann, wird man mit Stardust keinen Spaß haben. Und wer zuerst den Film gesehen hat und sich mental daran orientiert, wird vielleicht enttäuscht sein, denn Buch und Film unterscheiden sich gehörig. Von den abweichenden Handlungssträngen abgesehen, gibt es Robert De Niros Captain Shakespeare im Buch so nicht, Michelle Pfeiffer fasst gleich mehrere Figuren zusammen, und Claire Danes, so toll ich sie auch finde, ist eine sehr zahme Yvaine. Ich persönlich finde das Buch weniger glattgebügelt und weniger hollywoodverkitscht als den Film, der zwar nett ist, aber dem bisweilen die Tiefe abhandenkommt, die das Buch, trotz des leichten Tons, trotzdem besitzt. Aber selbst, wenn man das nicht mag, sollte man dem Buch trotzdem eine Chance geben – Spaß macht es allemal.

Fazit

Wenn man für etwa 250 Seiten in eine andere Welt eintauchen will, ist Stardust eine schöne Urlaubsempfehlung für den Kopf. Ein bisschen Zeit mit tollen (zum Teil auch skurrilen) Figuren verbringen, in dunkelbunter, folkloristischer Magie schwelgen und sich von der gaiman-eigenen teils poetischen, teils bissigen Prosa verzaubern lassen – das tut bisweilen ganz gut. Mit anderen Gaiman-Büchern lässt sich Stardust nicht vergleichen. Wenn ich so an Neverwhere oder American Gods denke, oder auch an The Sleeper and the Spindle und Coraline, dann ist Stardust im Vergleich weniger finster, weniger beklemmend.

Und ja, in einem Sommer, in dem es tagtäglich schlechte Nachrichten hagelt und in dem es einen trotz 30°C friert und schaudert, weil die Realität erschreckender ist als jeder Horror-Roman, eignet sich dieses Buch hervorragend für ein paar Stunden gemäßigten Eskapismus.

Habt ihr Stardust gelesen? Oder andere Bücher von Neil Gaiman? Wenn ja, wie fandet ihr sie? Ich bin gespannt auf Meinungen!

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2 Gedanken zu “Buchempfehlung: Stardust von Neil Gaiman

  1. Ich liebe das Buch! Es ist einfach toll. Ich habe es schon mehrere Male gelesen und fand es nie langweilig (was bei der Größe echt verwunderlich ist). Die Atmosphäre ist einfach so… Nun ja. Es ist Neil Gaiman. Mehr kann ich eigentlich nicht dazu sagen. Was mich daran erinnert, dass ich jetzt mal Neverwhere lesen wollte… 🙂

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