12. Türchen

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Der Frost glitzerte auf den Tannenzweigen, während die Frau in Grün durch den Wald streifte. Ihre nackten, knorrigen Füße hinterließen keine Spuren, doch mittlerweile fror sie erbärmlich. Dies war einfach nicht ihre Jahreszeit, aber irgendjemand musste ja wach bleiben. Immerhin schliefen nicht alle ihre Kinder.

Sie legte ihre Hand auf die Wunde, die eine unachtsame Person in den Rumpf von Tochter Kiefer geschlagen hatte. Herzförmig, mit Buchstaben und einem Datum darin. Kieferchens Wimmern war zu leise. Kaum jemand hörte diese Art von Weinen, kaum jemand scherte sich um diese Art von Tätowierung. Harz klebte an ihren Fingerspitzen, zähes, erdig duftendes Blut. Die Frau in Grün sang leise. Unter ihren Händen und ihrer Stimme entspannte sich ihre Tochter langsam und seufzte erleichtert, als sich die Wunde verschloss. Das Herz verschwand, ebenso die groben Buchstaben und Zahlen.

Die Frau in Grün küsste zum Abschied die grobe Rinde. Es waren diese kleinen Wunden, um die sie sich im Vorbeigehen kümmerte, doch deswegen war sie nicht hergekommen. Sie suchte zwei weitere Töchter – Töchter, deren Wurzeln nicht so tief in die Erde ragten, die umherstreunten, obwohl sie bei diesen Temperaturen nicht hier draußen herumlaufen sollten. Besorgt blickte die Frau in Grün gen Westen. Sie würden doch nicht … nein, so dumm waren ihre Kinder nicht. Die Straße war viel zu nah. Man könnte sie sehen, wenn … Aber es würde zu ihnen passen. Ja, wenn die Frau in Grün so darüber nachdachte, sah es ihren Töchtern ähnlich, genau dorthin zu gehen. Seufzend setzte sie sich in Bewegung, Schritt für Schritt dem Waldrand entgegen. Sie roch den Asphalt und die Abgase, die noch wie Gespenster in der Nachtluft hingen. Das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen.

Endlich erreichte sie den Waldrand. Er grenzte gleich an ein Feld, und auf diesem Feld reihten sich, säuberlich, wie an Perlenschnüren, Babys aneinander. Ihre zarten Spitzen spielten mit dem Wind, die kleinen Nadeln piekten noch nicht gar so sehr. Die Frau in Grün seufzte. Verlorene Kinder. Sie hatte es längst aufgegeben, sie alle retten zu wollen, so sehr es sie auch schmerzte, doch ihre Töchter waren zu jung, zu idealistisch. Resigniert rief sie ihre Namen, zwei Mal. Sie erhielt keine Antwort, doch sie glaubte, Stimmen auf der anderen Seite des Feldes zu hören. Eilig stakste die Frau in Grün durch die Reihen der kleinen Bäume.

Und da, am Ende des Feldes, entdeckte sie ihre Töchter. Sie sahen Menschen zum Verwechseln ähnlich, im Mondlicht fiel der Grünstich auf ihrer braunen Haut nicht auf, oder die zweigige Knorrigkeit ihrer Hände, oder die Härte ihrer stacheligen Haare.

„Hört ihr wohl auf damit?“
„Mama!“ Erschrocken zuckten die Mädchen zusammen.
„Ihr sollt sie nicht ausgraben, wie oft muss ich es euch noch sagen?“ Vorwurfsvoll deutete sie auf die kleinen Fichten, die die Mädchen ausgebuddelt und in einem Erdenbett eines Anhängers zwischengelagert hatten. Sie hatten schon vor Jahren ihre Abscheu vor Automobilen überwunden und Fahren gelernt, als reines Mittel zum Zweck.
„Aber-“
„Kein aber. Ihr tut ihnen damit keinen Gefallen. Schaut euch doch um!“
Die Mädchen erwiderten trotzig ihren Blick. „Aber die werden sie abschneiden! Fällen! Die bringen sie um!“
„Ich weiß.“ Traurig streichelte die Frau in Grün den zarten Wipfel der Fichte, neben der sie stehen blieb. „Aber ich habe euch doch erklärt, dass-“
„Ja, ja!“ Ärgerlich kam ihre ältere Tochter auf die Beine. „Sie werden nur angepflanzt, um wieder gefällt zu werden. Bullshit! Das Argument funktioniert schon bei den Schweinezüchtern nicht!“
Die Frau in Grün seufzte. Dryaden! So mitfühlend, so zornig … so jung. Sie selbst kämpfte nach all den Jahren immer noch mit ihrer Selbstbeherrschung, doch für Baumgeister wurde der Winter jedes Jahr aufs Neue zur Zerreißprobe. „Wollt ihr jede Weihnachtsbaumfarm überfallen?“
„Wir können wenigstens ein paar von ihnen retten“, sagte ihre jüngere Tochter. Ihre Stachelhaare waren weicher, wie Lärchennadeln, doch ihre Miene blieb so hart wie die ihrer Schwester. „Machen wir so oder so – aber wenn du uns hilfst, geht es vielleicht schneller.“

Die Frau in Grün knirschte mit den Zähnen. „Und was ist mit denen, die wir nicht retten können?“

Die Dryaden schwiegen. Sie wussten alle, wie die Geschichte für jene ausgehen würde, die auf der Farm zurückblieben. Ein hübsches Gewand für ein paar Wochen, das über die schmerzhafte Wunde am Stamm hinwegtrösten sollte, Kugeln, Süßigkeiten, Licht (mit etwas Glück von Lichterketten, nicht von Kerzen – die Frau in Grün wusste, dass ihr Kumpel Cinn um Weihnachten gerne zu viel fraß) – und Bewunderung. Ein paar Abende im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, nur um dann langsam zu vertrocknen, aus dem Fenster geworfen und verbrannt zu werden. Ein hässlicher Tod. Das Herz der Frau in Grün zog sich schmerzhaft zusammen, doch sie zwang ihre Stimme zur Ruhe.

„Wo wollt ihr sie überhaupt hinbringen? Und wie wollt ihr euch um sie kümmern?“
Die beiden Dryaden tauschten einen kurzen Blick. „Tantchen hat doch dieses Grundstück, da ist noch Platz…“
„Na, Tantchen wird sich bedanken.“ Zögerlich trat die Frau in Grün dem Anhänger entgegen. Sie spürte die Erleichterung der Kleinen, die die Dryaden bereits ausgegraben hatten. „Schön, ich helfe euch. Aber nur noch dieses Jahr.“

Die Dryaden umarmten sie.

 

© Isabel Schwaak

 

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