7. Türchen

13-07

Dezember 1947, New York, Manhattan, Sub Side

Moira Bran zurrte ihre Armbinde zurecht und versuchte, nicht durch den Mund einzuatmen. Das Wartezimmer von Heilerin Donaghue war brechend voll: Ein Satyr mit gebrochenem Unterschenkel, eine Walküre mit Triefnase, ein volltrunkener Feenmann auf der Fensterbank, kleepockige Leprechauns, eine Sirene mit Husten. Und natürlich ein Haufen Bazillenschleudern im Kindergartenalter. „Grandma, du hättest wirklich nicht mitkommen müssen. Mrs. Donaghue schaut nur nach dem Verband, und dann-“

„Du lässt dir nur wieder Therox aufschwatzen“, fiel ihr Catriona Bran ins Wort. Die klapperdürre Hexe mit den feinen kastanienbraunen Locken und dem durchdringenden Blick gab Moira eine gute Vorstellung davon, wie sie selbst mit achtundneunzig aussehen würde.

„Ich hab mir noch nie Therox aufschwatzen lassen, Grandma. – Oh, Himmel…“ Nicht einmal in der Sub Side, wo sich ausschließlich Paras herumtrieben, hatte man Ruhe vor dem Glöckchengebimmel aus dem Radio. Moiras Tinnitus reagierte prompt. „Du beschwerst dich immer, dass du im Dezember zu wenig Zeit hast. Jenny und ich hätten das auch ohne dich hinbekommen. Nicht wahr, Jenny?“

Sie winkte ihrer kleinen Nichte zu, die sich in der Spielecke mit einem Trolljungen um einen magisch wachsenden Bauklotz stritt. Jenny winkte halbherzig zurück, ehe sie dem Troll einen Klotz aus der Hand rupfte, was ihr erstaunlich schnell gelang – die Hand des Trolls war so groß wie Jennys Kopf. Die Trollmutter stierte erwartungsvoll zu Moira und Catriona herüber, doch als sich keine der beiden rührte, stapfte sie empört zu den Kindern, um für ihren heulenden Sohn in die Bresche zu springen. So hatte der Tante-Nichte-Ausflug eigentlich nicht aussehen sollen. Oh du Fröhliche, dachte Moira.

„Trotzdem.“ Catriona musterte sie von der Seite. „Der Banshee-Tinnitus sollte längst weg sein, Moira-“
„Er ist doch praktisch weg.“
„Und warum reibst du dir dann das Ohr?“ Catriona schüttelte den Kopf. „Unvernünftig und dickköpfig, so warst du schon immer! Ich hatte bloß gehofft, dein Yankee-Boss wäre klug genug, dich noch nicht wieder zu Terminen zu schicken. Weihnachtlicher Vampirkongress! So ein Blödsinn!“

Moira schnalzte mit der Zunge und ignorierte den entrüsteten Blick ihres vampirischen Sitznachbarn. „Ich bin froh, wieder richtig zu arbeiten. Wenn ich noch eine Woche länger Sekretärin in der Gazette hätte spielen müssen, wäre ich endgültig zu Ebeneezer Scrooge mutiert.“
„Bist du doch schon längst.“
„Ich hab dich auch lieb.“ Moira blinzelte irritiert. Sie Sprechstundenhexe, die die hustende Sirene aufrief, trug ein Rentiergeweih in ihrem Wallehaar – ein echtes, wenn Moira nicht irrte.

„-jedenfalls viel zu gefährlich, wenn man nicht gesund ist. Du gehst doch wohl nicht allein dort hin?“
„Nein, eine Fotografin kommt mit.“
„Fotos? Auf einer Vampirweihnachtsfeier? Die Langzähne haben doch nicht mal ein Spiegelbild!“
„Die lebenden schon. Und Miss Vesner hat eine Kamera, mit der sie auch die Untoten fotografieren kann. Frag mich nicht, wie sie das macht…“
Catriona runzelte die Stirn. „Vesner. Wer ist das noch gleich? Die Jüdin?“
Moira verdrehte die Augen. „Nein, das ist Frances. Rose Vesner ist … ach, vergiss es, du kennst doch eigentlich nur Francis und Charlie, Grandma.“
„Ich würde euch alle kennen, die ganze Redaktion, wenn ihr es an die Brax geschafft hättet. Wenn ich euch unterrichtet hätte-“

„Hast du aber nicht, Grandma. Seit dreißig Jahren hat sich nichts daran geändert, dass du Halbblutenkel hast, deren Halbbluthände nur halb so viel Magie wirken können wie dein Vollbluthexenringfinger. Finde dich endlich damit ab, dass weder ich, noch mein Bruderherz, noch meine Kollegen es an die Schule geschafft haben.“

Mit schmalem Mund blickte Moira aus dem Fenster. Es war bloß ein Kellerfenster, doch sie sah sie Schneeflocken über den vereisten Bürgersteig tanzen. Im Radio begann ein neues Lied. Schon wieder Judy Garland. Seit diesem Film mit der grünen Hexe feierte der Feen-Rundfunk die Frau wie eine Heldin (New Yorks Hexen hassten sie allerdings). Prompt begann der betrunkene Feenmann, mitzusingen. Er wurde nur von der Trollmutter übertönt, die in der Spielecke Jenny zum vierten Mal aufforderte, dem Trolljungen den Bauklotz zurückzugeben.

Ungeduldig schaute Catriona auf ihre Armbanduhr. „Wir sitzen hier doch bestimmt schon eine Stunde. Ich muss um fünf wieder an der Schule sein!“
„Geh doch ruhig schon.“ Moira rieb sich den Arm.
Catriona presste die Lippen aufeinander. Schließlich erhob sie sich unwillig und strich ihren Rock glatt. „Nimm einen Pflock mit zu dem Termin.“
Nun funkelte der Vampir neben Moira Catriona offen an. „Hören Sie mal, Gnädigste!“
Moiras Mundwinkel zuckten. „Das ist eine Weihnachtsfeier, Grandma.“
„Als ob die Langzähne Christi Geburt feiern würden!“
„Ma’am, ich muss doch sehr bitten!“ Der Vampir verschränkte böse die Arme.
„In der Unterwelt feiert kaum jemand Christi Geburt“, erwiderte Moira.
„Ich schon!“, sagte der Vampir.
Catriona ignorierte ihn. „Aber Vampire nehmen es als Anlass für ungenierte Blutexzesse! Eine Schande!“ Sie rümpfte die Nase. „Eure Zeitung sollte diesen Wahnsinn nicht noch durch eine Berichterstattung unterstützen.“
Dem Vampir verschlug es die Sprache.
„Ich dachte, du musst los, Grandma?“ Moira bleckte die Zähne.
„Ja, muss ich.“ Catriona drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Pass mir auf Jenny auf, pass auf dich auf und schick mir einen Glühwichtel rüber, wenn du wieder zu Hause bist!“ Auf dem Weg nach draußen prallte sie mit der Sprechstundenhexe zusammen und stieß sich den Kopf an dem Rentiergeweih.

Moira atmete tief durch. Ihr Sitznachbar strafte sie mit einem finsteren Blick.
„Was bildet die Frau sich eigentlich ein! Hexengesocks!“
„Sie ist eben alt, Sir.“
Das ist nun wirklich keine Entschuldigung“, erwiderte der Vampir mit steifer Miene. „Ich bin zweihundertdreizehn!“
In diesem Moment rief die Sprechstundenhexe Moiras Namen aus.
„Unterstehen Sie sich, einen Pflock mitzubringen, Miss“, sagte der Vampir, während Moira auf die Füße kam. „Unsereins muss im Moment wirklich genug ertragen!“
„Ich weiß. Trotzdem frohe Weihnachten.“ Eilig sammelte Moira ihre Nichte aus der Spielecke ein und folgte dem Rentiergeweih ins Sprechzimmer.

 

© Isabel Schwaak

Advertisements

2 Gedanken zu “7. Türchen

  1. Schön und beruhigend, dass es in den „Zwisschenwelten?‘ auch Wartezeiten in Arztwartezimmern gibt. Was sind Paras? Kenne den Begriff vermutlich nur in einem anderen Zusammenhang, der allerdings mit Nordirland zu tun hat

    Ansonsten, wie geagt, gefallen mir die Geschichten aus New York, 1947

    • Das freut mich doch sehr 🙂
      Ah, da schau, die nordirischen Paras kannte ich gar nicht. Die Erklärung für diese Paras hier kommt im Türchen von morgen, aber es hat etwas damit zu tun, warum sich dieses Wartezimmer nicht in einer „Zwischenwelt“ befindet. Kleiner Tipp: Wie heißt die Zeitung, für die Moira schreibt? 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s