10. Türchen

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„Rein, verdammt, geh da… rein … du … trolliges … Etwas!“

Maras van Nill hatte die Fähigkeit zur klaren Artikulation etwa vor einer Viertelstunde verloren – etwa zu dem Zeitpunkt, an dem die Emonen zum dritten Mal aus ihrer Holzkiste entwischt waren. Sie knallte ihren Holztalismann auf das Schloss. Während ihr Versiegelungszauber in das Eisen sickerte, schrumpelte das Holz in ihrer Handfläche, und sie selbst fühlte sich, als strömte die Kraft aus ihren Muskeln. Fröhliche Weihnacht überall, brummte sie im Geiste. Warum wurden diese Mistviecher ausgerechnet im Dezember so wild?

„Das reicht!“ Maras ließ sich auf die Kiste fallen. Unter ihr rappelte es. Sollte Maras recht sein; so sah Artemis wenigstens nicht, dass sie am ganzen Leib zitterte. Ihre Kollegin war heute Abend schon zu oft Zeugin davon geworden, wie sehr die Freudefresser ihr zusetzen. „Schnauze da unten!“ Mit eisigen Fingern umklammerte sie den nun nutzlosen Talisman. Leer. Keine Magie, kein Leben mehr in dem Holz, alle Reserven verbraucht. Maras fühlte sich nicht wesentlich besser. Oder lebendiger. Verdammte Emonen! Das ganze Labor hatte an Farbe verloren, so schien es Maras. Als läge ein Grauschleier über ihren Augen. Tja, wir sind wieder in Kansas, Toto. Grimmig blickte sie zu ihrer Kollegin, die mit wild zerzausten Haaren an der Labortür zu Boden sank. „Noch mehr schlaue Ideen, Art?“

„He, es stand so im Handbuch!“ Artemis Ravenna wedelte mit dem dünnen Papierheft, das man ihnen in der Unwesen-Abteilung in die Hand gedrückt hatte, als sie mit den frischgefangenen Emonen angekommen waren. Emonen-Umkonditionierung für Dummies. „Uns fällt schon etwas anderes ein.“ Aus irgendeinem Grund brachte Art immer noch ein Lächeln zustande – trotz des Veilchens und der ungesunden Gesichtsfarbe. Maras behauptete gern, dass ihre Kollegin an krankhaftem Optimismus litt. „Guck nicht so biestig, Vanilla, meine Großmutter hat Emonen im Keller gezüchtet, ich kenne mich ein bisschen aus. Wenn Zahmstreicheln beim ersten Mal nicht klappt, wird’s beim vierten auch nicht besser.“
„Nenn mich nicht Vanilla“, knurrte Maras. „Und warum um alles in der Welt züchtet irgendjemand diese Mistviecher?“
„Wenn ich nachvollziehen könnte, warum irgendwer freiwillig Freudefresser im Haus hält, wäre ich garantiert nicht zur Scara gegangen.“ Art kam auf die Beine und zog einen Flachmann aus der Manteltasche. „Evan und ich waren nach jedem Oma-Besuch fix und fertig, aber unsere Eltern sagten immer bloß, wir sollen uns nicht so anstellen. Hier, trink das.“
„Ich trinke nicht im Dienst.“
„Versuch’s, es wird dir guttun. Ich habe es extra gebraut, als ich gesehen habe, dass wir dieses Jahr auf Emonenjagd gehen müssen.“
„Obwohl wir anderes zu tun hätten.“

Maras wurde es nicht leid, darauf herumzuhacken. Die Scara-Trupps waren für die Schemen-Aufsicht verantwortlich, und dafür, jene dingfest zu machen, die ihre magischen Kräfte missbrauchten – nicht um Viecher einzufangen. Dennoch nahm sie Artemis‘ Flachmann entgegen und schnupperte misstrauisch daran. Der Inhalt roch nicht nach Alkohol. Eher süßlich, nach Honig und Kräutern. Als sie einen Schluck nahm, schmeckte sie auch etwas Nussiges. Obwohl die Flüssigkeit kalt war, kroch die Wärme zurück in ihre Fingerspitzen. Das Labor eroberte so überraschend seine Farbe zurück, als wäre Dorothy geradewegs vom tristgrauen Kansas zurück nach Oz gestolpert. Das Atmen ging ebenfalls leichter.

„Wow“, murmelte Maras. „Therox? Woher hast du Therox?“
„Psst.“ Mit einem verschwörerischen Zwinkern nahm Artemis ihr den Flachmann aus der Hand und genehmigte sich selbst einen Schluck. Ihre Wangen verloren die ungesunde Blässe.
Erleichtert streckte Maras ihre ausgelaugten Arme – und versetzte der Kiste einen Fußtritt, als die Emonen erneut rappelten. Gierige Viecher! Kaum ging es ihr besser, witterten die Biester ihre nächste Mahlzeit!

Artemis seufzte leise. „Irgendwie habe ich mir die Weihnachtszeit anders vorgestellt.“
„Ich auch.“ Maras beobachtete, wie ihre Kollegin einen weiteren großen Schluck nahm. „Können wir die Viecher nicht einfach darin baden?“
Art verschluckte sich. „In Therox-Sud?“
„Wieso nicht?“ Maras zuckte mit den Schultern. „Therox ist ein Anti-Depressivum, und Emonen verschlimmern bei entsprechender Veranlagung Winterdepressionen. Wenn es uns gegen sie hilft, wieso sollte man die Biester damit also nicht auch umkonditionieren können?“

Unbeeindruckt hob Artemis eine Augenbraue. „Ich glaube, du brauchst eine Mütze Schlaf, van Nill.“

„Ach komm. Der blöde Zauber aus dem Handbuch funktioniert nicht, und die Talisman-Abteilung zeigt uns einen Vogel, wenn wir noch mehr von den Dingern nachordern.“ Maras warf ihr schrumpeliges Holzamulett in eine kleine Kiste – zu den zwanzig übrigen, die sie bei ihren Bemühungen schon verbraucht hatten. „Und ich würde gerne vor Heiligabend noch mal nach Hause. Was haben wir schon zu verlieren?“

„Zweihundert Euro.“ Art schmunzelte – ob wegen des hohen Betrages oder der Tatsache, dass die magische Gemeinde Englands, im Gegensatz zu ihren menschlichen Mitbürgern, die europäische Währung benutzte, blieb ihr Geheimnis. Sie gähnte und streckte die Schultern. „Na gut. Ich treibe noch mehr Therox auf, und du überlegst dir, wie zum Teufel wir diese kleinen Schnuckelchen in eine Badewanne kriegen. Ich glaube nämlich nicht, dass Emonen Wasser mögen.“

Die Kiste rappelte voller Zustimmung.

 

© Isabel Schwaak

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