Buchempfehlung: Das Silmarillion

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Heute geht es um J.R.R. Tolkiens Opus Magnum. Sein Lebenswerk. Das Buch, an dessen Geschichten er sein Leben lang gearbeitet hat und das er vor seinem Tod nicht beendet hat. Ich glaube, es war sein Sohn Christopher, der die Mutmaßung ausgesprochen hat, dass sein Vater das Silmarillion gar nicht beenden wollte.

Kleine Anekdote vorab: Ich habe das Silmarillion vor dem Herrn der Ringe (HdR) gelesen. Das war super. Denn so konnte ich mit vielen Anspielungen in HdR viel mehr anfangen. Gleichzeitig dachte ich nach der Lektüre beider Bücher aber auch: Meine Güte. Die Elben sind verrentnert. Denn auch wenn es im Herrn der Ringe so aussah, aber Tolkiens Elben sind gar nicht so edelmütig, weise und sanft (oooh nein!). Zumindest waren sie es nicht immer.

 

Worum geht’s? Was ist das Silmarillion?

Das Silmarillion ist kein zusammenhängender Roman, wie HdR oder der Hobbit. Es ist vielmehr eine Zusammenfassung von so ziemlich allem, was zum Ringkrieg geführt hat. Oder, wenn man sich ein wenig mehr mit Tolkien auskennt: Sein Spieplatz, um seinen selbstkreierten Sprachen Quenya und Sindarin einen Ort zu geben, an dem sie gesprochen werden können.

IMG_3036Los geht es mit der Erschaffung der Welt. In HdR bekommt man davon nicht so viel mit (in den Filmen erst recht nicht), aber Mittelerde hat einen eigenen Schöpfungsmythos und eigene Götter (die Valar). Einer der Valar, Melkor (später Morgoth, erster Boss von Sauron), ist eine luziferesque Gestalt, die Spaß daran hat, alles ins Chaos zu stürzen.

Und dann geht es natürlich um die Elben, besonders um ein Volk von ihnen, die Noldor. Im Zentrum steht die Familie von Feanor, einem genialen, aber … sagen wir mal, reizbarem Gesellen, der drei ganz besondere Edelsteine erschaffen hat: Die Silmaril. Mächtig, magisch, hübsch, jeder will sie haben (bei Tolkien sind die Leute ja immer verrückt nach magischem Blingbling 😉 ). So auch Morgoth, dem es gelingt, sie zu stehlen. Der Löwenanteil des Silmarillions dreht sich um die Mühen der Noldor (insbesondere von Feanor und seinen Söhnen), die Silmaril zurückzuerobern und Morgoth zu besiegen.

IMG_3048Mit dabei sind viele Geschichten, die im Hobbit und dem Herrn der Ringe angedeutet werden: Der Fall von Gondolin, die Tragödie von Turin Turambar (frei geklaut aus der finnischen Kalevala 😉 ) und der größten Liebesgeschichte des Tolkien-Universums: Die Geschichte vom Menschenmann Beren und Elbendame Luthien, einer Urahnin von Elrond und Arwen. Die Turteltäubchen stehlen unter Einsatz ihres Lebens (wortwörtlich) einen Silmaril zurück, um zusammen sein zu dürfen, und schließlich gibt Luthien ihre Unsterblichkeit für Beren auf … Ja, die Geschichte wiederholt sich.

IMG_3037Warum die Empfehlung?

Es gibt viele Gründe, das Silmarillion nicht zu lesen. Darauf komme ich später noch einmal. Es gibt aber auch viele Gründe, es zu lesen. Zum einen, da erst bei der Lektüre des Silmarillions klar wird, wie vielschichtig und komplex Tolkiens Mittelerde ist. Dinge, die in HdR nur kurz erwähnt werden, spielen in der Mythologie der Elben eine wichtige Rolle. Der Schöpfungsmythos mit dem Gesang der Ainur ist eine schöne Idee. Ebenso die Bäume, die Licht gespendet haben, bevor es Sonne und Mond gab. Wir erfahren, wer genau Elrond und Galadriel sind, wo Sauron herkam und wer dieser Eärendil ist, dessen Licht Frodo geschenkt bekommt.

Außergewöhnliche Elben

Ich mag das Silmarillion vor allem deshalb, weil die Elben hier viel, viel interessanter und komplexer sind als in den Hauptwerken von Tolkien. Während die Elben sich im Hobbit überwiegend betrinken (außer Elrond, natürlich, aber Thranduils Männer im Düsterwald? Weinorgie!) und die Kollegen im Herrn der Ringe kaum mehr machen, als die Gefährten vorübergehend zu beherbergen und Mittelerde schließlich gleichmütig den Rücken  kehren, sind die Silmarillion-Elben intensiv. Sehr intensiv.

Sie sind ehrgeizig, eifersüchtig, freiheitsliebend, anti-autoritär, leisten Schwüre, lösen Katastrophen aus und versuchen, selbige wieder auszubügeln. Manchmal werden sie dabei zu Helden, manchmal versehentlich zu Schurken. Manche Geschichten tun beim Lesen weh (Maedhros‘ Hand. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Und wenn man über Elrond und seinen Bruder nachdenkt… autsch). Manchmal will man die Herrschaften schütteln (Feanor, du Dost), manchmal feiern (kommt allerdings nicht oft vor), manche hasst man (Eol …), manche tun einem irgendwie leid – widerwillig (Maeglin, Turin) oder auch aufrichtig (Finduilas), und bei manchen weiß irgendwann nicht mehr recht, ob man sie mögen oder hassen soll (mein Verhältnis zu Maedhros und Maglor ist sehr gespalten).

IMG_3044Und die Jahre zogen ins Land…

Die Ereignisse erstrecken sich über einen sehr langen Zeitraum. Elben sind unsterblich, einige von ihnen geben trotzdem irgendwann den Löffel ab, andere sind bis zum bitteren Ende mit dabei. Aber es gibt ja nicht nur Elben. Durch den langen Zeitraum lernt man auch viele verschiedene Menschen kennen, die verschiedenste Heldentaten begehen … oder sich nicht mit Ruhm bekleckern.

Denn neben dem Hauptstrang um die Elben und ihrer Jagd nach den Silmaril gibt es auch die Alkallabeth, die Geschichte der Menschenreiche, insbesondre dem Atlantis-mäßigen Reich Numenor, dem Aragorns Vorfahren entstammen. Hier erfährt man, warum es die Waldläufer und das Königreich Gondor gibt. Gleichzeitig finden wir heraus, wer genau Sauron ist und wie er an die Macht kam. Die Erzählungen enden schließlich mit dem Ringkrieg. Auf diese Weise wird so ziemlich alles, was im Hobbit und im Herrn der Ringe passiert, in Kontext gesetzt.

Wer sollte vielleicht die Finger davon lassen?

IMG_3038Wie gesagt, es gibt viele Gründe, das Silmarillion nicht zu lesen. Der erste ist sicher, dass es eben tatsächlich kein Roman ist, sondern eine Geschichtensammlung, bzw. eine Sammlung von Mythen. Die Figuren werden also anders gehandhabt als z.B. im Hobbit, mal mehr, mal weniger differenziert … wenn ihr Mythen gelesen habt, wisst ihr, was ich meine. Zudem ist die Sprache sehr gewöhnungsbedürftig. Ich habe des öfteren Vergleiche mit der Bibel gehört, und das ist gar nicht so verkehrt. Leicht zu lesen ist es also nicht, und definitiv ganz anders als der Hobbit und der Herr der Ringe. Zudem gibt es sehr, sehr, sehr viele Figuren. Manche werden nur einmal erwähnt und tauchen danach nie mehr auf, und die vielen Namen ähneln sich zum Teil sehr, sodass man unter Umständen den Überblick verliert. Vielleicht. (ich finde eigentlich, dass das alles gut mach- und merkbar ist). Wer mit alldem nichts anfangen kann, sollte also vielleicht die Finger vom Silmarillion lassen.

Aber wer sich auch für solche Kost erwärmen kann, Spaß an epischen Geschichten und linguistischen Spielereien hat und insgesamt einfach gern mehr über Mittelerde, seine Entstehung und seine Bewohner erfahren möchte, dem kann ich das Silmarillion wärmstens ans Herz legen. Besonders, wenn ihr die Möglichkeit habt, ein Exemplar mit Illustationen von Alan Lee oder John Howe zu lesen. Ich für meinen Teil kann sagen, dass mich das Silmarillion auf lange Sicht mehr beeindruckt hat als der Herr der Ringe.

Wer sich vielleicht erst einmal auf musikalische Weise damit vertraut machen möchte: Die Jungs von der Krefelder Metalband Blind Guardian haben das Buch in ihrem Konzeptalbum „Nightfall in Middle Earth“ vertont. Ist auch ein guter Einstieg, zumindest, wenn man E-Gitarren mag 🙂

Kennt ihr das Silmarillion? Habt ihr es gelesen? Wenn ja, wie fandet ihr es?

Sämtliche Bilder sind übrigens Illustrationen von Ted Nasmith und stammen aus meinem Exemplar des Silmarillions.

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10 Gedanken zu “Buchempfehlung: Das Silmarillion

  1. Schöner Text über ein Buch, an das ich mich vermutlich nie heranwagen werde :/ Ich hatte schon am Herrn der Ringe zu kämpfen. Andererseits habe ich den mit 16 gelesen … In jedem Fall aber: schöner Text 🙂

    • Danke 🙂 Wie gesagt, der Stil ist schon sehr anders als beim Herrn der Ringe. Kann nur empfehlen, es zu versuchen 🙂 Alternativ: Children of Hurin, also die Episode um Turin, gibt es als Hörbuch, von Christopher Lee gelesen. Das lohnt sich schon wegen… Christopher Lee 😀

  2. Eine schöne Vorstellung, ich hoffe, sie bringt dem Silmarillion ein paar neue Leser ein!

    Anfangs hab ich es mit dem Hörbuch versucht, was nicht so geklappt hat, aber das Buch hatte ich dann überraschend schnell durch (vor ein paar Monaten erst). Vor allem hat mich beeindruckt, dass Tolkien de facto einen fiktiven Schöpfungsmythos geschrieben hat. Ich glaube, erst wenn man ihn mit Homer oder diversen regionalen Mythologien (griechische, keltische, indische) in eine Reihe stellt, merkt man, was für eine Leistung das eigentlich war. Diese Geschichten wurden über Jahrhunderte überliefert und verändert, bevor sie irgendwann mal jemand aufschrieb. Tolkien dagegen war ein Mensch, der sich das alles in einem einzigen Leben ausgedacht hat.

    Also ja, ich verstehe deine Begeisterung!

    • Ich hatte beim Schreiben noch daran gedacht, dass du das Buch erst vor Kurzem gelesen hast 🙂

      Du hast Recht, es ist wirklich beeindruckend, dass er es im Alleingang geschafft hat, diese Mythologie zu erschaffen. Ebenso beeindruckend finde ich aber auch, dass er es tatsächlich nie abgeschlossen hat. Er hat sein fast ganzes Leben an diesen Geschichten gearbeitet, Dinge verändert, weiterentwickelt, bestimmte Aspekte haben sich mit seinen eigenen, sich wandelnden Weltanschauungen mitverändert, es gibt verschiedene Versionen diverser Geschichten und Umstände, von denen seine Nachlassverwalter nicht sicher sind, welche denn nun eigentlich die Richtige sein soll („Wer zum Teufel IST denn jetzt Gil-Galads Vater? Hier gibt es mindestens 4 Möglichkeiten, uahhh…“). Bei Einzelautoren gibt es ja nach verschiedenen Entwürfen doch irgendwann eine offizielle Finalversion. Bei Tolkien nicht. Dadurch hat er praktisch auch innerhalb seines eigenen Werks die Inkonsitenz, die sich aufgrund der langen Überlieferungszeit auch bei richtigen Mythologien einstellt. Finde ich sehr spannend 🙂

      • Wow, du hast Recht, damit hab ich mich (noch) gar nicht beschäftigt. Wenn das wirklich so schlimm ist, sollte es ja fast kommentierte Gesamtausgaben seiner Werke geben, in denen man genau sieht, welche Version von wann stammt und was er später wie geändert hat. Mit ganz vielen Verweisen und Fußnoten! Aber ich nehme an, bisher hat sich noch niemand die Arbeit angetan, oder?

        • Ich glaube, die Dinge, die sich unterscheiden, sind vor allem Kleinigkeiten, eben Fragen nach der Verwandschaft von Elb X. Viele der Geschichten standen in ihren Grundzügen ja schon sehr, sehr früh fest 🙂
          Meines Wissens ist vorwiegend Christopher Tolkien für den Nachlass zuständig und hat nach Tolkiens Tod das Silmarillion so zusammengestellt, wie er glaubte, dass ein Vater es geplant hätte. Und später im Nachlass dann doch noch Aufzeichnungen zu bestimmten Aspekten gefunden, die dem doch wieder widersprochen haben. Er hat sich durchaus durch die ganzen Schriften gewuselt, die verschiedenen Versionen gibt es in der 12-bändigen History of Middle Earth, in denen alternative oder ausführlichere Versionen und Zusatzmaterial zu so ziemlich allem enthalten sind. Da gibt es immer wieder Anmerkungen von Christopher, dass es soundso im Silmarillion steht, dies hier aber noch mal eine andere Version ist, etc. Und dann gibt es natürlich auch noch Tolkiens Briefe, die auch noch mal Infos und Erklärungen enthalten. Die ganzen Verweise und Fußnoten gibt es also durchaus, aber sie verstreuen sich praktisch über so ziemlich alle Veröffentlichungen.

          • 12 Bände? Puh, das tu ich mir vielleicht an, wenn ich eine eigene Wohnung (oder gleich Haus) habe und mir eine riesige Bibliothek anlegen kann. 😀 Klingt auf jeden Fall spannend, vor allem die Briefe!

            • Ja, 12 😀 Ich habe auch nur das 12. davon. Die beinhalten neben alternativen Geschichten vor allem auch Stammbäume ohne Ende, Listen mit Spitznamen von Elben, die vielleicht 3x im ganzen Legendarium auftauchen, und ganz viele linguistische Exkurse. Finde ich persönlich spannend, aber ich habe auch in Rezensionen gelesen, dass viele sich dabei arg gelangweilt haben 🙂 Die Briefe wollte ich mir allerdings auch mal zulegen, da ist auch viel veröffentlichungstechnisches mit bei, soviel ich weiß.

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