13. Türchen

13-13

„Leia Zapf! Komm sofort von dem Baum runter!“

Das kleine Dappenmädchen, das bis gerade seelenruhig in den Ästen einer Blautanne gesessen hatte, rutschte beim Donnern der Stimme ihres Großvaters hastig den Stamm hinab. Moos, Tannennadeln und Pulverschnee bildeten ein weiches Kissen, doch das Mädchen fing sich trotzdem ein paar Kratzer ein.

„Autsch!“, fiepte Leia und begutachtete ihre Hände. Ihr Großvater hockte sich neben sie. „Ich hab’s dir gesagt, zum Klettern bist du noch zu klein“, sagte er sanft und pustete auf Leias ausgestreckte Hände.

„Hey, Brun!“, brüllte eine Frauenstimme quer über die Lichtung. „Das dappthing fängt gleich an, willst du nicht mal den Jungen aus der Bücherei holen?“

Mit einem tiefen Seufzer richtete Brun Zapf sich auf, hob seine Enkelin hoch und ließ sie auf seinen Rücken krabbeln.
„Was ist ein dappthing, Obba?“, lispelte Leia von oben, während ihr Großvater zurück in den Wald stapfte.
„Das weißt du doch, Kleines! Wenn sich alle Dappen unter Leitung des Bürgermeisters auf dem Dorfplatz versammeln, nennt man das dappthing. Und heute ist eben das Nucksdaach-dappthing.“
„Nucksdaach!“ Beim Gedanken an Glitzerlichter und das viele leckere Essen strahlte Leia über das ganze Gesicht. „Machen wir wieder Kerzen an?“
Brun ruckte ungehalten den Kopf. „Du machst keine Kerzen an, Fräulein! Letztes Jahr hast du fast den Festbaum angezündet!“

Leia schob die Unterlippe vor, während sie die Bücherei des Dörfchens Rumbach erreichten. „Aber doch nur, weil Pipo Nussling mich geschubst hat. Und Lanzo darf auch ‘ne Kerze halten.“
„Lanzo ist ja auch älter als du“, entgegnete Brun.
Just in diesem Moment schlurfte ein Dappenjunge aus der Bücherei, der alles andere als begeistert aussah, in die Kälte geschickt zu werden.
„Schur, jong!“, sagte Brun und setzte ächzend seine Enkelin ab, die mit einem hellen „Hallo, Lanzo!“ ihren Schal zurecht rückte. „Guck nicht so bräsig, gleich gibt’s essen!“
„Aber ich mag weiterlesen.“ Unwillig zog sich Lanzo Vierklee seine Wollmütze in die Stirn. „Ich habe ein Buch über Feen gefunden! Wisst ihr, dass es die wirklich gibt? Das sind Geisterkinder, und die haben Nucksdaach erfunden, aber bei denen hieß das Pimpernuckel, und-“

Ein rundlicher Dapp in Bruns Alter trat hinter dem Jungen aus der Bücherei und schloss die Tür ab. „Schur, Brun! Richte mal Hanmar, dem alten Lälles, aus, dass er seinen Sohnemann in der Spinnerei an die Arbeit tun soll. Der macht ja nichts anderes mehr als lesen!“

Brun nickte. „Sage ich schon seit Jahren! Im Fichtenweg heißt es schon: ‚Vierklees Lanzo ist erst acht Jahre alt und hat die halbe Bücherei ausgelesen.’“ Nicht, dass er es dem Jungen verübeln konnte, dass er sich in ferne Welten las, nachdem unlängst seine Mutter gestorben war.

Der andere Dapp schüttelte den Kopf. „Inzwischen wird er sie ganz gelesen haben.“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Dorfplatz, wo Lanzos Vater sich gerade allergrößte Mühe gab, die sorgfältig aufgestellten Kerzenleuchter vor dem schwankenden Bürgermeister Eichelkron in Sicherheit zu bringen. „Ich hasse Dorfdienst“, stöhnte er, als er schließlich zu Brun und den Kindern gesellte. „Vor allem, wenn der Bürgermeister schon vor dem Thing zu tief ins Glas geschaut hat.“ Der frisch verwitwete Hanmar Vierklee machte sich keine Mühe, zu verbergen, dass ihm nicht nach Feiern zumute war. Seine Hände wanden sich ein wenig zu fest um Lanzos Schultern, als hätte er Angst, den Jungen auch noch zu verlieren.

„Warum läuft der Bürgermeister denn so komisch?“, flüsterte Leia. Lanzo setzte lautstark zu einer Antwort an, doch sein Vater hielt ihm den Mund zu und drückte ihm eine Kerze in die Hand.

Der Bürgermeister räusperte sich und – ein Nucksdaach-Wunder! – Stille legte sich über die versammelten Dappen von Rumbach.

„Liebe Freunde“, sagte Eichelkron, und war trotz schwerer Zunge erstaunlich gut in der Lage, verständliche Worte zu formen, „daa die liebe Lisbeth Zapf es ein wenig zu gut gemeint hat mit dem Honigmet-“

Brun drehte sich zu seiner Frau um. „Du hast doch gesagt, du wolltest nicht mehr-“

„Wir wollen doch heute noch nach Hause, oder nicht?“ Lisbeth grunzte. „Wenn er seine ganze Rede hält, sind die Duffeln kalt und wir verhungern. Also guck nicht so zwersch!“

Brun biss sich auf die Lippen. Neben ihm kicherte Lanzo, dass sein Kerzenlicht beinahe ausging.

„…aalso kommen wir direkt ssum schönen Teil des Things und lassen uns erleuchten.“ Der Bürgermeister gluckste vergnügt und zwinkerte; die Rumbacher verdrehten bei der schlechten Überleitung die Augen. Doch gleich darauf entzündeten die Dappen in halbwegs feierlicher Laune die übrigen Kerzen. Der Dorfplatz erstrahlte in einem warmen, goldenen Licht, über ihnen, im Festbaum, glänzten kleine Sterne aus Belrohilharz.

„Darf ich mithalten?“, flüsterte Leia, und Lanzo senkte seinen Arm, sodass das Dappenmädchen zumindest so tun konnte, als würde sie ebenfalls eine Kerze tragen.

Die Dappen begannen zu singen, in jener eigentümlichen Mischform aus den Weisen der Zwerge und der Menschen, und wenn man die Ohren spitzte, konnte man hören, wie auch in den Nachbardörfern des Waldviertels Laubheim die Nucksdaachs-Gesänge durch die Luft wehten.

Eine gute Stunde sangen sie. Leia gähnte bereits nach dem dritten Lied, Lanzos verklärter Blick verriet Brun schon bei der zweiten Ballade, dass der Junge wieder ins Reich der Feen abschweifte – oder zu seiner Mutter, das konnte man bei dem kleinen Kerl so genau nie sagen. Lisbeths Magen knurrte, und als die Rumbacher Dappen endlich einhellig verstummten, seufzte Hanmar vernehmlich. Einige Herzschläge lang blickten sie versonnen auf die Kerzen. Brun zählte mit. Ganze fünf Herzschläge ertrugen die Rumbacher die Winterruhe. Brun nickte beeindruckt. Das war ein neuer Rekord. Rumbach wurde noch besinnlich!

„So!“, durchbrach ein begeisterter Ruf die Stille, „und jetzt gibt’s Essen!“

© Isabel Schwaak

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