4. Türchen

13-04

Maras van Nill knallte die letzte Kiste energischer zu als notwendig gewesen wäre. Sie hasste diesen Winter – inbrünstig. Dabei war er noch gar nicht alt. Kein Laut tönte aus der Ebereschenholzkiste, doch ihre Nackenhaare stellten sich auf. Emonen hasste sie ebenfalls! Mistviecher! Reste ihrer dunklen Magie kinsterten noch auf dem Boden, der stinkende Dunst dieser Biester hing überall, obwohl Maras‘ Einsatztruppe die Herde mittlerweile sicher verpackt hatte. Vorsichtig tastete Maras über ihre Stirn. Blut klebte an ihren Fingern. Verdammt, das hier war nicht ihr Job! Sie war nicht zur Scara gegangen, um Freudenfresser zu fangen! Prompt rappelte es in der Kiste. Maras verpasste dem Holz einen saftigen Tritt, fuhr sich durch das kurze, schweißnasse Haar und schaute sich um.

Ihre Kollegen sahen genauso beschissen aus wie sie sich fühlte. Eine Truppe abgekämpfter Männer und Frauen mit zerfetzten Uniformen. Eneas Thorn, der sich noch im ersten Ausbildungsjahr befand, lag bewusstlos auf dem kalten Turnhallenboden. Adele Hadrian, ebenfalls ein Küken, aber offenbar härter im Nehmen, holte ihn mit einem knappen Zauber zurück ins Reich der Wachen und Elenden. Vor der Halle hörte Maras die verängstigten Stimmen der Menschenkinder, deren Weihnachtsfeier die Emonen gesprengt hatten, und die ruhige Gegenrede ihrer Kollegin Artemis Ravenna, die sich nur bedingt dazu eignete, irgendwen zu beruhigen. Maras biss sich auf die geschwollene Unterlippe. Aufgeregte, menschliche Turnkinder. Ein Festessen für Emonen. Die Vorfreude hatte sich in dem Stinkedunst längst in etwas Dunkleres verwandelt, war gekaut und ausgespien worden. Die Luft schmeckte nach Blut und Tränen. Mit finsterer Miene trat Maras erneut gegen ihre Kiste. Die Schlacht (Maras weigerte sich, dieses Spektakel als bloße Jagd zu bezeichnen!) bedeutete eine Menge Papierkram. Papierkram über ausgebüchste Freudenfresser – auch das war nicht ihr Job. Sie hatten, wussten die Sterne, genug zu tun. Aber es war Dezember (jedes Jahr dasselbe), in der dunklen Jahreszeit gediehen die Emonen prächtig, und die Kopfgeldjäger aus dem Amt für Unwesen waren kolossal unterbesetzt.

„Gute Arbeit!” Odin Grey, ihr Einsatzleiter, klopfte zufrieden auf seinen Kistenstapel. Er sah aus, als hätte er sich soeben in der Vorhölle einen Faustkampf mit dem Teufel geliefert. An seinen Fingerspitzen sirrten noch immer die letzten Reste Offensivmagie. „Die Grünschnäbel-“ Sein Blick streifte Thorn, Hadrian, Chen und Constantine, „-dürfen nach Hause gehen. Wir brauchen euch morgen in aller Frische zum Frühdienst.“ Er wandte sich Maras zu. „Van Nill, schnappen Sie sich ein paar Kisten und fangen Sie mit der Umkonditionierung an.“

„Umkonditionierung?“ Maras‘ Mund wurde schmal. Sie senkte die Stimme. „Sir, das ist Sache der Unwesenleiter. Wir sind keine Geisterjäger!”

„Sie wissen genau, dass die Einheit für Unwesen keine Kapazitäten hat, van Nill. Die Kopfgeldjäger sind mit einer Emonenherde am Leicester Square beschäftigt.“ Odin fixierte sie mit seinen Eisaugen. Hätte er nur noch eines, wäre Maras überzeugt gewesen, sie hätte seinen göttlichen Namensvetter vor sich. So jedoch erwiderte sie nur finster seinen Blick und verschränkte die Arme.

„Ich habe endlich einen Durchsuchungsbefehl für Nero Valefar. Wir warten seit Monaten auf eine Gelegenheit, den Dreckskerl dingfest zu machen – Sie können nicht erwarten, dass ich das schon wieder aufschiebe, um-“

„- um zu verhindern, dass ein Haufen schwarzmagischer Unwesen nicht nur uns, sondern auch die Menschen terrorisiert und uns damit möglicherweise alle in Gefahr bringt?“ Odins Augen verengten sich zu Schlitzen. „Doch, das erwarte ich, van Nill.“

Maras schnaubte. „Emonen sind eklige Viecher, aber nicht gemeingefährlich. Die Menschen denken eben, sie hätten eine plötzliche Depress-“

„Wenn Sie den Satz zu Ende sprechen, feuere ich Sie höchstpersönlich, van Nill“, knurrte Odin. „Ich dulde keine Verharmlosung. Erzählen Sie den Leuten da draußen, dass die Viecher, die ihre Kinder angesprungen haben, nicht gefährlich sind!“ Er nickte der Turnhallentür zu. Maras erhaschte einen Blick auf ein kleines Mädchen, das mit leeren Augen ins Nichts starrte. Artemis Ravenna sagte etwas, woraufhin das Mädchen zu weinen begann. Eilig schob Artemis das Kind der Mutter entgegen. Maras schluckte, straffte jedoch sogleich die Schultern. Das war nichts, was ein kompetenter Heiler nicht binnen Minuten richten könnte – hoffte sie. Sie wollte nicht zu genau darüber nachdenken. Sie wandte sich erneut ihrem Boss zu.

„Sir, wir wissen doch beide, dass sich ein Emonen-Biss nicht mit richtigen Depressionen vergleichen lässt. Meist klingt der Schaden nach einiger Zeit von allein ab-“
„-wenn die Opfer sich nicht zuvor selbst von ihrem Leiden befreit haben!“
„-und wenn es nicht von allein weggeht, hilft eine ordentliche Serotonin-Kur. Oder Johanniskraut. Aber eine Umkonditionierung, Sir? Wir haben keine Zeit für solche Experimente! Vom Geld ganz zu schweigen.“
„Umkonditionierte Emonen sparen uns, den Unwesenleitern und den Heilern jede Menge Arbeit, van Nill.“ Odin kniff die Augen zu und rieb sich das Nasenbein. „Schnappen Sie sich ein paar Emonen und verschwinden Sie. Und nehmen Sie Ravenna mit.“ Er nickte Artemis zu, die mit bleichem Gesicht in die Halle zurückkehrte. „Sie kann Ihnen vielleicht bei der Umkonditionierung behilflich sein. Und hier richtete sie keinen weiteren Schaden an“, fügte er mit einem scheelen Seitenblick auf das weinende Mädchen hinzu.

„Ja, Sir.“ Grimmig erwiderte Maras Artemis‘ Winken. Das würde eine lange Nacht werden.

© Isabel Schwaak

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