Moderne Vampire: Only Lovers Left in the Shadows

Oder: Warum Only Lovers Left Alive und 5 Zimmer, Küche, Sarg (engl. What We Do In The Shadows) großartige Vampirfilme sind.

Ich habe mich ja bereits darüber ausgelassen, dass ich Vampire als phantastische Wesen zwar im Allgemeinen durchaus mag, aber eben nicht die Kuschel-Glitzer-Variante. Wenn es in der Literatur schon schwierig ist, Vampirbücher zu finden, die meinem Geschmack entsprechen, dann ist es seit Robert Pattinson bei den Filmen praktisch unmöglich geworden. Nicht, dass es vor Twilight leicht gewesen wäre – der Maßstab ist immer noch „Interview mit einem Vampir“, dieser Film ist verflucht gut und hat die Latte sehr hoch gehängt.
Aber in den letzten Jahren gab es dann doch zwei Filme, die mein Herz für Untote wieder haben höher schlagen lassen.

Only Lovers Left Alive

Erst mal: Tilda Swinton und Tom Hiddleston. Allein für die beiden lohnt es sich schon, den Film anzuschauen, sie sind einfach großartige Schauspieler.

Die beiden spielen Adam und Eve (ja, jaa), zwei onlyloverleftVampire, die es bis ins 21. Jahrhundert geschafft haben. Eve ist eine bibliophile Weltenbummlerin, die mit einem Koffer voller Bücher nach Tanger gezogen ist, Adam ein melancholischer Musiker, der die Wunderwelt der E-Gitarren in Detroit erkundet. Blut gibt es aus dem Krankenhaus – man hat ja seine Kontakte -, vom Dealer des Vertrauens oder als Eis. Ich benutze das Wort so ziemlich nie, aber … die beiden versprühen einen Glamour-Faktor, der sich mit dem von Lestat messen kann. Sind aber wesentlich netter als der gute Lestat. Modern sind die beiden auch – sie haben keinen Widerstand gegen den onlyloverslFortschritt geleistet, sich seit stets interessiert mit technischen Neuerungen auseinandergesetzt und sie sich zunutze gemacht. Jetzt kommunizieren sie überwiegend via Skype. Zumindest, bis Adam so melancholisch wird, dass Eve ihre Zelte in Tanger abbricht und zu ihm nach Detroit kommt, wo kurz darauf ihr Schwesterherz aufkreuzt (die dann tatsächlich den Lestat-Faktor mitbringt) und für Ärger sorgt.

Ich bin eine Film-Pappnase – ganz viele Feinheiten und technische Besonderheiten gehen an mir vorbei, Asche auf mein Haupt. Aber dieser Film lebt vor allem von seiner düsteren und zugleich unaufgeregten Atmosphäre, der psychedelischen Musik (hallo, Adam ist Underground-Musiker!) und der Beziehung zwischen Adam und Eve. Was bei diesem Film sehr schön herauskommt, sind zwei Facetten des Vampirdaseins, die ich sehr spannend finde: Zum einen Eves waches Interesse für die sich immer schneller verändernde Welt, zum anderen Adams Weltenmüdigkeit. Die alte Leier mit dem Blut spielt natürlich auch eine Rolle, aber fast schon verschwindend wenig, und tritt erst gegen Ende in den Vordergrund.

only-lovers-left-alive-1Anderer Plus-Faktor: Das Pferd mit dem Unsterblichen, der sich in eine Sterbliche verliebt, ist so totgeritten, wie es nur geht. Ich für meinen Teil fand es phantastisch, dass die Liebenden hier a) beide von Anfang an Vampire und b) schon seit mehreren Jahrhunderten miteinander verheiratet sind. Only Lovers Left Alive ist keine „Kriegen sie sich?“-Geschichte, sondern erforscht vielmehr die Tiefe einer Beziehung, die nicht mehr neu und frisch und spannend für die beiden Parteien ist. Was wiederum so selten in Filmen aufgegriffen wird, dass ich es einfach nur wunderbar fand. So kann man das Thema „Ewige Liebe“ nämlich auch umsetzen – herrlich unkitschig und stellenweise recht böse.

5 Zimmer, Küche, Sarg

Böse ist auch die Vampirkomödie, die auf Englisch What We Do In The Shadows heißt und sich als Real Life-Doku ausgibt.

5zimmerdeacFünf Vampire wohnen in einer WG in Wellington, Neuseeland, ebenfalls im Hier und Jetzt. Ein Kamerateam begleitet ihren Alltag mit der Handkamera. Die Herren geben zwischendurch Interviews, wie man es von … ähm … Ozzy Osbournes Gesprächen mit den MTV-Kameras kennt. Wer wohnt in dieser untoten WG? Ein unverschämt gutgelaunter Dandy, ein Dracula-Verschnitt, ein Ex-Nazi (Nesthäckchen der Truppe), und … Nosferatu, der im Keller nächtigt und bisweilen Hilfe beim Zähneputzen braucht. Aber für so etwas hat man ja freundliche Mitbewohner. Später zieht noch ein frischgebissener Neuzugang ein.5zimmerundinstrumente Im Gegensatz zu Adam und Eve kommen diese Pappenheimer nur bedingt mit dem 21. Jahrhundert klar. Man hat eine menschliche, ähm, Assistentin, die sich um die, ähm, Nahrungsbeschaffung kümmert, aber die übernatürlichen Fähigkeiten benutzt man lieber zum Faxen-Machen und Mitbewohner-Ärgern.

Dieser Film bringt es fertig, Vampirklischees mit einem Augenzwinkern auf die Schippe zu nehmen, sich selbst überhaupt nicht ernstzunehmen und zugleich Dinge aus der Vampirmythologie einzubinden, von denen man vor lauter stalkenden Glitzer-Edwards fast vergessen hat, dass es sie gibt. Denn, Mr. Cullen, eigentlich müssen Vampire in Häuser eingeladen werden. Und wenn die WG-Bewohner versuchen, einen Türsteher zu überreden, sie in einen Club zu lassen, hat das einen absurde Komik, bei der man sich daran erinnert, dass Vampire, irgendwann zu Roman Polanskis Zeiten, auch mal lustig waren.

5zimmerbillAn diesem Film hat mir die Skurrilität sehr gefallen. Einmal, weil die Idee einer Vampir-WG, in der verschiedene Klischeevampire zusammenleben, sehr cool ist. Der Dokumentationsstil sorgt für einen so krassen Imagebruch, auch mit dem Bild, den die Figuren von sich selbst haben. Der Vampir an sich ist eben nicht nur der geheimnisvolle Typ mit dem Sex-Appeal, sondern auch der Kerl, der keine Lust auf den Abwasch hat, vor dem Spiegel mit schwebenden Tassen herumblödelt oder seiner freundlichen menschlichen Helferin dann doch nicht die Unsterblichkeit schenkt – 5zimmermalenweil Ärgern und Nifteln so viel Spaß macht. Und auch hier geht es nicht um Romantik und die epische große Liebe, sondern … wie würde Professor Abronsius das wohl Ausdrücken? Um das Sozialverhalten von Vampiren. Und um die Frage, wie zur Hölle so alte Säcke eigentlich die Zeit totschlagen, wenn sie nicht versuchen, ihren Klischees zu entsprechen.

Gerade, weil sich nicht nur Vampirfilme, sondern auch die Vampirfiguren in diesen Filmen (und Serien – die vergesse ich immer) in letzter Zeit furchtbar ernst nehmen (Spike ist echt schon zu lange her), ist What We Do In The Shadows/5 Zimmer, Küche, Sarg herrlich erfrischend. Er ist überhaupt nicht wie Polanskis Tanz der Vampire, aber bei mir hat er nach dem Anschauen ein ähnliches Gefühl hinterlassen. Ein bisschen Grusel mit sehr viel Humor und Selbstironie.

Für Halloween ist es noch ein bisschen früh. Aber wenn die Temperaturen bald vielleicht tatsächlich mal wieder unterhalb der Sommergrenze verschwinden und man es sich abends mit einem Kakao und einem Film gemütlich machen will, kann man ja für den 31. Oktober schon ein bisschen vortasten 🙂 Diese beiden Filme eignen sich auf jeden Fall für einen Vampirfilmeabend, wenn man keine Lust auf die zehnte Runde Dracula, Interview mit einem Vampir oder eben Tanz der Vampire hat.

only-lovers-left-alive-16

Habt ihr die beiden Filme gesehen? Wenn ja, wie haben sie euch gefallen?

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5 Gedanken zu “Moderne Vampire: Only Lovers Left in the Shadows

  1. Only Lovers Left Alive ist möglicherweise mein absoluter Lieblingsfilm. Ich liebe Adam und Eve, den subtilen Humor (zB Dr. Faustus oder das kurze Gespräch über die defekte Toilette), die Musik, die Ästhetik. Außerdem sehe ich vor allem das Ende als Geschichte über das Aussterben von Vampiren, denn reines Blut wird knapp und direkt von Menschen zu trinken wird sie früher oder später vergiften. Schön traurig.

    Den anderen Film kenne ich nicht, aber er klingt sehr unterhaltsam!

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