5. Türchen

13-05

Spekulucius sog die kalte Luft ein. Er war tatsächlich als einziger Emon der Turnhallenrazzia entwischt! Trimphierend reckte er die Spitznase in die Luft. Er war nicht von Magiern in eine Holzkiste gezwängt und abgeschleppt worden wie ein Pfund Rindfleisch! Der Kaminrauch in der Luft schmeckte nach Freiheit.

Aber er war immer noch hungrig – hungrig auf Freude, auf Glücksgefühle, auf Gelächter und Grinsen und Lächeln! Der Überfall auf die Turnfeier war ein spontaner Einfall gewesen, und seine größeren Geschwister hatten sich, wie immer, höchst ungalant vorgedrängelt. Er hatte kaum ein Kinderlachen abbekommen. Aber was sollte es! Es war Dezember! Der Tisch war reich gedeckt! Kichernd sauste Spekulucius durch die Nachtluft. Fort aus London, fort aus England, Wasser, Land, Rauch, Frost, schmutziger Fluss, weniger schmutziger Bach, Lichter … Futter.

Mit einem leisen Rums landete Spekulucius – nicht mehr als ein Abgaswölkchen auf dem Asphalt, grau und dunstig. Beine, überall Beine. Eilige Beine mit Tüten und Taschen. Er schnupperte. Ah, Vorfreude … Vorfreude war eine vorzügliche Vorspeise! Er heftete sich an ein Paar absatzbewährter Stiefel. Während er seine Beute verfolgte, spionierte er sie aus, die Dame mit dem knielangen Mantel und dem mausbraunen, dünnen Zopf. Violetta Blümel, Bürokauffrau, alleinstehend, aber mit einer liebevollen Familie gesegnet, freut sich auf das Adventsessen bei ihrer Schwester, hat ein Nikloausgeschenkchen für ihre kleine Nichte, freut sich auf leuchtende Augen und auf ein schönes Glas Wein nach dem stressigen Arbeitstag … Wochenende … Adventswochenende …

Spekulucius‘ Hunger wuchs mit jedem Schritt. Violetta Blümel duftete nach allem, was den November und den Dezember zu schmackhaften Monaten für Emonen machte. Als sie ihre Wohnungstür aufschloss und als erste Amtshandlung die Lichterkette vor dem Fenster einschaltete, Räucherstäbchen anzündete und sich einen Zimtstern von dem kleinen Teller im Flur stibitzte, seufzte er wohlig.

Und während sie aus ihrem Mantel schlüpfte und die Stiefel in die Ecke stellte, kletterte er an ihrem Rücken hinauf und vergrub die Nase in ihrem Haar. Ein Bissen Vorfreude, ein Bissen Gemütlichkeit, ein Bissen Entspannung … und als sie das Duschwasser andrehte, versenkte er die Zähne in ihrem Brustbein. Ein Bissen Liebe, ein Bissen Zufriedenheit. Ein Festessen, ein Festessen!

Violetta Blümel verstand nicht, was los war. Die Traurigkeit kam so plötzlich, als hätte sich das Duschwasser in kalten Novemberregen verwandelt und die Fröhlichkeit davongespült. Ein bleiernes Gewicht drückte ihr auf die Brust und machte ihr das Atmen schwer, und als sie aus der Dusche trat und sich mit dem Handtuch die Tränen von den Wangen wischte, fühlten sich ihre Fingerspitzen taub an. Sie machte sich nicht die Mühe, sich anzuziehen. In ihr Handtuch gewickelt tappte sie ins Wohnzimmer. Dunkel, bis auf die Lichterketten, die ihr bei ihrer Heimkehr so gemütlich und einladend erschienen waren. Hastig schaltete sie das Deckenlicht ein. Die Glühbirne verbreitete ihr kühles Licht, doch sie machte nichts besser, gar nichts. Sie enthüllte nur, dass die Wohnung leer war. Violetta war allein. Für gewöhnlich störte sie sich nicht daran, doch heute, an diesem Freitagabend, machte es sie unendlich traurig. Und vor ihr lag ein langes, einsames Wochenende. Natürlich, Sonntag würde sie Ella besuchen, Ella und die Mädchen … aber nach dem Besuch würde die Einsamkeit ihrer Wohnung nur noch viel schwerer wiegen. Violettas Hand zitterte, als sie erneut auf den Lichtschalter drückte. Dunkelheit umfing sie, die nur durch das aufmüpfige, warme Glimmen der Lichterkette gestört wurde. Kurzentschlossen zog sie den Stecker. Nun war es ganz dunkel. Violetta nahm eine Schlaftablette und schlüpfte unter ihre Bettdecke. Es hatte keinen Sinn, sich mit dem Rest des Abends herumzuquälen …

Sobald Violetta Blümel ins Reich der Träume entschwand, rülpste Spekulucius herzhaft. Ja, eine vorzügliche Vorspeise! Vielleicht würde er am Sonntag zurückkehren, nachdem Violetta ihre Schwester besucht hatte …

Hunderte Kilometer entfernt lugten Artemis Ravenna und Maras van Nill vorsichtig in die Holzkisten, die sie in der Turnhalle sichergestellt hatten. Prompt begannen die Emonen, nach ihnen zu schnappen. Maras spürte sofort, wie ihr das Herz schwerer wurde. Drecksviecher! Hastig schlug sie ihre Kiste wieder zu und hob sie den Kopf.

„Ich hätte schwören können, dass es dreizehn waren.“
„Ich auch.“ Artemis fluchte leise. „Na gut, kümmern wir uns erst einmal um diese hier.“
Zur Antwort fauchten die Emonen in ihren Holzkisten so wütend, dass Maras sie mit einem frischen Bann belegen musste.
„Das wird ein Spaß“, murmelte Artemis.

 

© Isabel Schwaak

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