2. Türchen

13-02

In der Stadt schmeckte der Winter nach Kälte. Nach Schnee, nach Frost und Kaminrauch. Eigentlich fror der Mann in dem langen schwarzen Mantel nie – dazu war er körperlich kaum in der Lage, innerlich glühte er – doch an diesem Abend kroch ihm die Kälte unter die Mantelärmel, unter das Hemd, unter die Haut. Unbehaglich verschränkte die Arme.

Die Dunkelheit scheute vor dem warmen Schein der Lichterketten des Weihnachtsmarktes zurück und schlug ihr Lager in den weniger ansehnlichen Gassen auf – dort, wo sie nur von flackerndem, bleichem Laternenlicht und sporadischen Autoscheinwerfern gestört wurde. Abseits der großen Plätze duftete es nicht nach Karamell und Zucker – nein, hier, in den Schatten, roch die Stadt nach Schmutz und Urin, nach Abgasen und Alkohol – Frostschutzmittel und billiger Wein ohne Gewürze. Der Mann ging weiter, die Lichterketten im Rücken. Es zog ihn nicht auf den Weihnachtsmarkt. Zu viel Gedränge. Freilich hätte der den ganzen Markt auch einfach essen können, alle Geschmäcker und Aromen auf einmal, aber ihm fehlte die Lust und der Appetit für das Chaos. Hier in den Schatten klang der Winter nicht nach Schlittenglöckchen, Karussellgedudel oder dem unkaputtbaren Last Christmas. Eher nach der Stille jener einsamen Gestalten, die um den Markt herumschlichen, sich nach den Lichtern sehnten und die vielen Menschen dennoch nicht ertragen konnten. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, in die Stadt zu kommen. Die Stadt war ein trauriger Ort. Vielleicht hätte er im Wald bleiben sollen, wo der Winter leise Schlaflieder für die Bäume sang…

Oh nein, er grübelt schon wieder, wisperte der Wind. Sie klang halb amüsiert, halb besorgt. Das einundzwanzigste Jahrhundert ist echt nicht gut für dich.
„Hallo Anci.“ Der Mann lächelte, doch er zog sich vorsichtshalber den Mantel enger um die Schultern, während der Wind ihm über den dunklen Schopf fuhr. Er blieb stehen. Etwas Kleines, Weißes landete auf seiner Nase, die sogleich unangenehm zu kribbeln begann. Hastig wischte der Mann den Tropfen weg, ehe seine Haut zu dampfen beginnen konnte. Schnee. Auch das noch.

Und der Schnee kicherte. Ich finde dich doch immer, Cinn. Du läufst ja wieder verkleidet durch die Gegend.
„Brr, alter Freund.“ Der Mann streckte die Hand zum Gruß aus. Die weißen Flöckchen leuchteten für einen kurzen Moment auf seiner braunen Haut, ehe sie schmolzen und winzige Brandnarben hinterließen.
Hey, nicht kaputtmachen, brummte der Schnee. Gucken, nicht anfassen!
„Witzbold.“ Unwillig fischte Mann Handschuhe aus seiner Manteltasche. Nicht, dass er sie der Wärme halber gebraucht hätte.

Während die Flocken um ihn herumtanzten, blieb der Mann an einer Hauswand stehen, die dezent zu rußen begann, sobald er sich dagegen lehnte. Er war wieder dort angekommen, wo er losgegangen war – am Rand des Weihnachtsmarktes, genau an der Grenze zu den Schatten, die die Menschen auf dem großen Platz mieden, weil es dort nicht funkelte und nicht nach Waffeln und Kakao roch. Er beobachtete, wie die Leute an der Frau mit der Violine vorbeieilten, deren einsames Lied gegen das Karussellgedudel rebellierte. Auf der anderen Straßenseite scheuchte ein Verkäufer drei Jugendliche von dem Gebläse vor dem Kaufhaus fort – Jugendliche mit zu dünnen Jacken und Schuhen, die sich nicht für Brrs Flockengestöber eigneten. Der Mann in Schwarz seufzte. Gut, dass er nicht frieren konnte – er bestand schließlich nicht umsonst aus Feuer. Dennoch verdüsterte sich seine Stimmung, als die drei sich eng aneinander drängten, während sie davonhuschten. Sie sahen nicht gesund aus.

Och Cinn, was kümmert’s dich? Der Schnee breitete sich wie eine Decke aus Puderzucker auf dem Bürgersteig aus. Du gibst dich zu viel mit Menschen ab. Die gehen dich doch gar nichts an. Früher haben sie dich nicht so beschäftigt.

„Na, sie sind eben überall“, erwiderte der Mann. „Man sieht sie ja ständig, und manche haben Gründe, warum sie sind, wie sie sind, und manche sind auch gar nicht so schlimm, und man müsste ein Herz aus Stein haben, um-“ Eine ältere Dame, die an ihm vorbeistakste, warf ihm einen befremdeten Blick zu und schob einig ihren Enkel weiter – fort von dem komischen Kerl, der auf dem Bordstein stand und Selbstgespräche führte.

Cinn, murmelte der Schnee, lass es einfach. Ehrlich. Diese komischen Wesen sind nicht gesund für dich. Sie gehen uns wirklich nichts an.
„Das sagst ausgerechnet du?“ Der Mann schmunzelte. „Du beschwerst dich doch immer, dass es so warm ist, seit sie-“
Pff! Brr spie ihm eine große Ladung Flocken ins Gesicht und sprach kein Wort mehr.

In den Schatten rückte man enger beieinander, während der Wind kälter und schärfer als zuvor um ihre Köpfe wehte.
„Lass das doch, Anci“, brummte der Mann, doch zur Antwort zerzauste der Ostwind ihm bloß das dunkle Haar. Wettergeist müsste man sein.

„Hey, ‘tschuldigung.“ Eine junge Frau blieb neben ihm stehen – eine der drei Jugendlichen aus dem Kaufhaus. Verwaschenes Karottenhaar lugte unter ihrer Mütze hervor. Ihre Hände waren blau. „Haben Sie mal Feuer?“

Der Mann lächelte. Er hatte kein Feuer, er war Feuer, aber das musste das Mädchen nicht wissen. Er zündete ihre Zigarette an und blickte ihr nach, als sie sich bedankte und zu ihrem Grüppchen zurückschlenderte. Die Jugendlichen scharten sich um eine Blechtonne, in der irgendetwas brannte. Oder zu brennen versuchte. Anci spielte mit den kläglichen Flammen, pustete ihre eisigen Böen, gerade so, dass die Glut nicht erlosch, doch Cinn kannte den Ostwind gut genug – Anci übertrieb es gern. Lautlos tauchte er tiefer in die Schatten, ließ Mantel, Anzug, Knochen und Fleisch fallen – die starre, menschliche Verkleidung – und huschte als Glutfünkchen in die Blechtonne, um es sich dort gemütlich zu machen. Knabberte an den Zeitungen, die langsam verkohlten. Mit dem Geschmack von Druckerschwärze auf der Zunge reckte und streckte er sich. Die Flammen züngelten höher, den kalten Händen des Zigarettenmädchens entgegen.

Spielverderber, maulte Anci und stupste ihn an. Das macht keinen Spaß, wenn ich Angst haben muss, dich auszupusten! Er fühlte ihren Atem an den Seiten, während der Schnee über ihm fluchte.
Auspusten? Versuch’s doch! Cinn biss herzhaft in den Kulturteil der Zeitung.
Nee, mir reicht’s. Wir sehen uns.

Der Schnee blieb, doch plötzlich wurde es windstill in der Gasse. Das Zigarettenmädchen und ihre Freunde rückten näher an die Tonne und schlossen die Augen, als ihre Finger endlich warm wurden.

© Isabel Schwaak

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