9. Türchen

13-09

Der Mann in Grau kniff die Augen zu. Seine Hände verkrampften über dem Brückengeländer. Ihm war übel, Schweiß rann ihm über das teigige Gesicht. Widerlich – widerlich, dieses Rinnsal in seinem Nacken! Es war zu warm. Abseits der Pfütze, die unter seinen Füßen gefror, war es viel zu warm!

Missgelaunt spähte der Mann in Grau den Berg hinauf. Das goldene Krönchen der Kirchturmspitze ertrank im Wolkenmeer. Immerhin, Wolken waren ein Anfang. Jetzt durfte es nur nicht wieder regnen. Zwar waren die Bewohner dieser Stadt nasse Winter gewohnt, Regen und zähe Nebel gehörten ebenso zum Stadtbild wie die Hügel und die hässliche Schnellstraße, doch der Mann in Grau hatte einen verdammten Job zu erledigen. Er kniff die Augen zu, doch der Schweiß rann ihm munter das Steißbein hinab. Ekelhaft! Das hier war alles falsch. Für Dezember war es falsch. Viel zu warm, verdammt. Das Flüsschen war zu voll und plätscherte zu lebhaft. Bei den Temperaturen wirkte der kleine Weihnachtsmarkt furchtbar fehl am Platz. Entschlossen stierte der Mann in Grau in die Wolken über dem Kirchenkrönchen, gab ihnen stumme Kommandos, und tatsächlich öffneten sie sich ein wenig. Doch was herausfiel, war eindeutig zu nass. Tropfen statt Flocken platschten auf den bronzenen Bergmann, der die Brücke zierte. Falsch! Alles falsch! Verdrossen pfiff der Mann durch die geschürzten Lippen, um wenigstens seine eigene Temperatur zu senken. Der Hauch ließ ihn frösteln, wunderbar frösteln – wie er es vermisste, dass das Wasser in seinen Adern gefror! Mochte der Frost auf den Nieselregen überspringen …

Vor ihm quiekte jemand, und als der Mann die Augen öffnete, sah er gerade noch, sie sich eine Frau fluchend vom Asphalt aufrappelte und von der kleinen Brücke in die Fußgängerzone floh, wo die Straße nicht urplötzlich gefroren war. Der Mann in Grau grinste. Vielleicht ein wenig zu viel des Guten, doch immerhin! Es lebe der Frost! Triumphierend reckte er die Faust in die Luft, doch davon bekam er gleich Muskelkater. Das hier war viel zu anstrengend! Es solle nicht so anstrengend sein, nicht mitten im Dezember, nicht in diesen Breiten. Aber es war nicht seine Schuld! Es wurde einfach immer wärmer, wie sollte man da seine Arbeit erledigen? Die Menschen waren Schuld. Die Menschen waren an allem Schuld und…

Hörst du wohl auf, dich im Selbstmitleid zu suhlen?, gluckste eine Stimme ganz in der Nähe. Misstrauisch blickte sich der Mann in Grau um. Er kannte die Stimme, erwartete schon fast, einen schwarzgekleideten Mann auf der anderen Seite der Brücke zu entdecken, mit brauner Haut, dunklem Zopf und Kohleaugen. Stattdessen fiel sein Blick auf eine Fackel vor einem Café, die heldenhaft dem Nieselregen trotzte. Die Flammen winkten ihm – so amüsiert, wie Flammen eben winken konnten. Nicht auszuhalten, dein Gewinsel, Brr!
Der Mann in Grau presste die Lippen aufeinander. „Was machst du denn hier?“
Dir beim, äh, Sieg über den Herbst zuschauen. Dafür bist du doch hier, oder?, antwortete die Fackel hämisch, nur um gleich darauf zusammenzuzucken. He! Aua! Mach das aus! Aua!
Doch der Mann in Grau vergaß für einen Augenblick seinen Griesgram und beobachtete, wie die Fackel versuchte, dem Regen auszuweichen, der sich nun gleich über ihr bündelte. „Dein Großmaul bringt dich irgendwann um, Cinn“, kommentierte er trocken. „Jetzt verpiss dich, ich muss arbeiten.“

Wieso denn ausgerechnet hier? Warum bist du nicht nach Bayern gegangen? Oder Berlin? Ich meine, wer kommt freiwillig hierher? Die Fackel hüpfte vergnügt. Was ist schlimmer als Verlieren, oder was?
Der Mann in Grau verzog das Gesicht. „Der Witz war noch nie lustig.“
Das kommt ganz auf die Perspektive an. So schnell, dass der Mann in Grau es beinahe verpasst hätte, wich die Lebendigkeit aus der Fackel, die nun doch unter dem Regen erlosch, und flüchtete auf ein Teelicht unter der roten Markise des Cafés. Lass dich von mir nicht stören, Frostbeule.
„Ich kann nicht, wenn du guckst! Verschwinde, Glühwürmchen!“
Das Teelicht prustete. Ach, mein lieber Brr, du konntest schon nicht, bevor du wusstest, dass ich gucke. Vielleicht liegt es doch an der Stadt? Versuch’s doch mal in Winterberg. Winter-Berg, ha…

Der Mann in Grau verdrehte die Augen und heftete den Blick wieder auf das Wolkenmeer. Komm schon, dachte er. Du musst nur den Aggregatzustand verändern, das hast du früher nebenher beim Putzen gemacht … Sein Gesicht verkrampfte Anstrengung, doch an seinen Fingerspitzen ballte sich reine, klare Kälte. Endlich, endlich … Anstrengend, schmerzhaft, aber endlich, Kälte!

Wow! Zwei Schneeflöckchen. Bravo, Brr.

Entnervt funkelte Brr das Teelicht an, das sich einen Spaß daraus machte, die paar Schneeflocken, die der Wind unter die Markise wehte, mit seiner Flamme zu schmelzen. Die Frauen am Nebentisch machten endlich Gebrauch von den Vliesdecken, die bis dahin unbeachtet über den Rückenlehnen ihrer Stühle gehangen hatten. Die Ablenkung verscheuchte die Eiseskälte aus Brrs Handflächen. Schneeflocken wurden wieder zu Regen, und die Leute, die gerade noch erstaunt in den Himmel geblickt hatten, zuckten mit den Schultern.

„Schon mal überlegt, dass du vielleicht zu ungeduldig bist?“ An dem Tisch, auf dem gerade noch das Teelicht geflackert hatte, saß nun der schwarzgekleidete Mann und schlürfte an einer dampfenden Tasse. „Du hast doch Zeit. Dann kommst du eben im Januar oder Februar wieder her.“
„Du hast gut reden.“ Resigniert schlurfte Brr über die Brücke, zum Café hinüber, und ließ sich an Cinns Tisch nieder. Sogleich pustete er sich in die Handflächen, um sich abzukühlen. Cinn dünstete schon wieder Sahara-Hitze aus. Widerlich. „Du bist kein Wettergeist, du trägst keine Verantwortung…“
„Aber sogar ich weiß, dass du keinen strengen Terminplan einhalten musst“, erwiderte Cinn. „Dann kommst du halt im April. Hast du dieses Jahr doch auch so gemacht.“
„Aber im April macht es keinen Spaß mehr.“ Deprimiert zog Brr die Füße auf die Stuhlkante und umarmte seine Knie. „Es macht sowieso keinen Spaß mehr.“
„Ich würde dich ja knuddeln, wenn’s dir helfen-“
„Untersteh dich!“ Brr stierte den Mann in Schwarz so böse an, dass Cinn fröstelte.
„Ist ja gut. Willst du ein Eis?“
Brr musterte seinen Gegenüber skeptisch, doch Cinn lächelte gutmütig.
„Ja. Lebkuchengeschmack. Du bezahlst.“

 

Für all diejenigen, die wissen, wo Brr und Cinn sich gerade herumtreiben 😉

© Isabel Schwaak

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