8. Türchen

13-08

Dezember 1947, Manhattan, nördlich der Sub Side

Die rabenhaarige Frau, die sich als „Tanya van Catine, freut mich“ vorgestellt hatte, drehte sich langsam um die eigene Achse, um den großen Saal zu betrachten. Die Adventsgestecke auf den Tischen und die Tannen- und Mistelzweige über den Türen deuteten zwar auf den weihnachtlichen Anlass dieser Veranstaltung hin, doch sie verblassten neben den schwarzen und roten Samttücher an den Wänden und die zahllosen schwarzen Kerzenleuchtern. In der kleinen Fichte neben dem Eingang hingen Miniatur-Gebisse. „Wie viele Leute erwarten Sie noch gleich?“

„Etwa zweihundert, Ma‘am“, antwortete Mr. Harrison und präsentierte seine spitzen Eckzähne in einem höflichen Lächeln. Seine Augen allerdings flirrten ein weiteres Mal über die Neuankömmlinge, von denen er sicher war, dass sie allesamt in Wirklichkeit anders hießen. „Sie, ähm… Sie sind nur zu dritt?“

„Nein, zu acht, aber wir wollten Sie nicht gleich mit dem ganzen Team überfallen, Sir.“ Der Mann, der sich als „Nicholas Berenson, freut mich“ vorgestellt hatte (und der von der Dame namens Tanya kurz zuvor mit „Neffe“ angesprochen worden war), untersuchte die Eingangstür. Er hob den Kopf und strich sich das kurze, dunkle Haar aus den Augen. „Keine Sorge, Mr. Harrison, wir sind schon eine ganze Weile in der Vampir-Security tätig.“

„Man könnte behaupten, wir waren von Anfang an dabei“, ergänzte der kleine blonde Mann, der sich als „Alexander Lagion“ vorgestellt hatte (und sich offensichtlich nicht freute). Er klang nur mäßig begeistert. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sollen wir in erster Linie Menschen draußen halten, nicht wahr?“

„Ah, aber das sollte doch kein Problem mehr darstellen, hoffe ich“, meldete sich die Vampirin zu Wort, die mit den drei Herrschaften vom Sicherheitsdienst angekommen war. Sie war eine sehr schöne Frau mit langem dunklen Haar und aristokratischen Zügen, doch der Blick, mit dem sie Mr. Harrison taxierte, war eisig. „Sie haben Ihr Menschenproblem doch mittlerweile im Griff?“
„So einfach ist das nicht, Madame-“
„Nein, Harrison, so schwer ist das nicht! In Europa bekommen wir es doch auch hin, so mit den Menschen umzugehen, damit sie uns nicht ständig ermorden wollen! Da sehen Sie, was sie mit dem Holzhammer erreichen! Ich weigere mich, wegen Ihrer Dummheit noch einmal zu sterben!“

Für einen Moment versuchte Mr. Harrison, ihren Akzent zuzuordnen – möglicherweise irgendetwas Osteuropäisches – , doch im Grunde war es ihm gleich, woher sie kam. Er ärgerte sich hauptsächlich über ihren gebieterischen Ton. „Madame Báthory, bei allem gebührenden Respekt, wir haben zugestimmt, dass Sie Sicherheitskräfte aus Europa mitbringen“, knurrte er. „Und auf Ihren Wunsch auf unser eigenes, bestens ausgebildetes Personal verzichtet. Lassen Sie es gut sein!“

Madame Báthory reckte das Kinn. „Es sind doch wohl berechtigte-“

„Erzsébet.“ Mit einem winzigen Lächeln legte Tanya der Dame die Hand auf den Arm. „Reg dich nicht auf, sonst bekommst du wieder Nasenbluten.“ Unter Madame Báthorys Schnauben wandte sie sich an Mr. Harrison. „Werden denn ausschließlich Vampire den Weihnachtskongress besuchen?“

Mr. Harrison nickte. „Ja. Aus aller Herren Länder sogar. Dafür stehen wir schließlich mit unserem Namen.“ Er nickte dem überdimensionalen Banner zu, das in blutroten Tropflettern für Nosfera-Tours warb („sicher reisen mit Biss, weltweit!!“). „Oh, und die Presse natürlich.“ Er zog einen Zettel aus der Manteltasche und überreichte ihn Tanya. „Überwiegend vampirische Presse, versteht sich, aber aus irgendeinem Grund interessiert sich auch der Feen-Rundfunk für uns, ein Herr Kobold von der Sub Side Mail kommt, zwei Damen von der Paranormal Gazette-“

„‘Paranormal‘?“ Die beiden Männer und Báthory rissen empört die Augen auf, Tanya dagegen hob besorgt die Brauen. „Hat Ihre magische Gemeinschaft hierzulande so ein schlechtes Selbstbild? Da könnten Sie sich ja gleich als ‚absonderliche Viecher‘ bezeichnen.“
Mr. Harrison seufzte. „Wir bevorzugen freilich den Begriff ‚Parallel‘ – das trifft unsere Lebenssituation schließlich weitaus besser. Aber die Menschen begegnen uns weniger aggressiv wenn wir den Namen benutzen, den sie uns aufgedrückt haben, und die Gazette weiß, bei wem sie sich anbiedern muss, um weiter drucken zu dürfen.“
„Immerhin haben sie sich nicht Parasiten-Presse genannt“, murmelte Nicholas.
„Hängen Sie sich doch nicht so an einem Wort auf.“ Mr. Harrison bemühte sich krampfhaft um ein höfliches Lächeln, doch langsam gingen ihm diese Europäer gehörig auf den Keks. Die Herrschaften, die Erzsébet Báthory da angeschleppt hatte, waren nicht einmal Vampire, das hatte er gleich gerochen, auch wenn sie scheinbar ähnliche Gewohnheiten hatten, was Blut anbelangte. Hielten sich wohl für etwas Besseres, bloß, weil sie schon gelebt hatten, als Vampire nicht einmal ein Flüstern auf der Erde gewesen waren …

„Blut bekommen Sie von Ihrer Rotkreuz-Außendienststelle, sagten Sie.“ Alexander Lagion richtete seine Aufmerksamkeit auf den riesigen Adventskranz, der über der Dinnertafel schwebte. „Und das da stört niemanden?“

Mr. Harrison grinste triumphierend. „Sie sind wohl doch noch nicht so lange im Geschäft, nicht wahr? Die Sache mit den religiösen Symbolen ist ein Märchen. Einige Mitglieder unserer Gemeinschaft sind sogar religiös, sie wollten den Kranz gerne haben. Sind unsere Brüder und Schwestern in Europa etwa so empfindlich?“
Nicholas schmunzelte. „Ich glaube, meinem Kollegen geht es eher um tropfendes, heißes Kerzenwachs. Das könnte wehtun.“
„Vielleicht mögen unsere amerikanischen Freunde ja Schmerzen.“ Madame Báthory lachte leise; Mr. Harrisons Lächeln gefror augenblicklich.
Ehe er zu einer bissigen Antwort ansetzen konnte, klatschte Tanya in die Hände. „Wären Sie so gut, uns die angrenzenden Räume zu zeigen, Sir? Wir wollen über jedes Fenster in diesem Haus bescheid wissen.“
„Selbstverständlich. Kommen Sie.“ Mit einem bösen Seitenblick auf Madame Báthory setzte sich Mr. Harrison in Bewegung. Báthory folgte ihm auf dem Fuße, die drei Sicherheitskräfte ließen sich ein wenig mehr Zeit.

„Dieser Job wird die Hölle“, murmelte der Mann, der sich dieser Tage Alexander nannte. „Müssen wir uns das auf unsere alten Tage eigentlich noch antun? Vampire-Hüten ist sowieso immer, als müsste man sehr große Kinder babysitten, aber das hier …“
„Das wird eine sehr lange Weihnachtsfeier“, stimmte ihm der Mann zu, der sich dieser Tage Nicholas nannte.
„Und sie wird noch länger, wenn ihr die ganze Zeit herumheult.“ Die Frau, die sich dieser Tage Tanya nannte, legte ihnen beiden die Arme um die Schultern. „Reißt euch zusammen, Jungs, ihr seid fünftausend Jahre alt, nicht fünfzig. Wir haben weitaus Schlimmeres überstanden.“
Der Mann, der sich dieser Tage Alexander nannte, schenkte ihr ein müdes Lächeln. „Ich werde dich dran erinnern, wenn ich dich davon abhalte, Erzsébet zu erwürgen.“

© Isabel Schwaak

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