3. Türchen

13-03

Der Zuckerduft nahm eine bittere Note an. Besorgt lugte die kleine Frau mit dem Spitzhut in den Ofen, ehe sie sich zu ihrer Freundin umdrehte, die mit ihren knubbeligen Fingern einen weiteren Plätzchenteig durchknetete.

„Greta, die Lebkuchen werden langsam schwarz. Steht das so im Rezept?“
„Schwarz ist gut.“
„Aber dann schmecken sie doch nicht me-“
„Sollen sie ja auch nicht!“

Greta klatschte den Teigballen auf die Arbeitsplatte und rollte ihn großflächig aus. Noch immer glitzerten ihre Kohlenaugen über der Hakennase, aber sie würde nicht weinen. Sie hatte schon die Pfefferkuchen mit ihren Tränen versalzen. „Die letzten waren köstlich, und schau, was mit ihnen passiert ist!“

„Wo hast du die beiden Rabauken eigentlich hingepackt?“, fragte die Frau mit dem Spitzhut, während sie Greta half, den neuen Teig mit Sternen-Förmchen auszustechen.
„Weggejagt.“ Verlegen wischte sich Greta das Mehl von den Wangen. „Hab ihnen angedroht, ich würde sie aufessen, wenn sie nicht sofort verschwinden.“
„Hättest du’s mal gemacht!“
„Gothel!“
„Ist doch wahr!“ Die Frau setzte ihren Spitzhut ab. „Jetzt erzählen sie wahrscheinlich herum, hier würde eine böse Hexe wohnen, die kleine Plagegeister frisst!“

„Böse Hexe, ja?“ Nun begann Greta doch zu weinen. „Oh, diese scheußlichen Kinder! Diese bösen, bösen Kinder! Diese… oh nein!“ Sie streckte die Hände aus, um den Zimtsternteig zu beschützen, doch bald trug er ein feines, weißes Mützchen – leider keins aus Mehl. Unglücklich hob Greta den Kopf. Dicke Schneeflocken wehten hinein. Durch die Küchendecke und das Loch im Dach konnte sie geradewegs in den bewölkten Himmel blicken. Es war lausig kalt in der Küche. „Nein, nein, nein, nein, nein! Es darf noch nicht schneien! Böse Kinder, böse…“ Frenetisch stach sie weiter Plätzchen aus.

„Du könntest sie verklagen.“ Gothel naschte von dem Teig. „Hausfriedensbruch, Vandalismus, Diebstahl, Beschädigung fremden Eigentums, freche Dreistigkeit, unverschämte Verfressenheit … da kommt einiges zusammen. Ich kenne einen guten Anwalt. Wie heißen die kleinen Ratten?“
„Hans und Greta“, murmelte Greta. Betrübt legte sie ihre Zimtsterne auf ein frisches Backblech.
„Auch noch eine Namensvetterin von dir?“ Gothel verdrehte die Augen. „Herrje. Schön, Hans und Greta und weiter?“
„Weiß nicht, ich hab nicht nach den Nachnamen gefragt. – Ich will sie auch gar nicht verklagen“, fügte Greta hinzu, als Gothel entnervt aufseufzte. „Ich will nur, dass mein Dach wieder ganz ist, bevor der große Schnee kommt, und dass es wieder warm in meinem Haus wird! Was sind das bloß für ungezogene kleine Kröten? Anständigen Leuten die Dachziegel wegessen! Ts!“

Gothel wiegte den Kopf hin und her, während sie die Plätzchen mit Glasur bestrich. „Na, du musst schon zugeben, dass du sehr eigenwillige Dachziegel hast.“
„Ich habe die schönsten Dachziegel im ganzen Wald!“
„Na eben.“ Gothel ruckte mit den Schultern. „Und die süßesten. Wie dem auch sei, nur weil etwas schön ist, muss man es nicht gleich anfassen. Oder aufessen.“
„Eben“, schnüffelte Greta.

Gemeinsam holten sie die verkohlten Lebkuchen aus dem Ofen und tauschten sie gegen die rohen Zimtsterne aus.

„Viel zu schade“, murmelte Gothel, während sie hinter Greta aufs Dach kletterte. „Du backst die besten Plätzchen im ganzen Königreich. Eine Schande, dass du sie jetzt verbrennen lasst, nur, damit dir nicht wieder irgendwelche naseweisen Kinder die Haare vom Kopf fressen!“ Vorsichtig schloss sie das Loch im Dach mit den Lebkuchenkohlen – gleich neben dem Abschnitt, den sie bereits notdürftig mit versalzenen Pfefferkuchen gestopft hatten.

„Ich hab die letzten drei Nächte kein Auge zugetan“, sagte Greta traurig. „Immer, wenn der Wind ums Haus pfeift, denke ich, die kleinen Ratten wären zurück, um auch noch meine Fensterläden zu fressen, und die Dachbalken!“ Die schönen Zuckerstangendachbalken und die Fensterläden aus Printen…

„Ich habe ein nettes Giftglasurrezept.“ Gothels Augen glitzerten boshaft. „Sollen die kleinen Kröten ruhig noch mal kommen und knabb-“
„Gothel!“ Nun funkelte Greta sie böse an, ehe sie weiterarbeitete. „Nur, weil die Welpen böse sind, müssen wir uns nicht auf ihr Niveau herablassen!“
„Ich will doch nur helfen“, sagte Gothel. „Lass mich wenigstens Ruprecht zu den kleinen Schmeißfliegen schicken.“
Das ist eine gute Idee!“ Greta rieb die kalten Hände aneinander und schnupperte. „Ich glaube, die Zimtsterne sind fertig.“
„Aber die riechen noch zu gut.“
„Nein, sie riechen genau richtig. Komm, ich fülle dir ein paar ab, und deiner Kleinen auch. Rapunzel mag doch Plätzchen, nicht wahr?“
„Mögen ist untertrieben.“ Gothel kicherte, während sie die Hausfassade herabkletterte. Als sie hinter Greta in die Küche schlenderte, musterte sie von unten die Decke. Nur noch ein kleines Loch wartete darauf, mit Zimtsternen gestopft zu werden. „So gut wie neu.“
„Dank deiner Hilfe.“ Mit einem leisen Lächeln schüttete Greta eine Portion dampfender Zimtsterne auf einen kleinen Teller und schob ihn Gothel entgegen.
Die biss herzhaft in einen verunglückten Keks und reckte den krummen Daumen in die Luft. „Wofür hat man Freunde?“

 

© Isabel Schwaak

Advertisements

2 Gedanken zu “3. Türchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s