6. Türchen

13-06

„Ich weiß nicht!“  Unentschlossen ließ Ruprecht seine Hörner wachsen und wieder schrumpfen. „Was sagst du? Knecht oder Krampus? Schwarzmantel oder Monsterfratze?“
„Das fragst du mich?“ Sein kleiner Kumpan rümpfte die Nase – der falsche Bart kitzelte und die komische Mütze war ihm zu groß. Sie rutschte ihm ständig in die Augen.

„Na, du spielst doch den Chef.“ Ruprecht gähnte. Die offizielle Runde mit Klaus hatte er schon hinter sich, aber für Greta machte er gerne Überstunden. Sie hatte ihm als Dankeschön einen riesigen Pfefferkuchen geschenkt, und aus irgendeinem Grund hatte Klaus diese zwei besonders ungezogenen Kinder am Vorabend nicht besucht. Skeptisch spähte Ruprecht in den stillen Waldtümpel. Sein Spiegelbild – die gehörnte Krampus-Fratze mit den spitzen Zähnen – starrte stirnrunzelnd zurück. „Ich weiß nicht … Die Kleinen sind keine zehn Jahre alt…“

„Wenn sie Gretas Lebkuchenziegel essen konnten, werden die Kröten auch mit deinem Anblick fertig.“ Das Männlein mit dem falschen Rauschebart verdrehte ungeduldig die Augen. „Mir egal, wie genau du den beiden Angst einjagst. Hauptsache du trägst den blöden Sack.“

„Deine Laune ist wieder blendend, Genosse. Wir gehen Kinder besuchen! Du sollst den Nikolaus spielen!“
„Der echte Nikolaus verprügelt mich mit deiner Rute, wenn er davon Wind bekommt. Außerdem hasse ich Kinder!“
„Ach!“ Mit einem schiefen Grinsen verschränkte Ruprecht die Arme. Die Hörner verschwanden, nun ragte er als hünenhafter Mann mit kohlenbeschmutzen Wangen und dichtem schwarzen Bart neben dem kleinen Kerl. „Das Kind von der Müllerstochter wolltest du unbedingt!“
„Prinzessin, Ruprecht. Sie war Prinzessin-“
„-klar, später war sie dann Prinzessin.“
„-und ein Königskind hätte ich gerne gehabt, hab gehört, die werden stubenrein geliefert. Außerdem war das sowieso etwas ganz anderes.“ Das Männlein reckte die Nase in die Luft (und sei es nur, um sie außer Reichweite des garstigen Barts zu schaffen). „Diese blöden Bälger sind kleine Teufel, sonst hätten Gothel und Greta uns nie um den Gefallen gebeten.“
„Reg dich nicht auf, du musst ja nicht die Drecksarbeit machen. Du bist ja ein richtiges Grumpelstilz-“
„Hörst du wohl auf!“

Das Männlein hüpfte vor Schreck, stampfte mit dem Fuß auf und funkelte Ruprecht mit puterroten Wangen an. Schlimm genug, dass besagte Müllerstochterprinzessin und die beiden Hexen seinen richtigen Namen kannten! Nicht auszudenken, wenn auch noch diese beiden Horrorkinder Wind davon bekamen! „Heute Abend heiße ich Klaus, klar?“

„Nikolaus“, verbesserte Ruprecht geduldig. Der echte Klaus verbat sich solche plumpen Vertraulichkeiten (zumindest von allen, die nicht jedes Jahr mit ihm von Tür zu Tür tingelten). Seufzend schulterte Ruprecht den Sack, der Rumpel um eine Handbreite überragte (und bis zum Rand mit verkohlten Lebkuchen aus Hexe Gretas Ofen gefüllt war). „Bringen wir’s hinter uns. Wie heißen die beiden noch gleich, du Namensexperte?“

„Hans und Greta Schneidewind.“ Während sie Seite an Seite aus dem Wald stapften, ließ Rumpel mit einem humorlosen Grinsen seine Finger knacken. „Im Dorf nennt man sie wohl auch Hänsel und Gretel. Und bei unserem lieben Greta-Hexlein heißen sie jetzt Pest und Cholera. Darf ich deine Rute haben?“
„Kommt nicht in die Tüte.“ Ruprecht blieb vor dem äußersten Häuschen stehen. „Klopf lieber und lass dir Gedichte erzählen.“
„Glaubst du, die können so etwas?“ Ruppig kratze Rumpel sich das Kinn. Langsam aber sicher bekam er Ausschlag von dem Bart. Unter Ruprechts mahnendem Blick straffte er die Schultern (und reichte seinem Kumpanen trotzdem nur bis zum Bauchnabel), ehe er feierlich an die Holztür klopfte.

Kurz darauf öffnete ein kleines Mädchen, kaum größer als Rumpel, das feine blonde Haar säuberlich zu zwei Zöpfen geflochten, die ebenmäßigen Zähne zu einem verstörenden Strahlelächeln gebleckt. „Ja bitte?

– – –

„Ich hasse Kinder!“ Rumpel riss sich den falschen Bart ab und fluchte gleich darauf umso wilder. „Ich hasse sie, hasse sie, hasse sie!“
„Ich auch“, jaulte Ruprecht, zwischen dessen Krampushörnern eine Beule prangte, die ihn wie ein Dreihorn aussehen ließ. „Zumindest die beiden! Böse, garstige Kinder!“
„Und die Eltern! Unerzogen!“
„Ich glaube, die mochten es, dass du sie mit der Rute gehauen hast!“ Ruprecht schüttelte fassungslos den Kopf.

„Jetzt weißt du, warum wir diese Familie nicht mehr besuchen“, meldete sich eine Stimme am Waldrand.

Rumpel erstarrte, als eine bärtige, große Gestalt im roten Mantel aus den Schatten trat. Verlegen streckte er Nikolaus die entliehene Kopfbedeckung entgegen. „Danke für die Mütze“, murmelte er kleinlaut.

„Mitra. Es heißt Mitra.“ Klaus mochte keine Doppelgänger – überhaupt nicht, er bekam schon jährlich Wutanfälle wegen des dicken Amerikaners, doch heute nickte er Rumpel gutmütig zu und setzte sich die Bischofsmütze auf. „Ihr beiden seid ja wirklich mutig.“ Er wandte sich an Ruprecht. „Hast du wirklich vergessen, was das letzte mal passiert ist, als wir bei den Schneidewinds waren?“
„Eher verdrängt.“ Grimmig drückte Ruprecht auf seine Hörner, die sich sogleich in seine Kopfhaut zurückzogen. Nur die Beule blieb.

Nikolaus seufzte leise und klopfte den beiden Helden auf den Rücken. „Kommt mit. Greta hat Kakao gekocht und … wo ist eigentlich mein Sack?“

Rumpel und Ruprecht tauschten einen raschen Blick. Den Sack! Den hatten sie bei ihrer überstürzten Flucht aus dem Hause Schneidewind ganz vergessen! Doch in diesem Moment tönte ein erzürnter Schrei aus besagtem Haus, dicht gefolgt von einem fiepsigen „Mama, mein Zahn!“

„Ich glaube, das war Hänsel“, mutmaßte Ruprecht.
„Nein, ich glaub, das waren Gretas Kohlen-Lebkuchen.“ Zufrieden hüpfte Rumpel voraus. „Lustig, lustig, tralalala! Ha!“
Ruprecht rieb sich das Nasenbein. „Ich brauch Urlaub.“
Nikolaus strengte ihm einen strengen Blick. „Nix da. Du musst den Sack wiederbeschaffen. Und dafür sorgen, dass er nicht mehr nach Verbrenntem stinkt.“ Damit hüpfte er Rumpel hinterher.
Ruprecht blieb kopfschüttelnd zurück. „Mach eine Ausbildung beim Nikolaus, haben sie gesagt. Das wird lustig, haben sie gesagt. Tss!“

© Isabel Schwaak

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