1. Türchen

13-01

1. Dezember 1947, New York City, Manhattan, Redaktion der NY Paranormal Gazette

„Frannie, das Gesteck hängt gerade. Wirklich.“ Moira Bran tippte den Schlusssatz ihres Artikels über satyrischen Panflötenschmuggel. Da sie zurzeit nur ihre linke Hand gebrauchen konnte, dauerte es, doch als sie aufblickte, kämpfte Frances Goldenblatt noch immer mit dem riesigen Mistelgesteck über der Eingangstür des Redaktionsraums. Fotografen und ihr Sinn für Ästhetik, dachte Moira und kam ächzend auf die Beine. „Brauchst du Hilfe?“

„Pfoten weg!“ Frances‘ ungehaltener Blick streifte Moiras Armbinde (als Dienstälteste beherrschte sie das lautlose Tadeln perfekt), ehe sie sich wieder dem Stern widmete. „Hast du nicht erst vor zwei Stunden über den Humbug geschimpft?“

„Zu Recht.“ Moira hob eine Augenbraue. „Und du auch, soweit ich mich erinnere. Aber wenn es dadurch schneller geht … wir haben doch Wichtigeres zu tun.“

„Sie meinen doch wohl nicht den Termin heute Abend?“ Rose Vesner, die für gewöhnlich nur durch die Redaktion huschte, um mit ihrer Kamera in der Dunkelkammer zu verschwinden, schenkte Moira ein schiefes Grinsen. „Die tanzenden Schneeflöckchen vom Werwolfkinderballett fliegen Ihnen schon nicht weg.“

„Reiben Sie bloß Salz in die Wunde.“ Moira steckte sich eine Zigarette an.

„Ach kommen Sie, Sie müssen ja nicht immer über Mord und Totschlag schreiben. Vor allem nicht nach der letzten Sache. Außerdem sollten Sie noch gar nicht wieder hier sein, Miss Bran, Sie sind immer noch krankgeschrieben.“ Rose fuhr damit fort, die ausladende Weihnachtskrippe auf dem Aktenschrank aufzubauen – echtes, schweizerisches Koboldhandwerk. Die Figuren bewegten sich. „Sagt mal, sollen das so viele Tiere sein? Das ist ja ein ganzer Zoo!“

„Jap. Mindestens elf Schafe, sonst lohnen sich die Hirten nicht.“ Moira rieb sich die Ohren. Vor drei Tagen war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden, mit einer ausgekugelten Schulter, einem fiesen Fiepen im Ohr und einer möglichen Gehirnerschütterung, wie der Menschen-Arzt ihr attestiert hatte. Moira war schnurstracks in die Sub Side marschiert und hatte sich von der Heilerhexe ihres Vertrauens erklären lassen: „Das ist keine Gehirnerschütterung, Miss Bran. Sie haben einen Banshee-Knacks. Stellen Sie sich auf ein paar unruhige Nächte ein.“ Mit den Albträumen und dem Banshee-Tinnitus kam Moira zurecht – mit den überbesorgten Kollegen und einem Chefredakteur, der sie nur noch langweilige Artikel schreiben ließ, allerdings nicht.

„Wie viele Halbhexen braucht man, um eine Para-Redaktion zu schmücken?“, witzelte Frances, während sie ihre Klappleiter auf die andere Seite des Redaktionsraums manövrierte.

„Keine. Selbst für den besten Hexer ist es eine Frage der Ehre, magielos zu dekorieren.“ Rose betrachtete den Miniaturesel in ihrer Hand so misstrauisch, als könne er sie jeden Moment beißen. Was er auch prompt tat. Rose hielt ihm das kleine, hölzerne Maul zu. „Warum helfen die Herren der Schöpfung eigentlich nicht?“

„Weil Schmücken Frauenarbeit ist.“ Moira verdrehte die Augen. „Und außer uns arbeiten keine Frauen für die Gazette. Charlie und Daniel hätten es machen sollen.“ Mit ihrem guten, linken Arm reichte sie Frances die Kerzen für das Tannengeflecht, das über dem Konferenztisch baumelte. Wie leicht – und vor allem schnell! – das alles vonstatten gehen könnte, wenn nur eine von ihnen zu nennenswerter Magie in der Lage wäre! „Wenn es nach den beiden ginge, würden wir die ganze Redaktion mit Schneeflocken, Sternen und Engeln tapezieren, und … Miss Vesner, verfüttern Sie gerade das Christkind an den Ochsen?“

„Das ist eine Futterkrippe, oder nicht?“ Stirnrunzelnd hob Rose den Kopf. „Und ein Baby gehört da definitiv nicht rein.“ Demonstrativ zupfte sie an dem winzigen Holzjesus, der sich natürlich nicht aus seinem strohigen Lager löste, sondern bloß mit den Füßchen wackelte.
Moira und Frances tauschten einen kurzen Blick, ehe sie losprusteten.
„Was denn?“
„Ach, Miss Vesner!“ Frances kletterte von ihrer Leiter. „Die Krippe kommt in die Mitte, und das Baby ist nicht zum Essen da, du meine Güte!“ Kichernd rückte sie die Krippe ins Zentrum des Miniatur-Holzstalls, der die gesamte Ablage des Aktenschranks in Beschlag nahm. „Erklär du’s ihr, Moira, bist du nicht katholisch?“

„Zumindest auf dem Papier.“ Amüsiert stellte Moira fest, dass sich Maria und Josef in Roses Interpretation der Weihnachtsgeschichte mehr für die Schafe interessierten als für das Jesuskind. Die Krippenchoreographie erinnerte an einen bizarren Streichelzoo. Sie blies einen Rauchkringel durch die geschminkten Lippen und musterte ihre Kollegin. „Die Krippe ist ein Bettchen, Miss Vesner, und seien Sie froh, dass Daniel nicht hier ist, der würde Ihnen die Augen auskratzen.“

„Für meinen Mangel an christlicher Vorbildung?“ Rose erwiderte ihren Blick höchst unterkühlt, doch ihre braunen Wangen verloren kaum merklich an Farbe. „Natürlich kenne die Geschichte im Groben.“ Sie hätte kaum offensichtlicher lügen können, doch ihr Tonfall wurde so scharf, dass Moira sich einen entsprechenden Kommentar sparte. „Ich halte es eben eher mit den Lichtern und dem Jahreszeitenwechsel. Ist das ein Verbrechen?“ Vorsichtig strich Rose mit dem Zeigefinger über eine hübsch verzierte Kerze, die Tony Jeffersons Sohn zwei Tage zuvor mit stolzgeschwellter Brust in der Redaktion vorbeigebracht hatte.

„Keineswegs, da sind Sie ja nicht die einzige.“ Moira drückte ihre Zigarette aus und nahm ihr die Jesusfigur aus der Hand. „Dann überlassen Sie mir doch die Krippe und helfen Sie Frances?“

Während Rose summend eine Pappschneeflocke ans Fenster klebte, rückte Moira die Krippenfiguren zurecht. Das unangenehme Fiepen in ihrem Kopf schwoll an. Verdammte Banshees. Weihnachtsschmuck und tanzende Werwolfkinder waren nett, keine Frage. Aber nur für ein paar Stunden. Ihr fehlte die richtige Arbeit. Wurde Zeit, dass sie wieder vollends auf die Beine kam.

(c) Isabel Schwaak

Advertisements

4 Gedanken zu “1. Türchen

  1. Schöne, witzige, vorweihnachtliche Geschichte. Gabs ein Vorbild für die Krippe mit den vielen Schafen und vielen Hirten ? 🙂

    Gruß D.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s