11. Türchen

13-11

Spekulucius sog die Düfte ein. Apfelrotkohl, Gänsebrust und Ofenkartoffeln ließen ihn kalt, auch wenn der Tisch unter dem Festmahl der Weihnachtsfeier von Anderson & Co. kaum mehr zu sehen war. Nein, das wirklich leckere an dieser illustren Runde war Daniel Müller, der über seinen Wein hinwegstrahlte. Spekulucius schnüffelte. Zwei Jahre arbeitslos, und nun endlich angestellt in einer Firma, die sein Verkaufstalent zu schätzen wusste. Erleichterung, Dankbarkeit… köstlich! Spekulucius nahm sich einen letzten Moment, um zu beobachten, wie Daniel seinem Chef lebhaft eine Frage beantwortete, ehe er sich auf seiner Schulter niederließ und die Zähnchen gleich über Daniels Ohr versenkte. Oh du fröhliche Weihnachtszeit… Noch ein Happen. Und noch einen!

Aber was roch er da? Spekulucius reckte die Spitznase in die Höhe. Karla Bender, Sekretärin, die sich ebenso wenig um die Weihnachtsfeier scherte wie Spekulucius, sich dafür aber innig auf das anschließende Stelldichein mit ihrem Verlobten freute – Heimlichkeit gab junger Liebe eine besondere Würze, zumindest eine Zeitlang, doch Leo wollte sie an den Feiertagen seinen Eltern vorstellen. Endlich! Spekulucius ließ von Daniel ab und hechtete über den Tisch. Gierig sprang er auf Karlas Kopf. Oh, die Vorfreude, die Erregung, die Liebe … Weihnachten war das Fest der Liebe, in der Tat! Mahlzeit! Eigentlich war er schon satt, aber Karla Benders Vorfreude schmeckte zu gut … nur noch ein Häppchen …

Ruckartig hob Spekulucius den Kopf und witterte mit vollem Mund. Chef Anderson Senior musterte seine Angestellten mit einem verklärten Lächeln. Seit er Peter Heinz, diesen Stinkstiefel gefeuert hatte, war das Betriebsklima nicht länger vergiftet. Er hatte ein gutes Team, geradezu eine Ersatzfamilie – und nach dem Tod seiner geliebten Erika war eine Ersatzfamilie genau das, was er brauchte. Spekulucius leckte sich über die Lippen, die noch nach Karla Bender schmeckten, und wankte über die Tischplatte. Sein voller Bauch schluffte über die Teller, doch der Chef duftete nach dem unwiderstehlichen Glück von jemandem, der nach langer Zeit wieder einen Sinn im Leben gefunden hatte … Köstlich! Nachtisch! Für Nachtisch war immer Platz!

**

Daniel Müller drückte die Stirn an die Toilettentür. Sein Herz polterte, ihm war speiübel, obwohl er bereits das Abendessen erbrochen hatte. Die Panikattacke war so plötzlich gekommen, aus dem Nichts. „Ich kann da nicht wieder raus“, wisperte er der Toilettentür zu, „ich kann da nicht wieder raus!“ Anderson Senior durfte nichts von den Panikattacken wissen. Daniel war so froh, so dankbar über seinen Job, er konnte nicht schon wieder gefeuert werden! Und Anderson würde ihn ganz sicher feuern, wenn er herausfand, dass Daniel Müller unter einer Angststörung litt. Die Geheimniskrämerei kostete so viel Kraft … Vielleicht sollte er lieber gleich von sich aus kündigen? Dann würde er sich wenigstens die Demütigung ersparen …

Indes leerte Karla Bender ihr viertes Weinglas. Immer wieder starrte sie auf Leos SMS. „Schaffe es nicht um zehn, dieses Meeting nimmt einfach kein Ende. Sehen wir uns um elf? Oder lieber morgen?“ Meeting, natürlich! Pff! Wer hatte denn Meetings bis spätabends? An einem Samstag? Wahrscheinlich lag Leo mit einer Kollegin im Bett, diese hübsche, zierliche mit den arschlangen Haaren, wie hieß sie doch gleich … Wahrscheinlich hatte Leo Karla deshalb noch nicht seinen Eltern vorgestellt. Diese Heimlichtuerei, seit fünf Monaten, als würde er sich für sie schämen … nur, weil sie nicht studiert hatte! Aber das mit ihnen musste ja schiefgehen. Sie waren einfach zu verschieden. Vielleicht sollte sie lieber jetzt Schluss machen, bevor es noch mehr wehtat ….

**

Spekulucius rülpste genüsslich. In seinem aufgeblähten Bauch rumorte es, aber das Festmahl war es wert gewesen. Im Vorbeischweben tätschelte er den angeleinten Schäferhund, der vor dem Restaurant in der Kälte saß. Dann reichte seine Magie nicht mehr zum Schweben. Er ließ sich neben dem Hund in den Schnee fallen und rülpste erneut. Oh je. Vielleicht hatte er doch ein wenig zu viel gegessen…

Die Restauranttür öffnete sich, Schritte kamen näher.
„Ich bringe Sie noch nach Hause, Fräulein Bender.“
„Nein, Herr Anderson, sehr freundlich, aber ich will wirklich nicht-“
„Kommen Sie schon, Karla. Es ist doch nur-“
„Lassen Sie mich los. Herr Anderson, lassen Sie-“
„Ist doch nichts dabei.“
„Hören Sie, ich weiß, Sie vermissen Ihre Frau, aber… Lassen Sie…“

Spekulucius riss die Augen auf. Sein Magen machte hässliche Geräusche. Doch, doch, er hatte es eindeutig übertrieben! Verdammt, er wusste genau, warum er normalerweise gleich verschwand, wenn er gegessen hatte, aber sein Bauch war so voll … Es knallte. Als Spekulucius um die Ecke lugte, sah er gerade noch, wie Anderson Senior sich die Wange hielt und Karla Bender sich mit eiligen Schritten entfernte. Anderson vergrub das Gesicht in den Händen und murmelte etwas von wegen „Bist du durchgedreht?“ Und neben der Restauranttür presste sich Daniel Müller mit Magenschmerzen gegen die Hauswand. Spekulucius wich vor ihm zurück, doch er fing die Gefühle trotzdem auf – und die Gedanken.

„Ich bin gefeuert … ich bin gefeuert … wenn der Chef herausfindet, dass ich das hier mit angesehen habe … und wieso habe ich nichts gesagt? Ich hätte ihr helfen sollen … Feigling, verdammter Feigling…“

Unruhig blickte Spekulucius zwischen Anderson und Niklas hin und her und hielt sich den Bauch. Nun war ihm wirklich schlecht. Und es lag nicht an der Menge seines Abendessens.

„Geschieht dir Recht“, brummte der Schäferhund.
 

© Isabel Schwaak

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