14. Türchen

13-14

14. Dezember 1947, New York City, Manhattan – Weihnachtskongress der Nosfera-Tours GmbH

„Blut und Zimt ist wirklich eine schräge Mischung“, stellte Moira zwischen zwei Schlucken Scotch fest.

Ihre hübsche Gesprächspartnerin verdrehte die Augen und bleckte ihre Reißzähne. „Ich bin auch kein großer Freund davon, aber die Leute laufen Amok, wenn sie zu Weihnachten keine Gewürze kriegen.“ Obwohl sie ihr Cocktailglas mit dem roten Inhalt und der dekorativen Zimtstange ausgesprochen feindselig musterte, nippte sie daran. „Haben Sie weitere Fragen, Miss Bran?“
„Eine noch, Madame Báthory.“ Moira tippte mit dem Kugelschreiber auf ihren Notizblock. „Warum veranstalten Sie den Kongress dieses Jahr ausgerechnet in New York? Wäre es nicht sicherer für Sie gewesen, sich an einem Ort zu treffen, der nicht so-“
„Da fragen Sie besser Mr. Harrison“, fiel ihr Madame Báthory ins Wort. „Ich wollte von Anfang an nicht herkommen. New York ist schrecklich – schrecklich! Aber Harrison hat zwei Jahre rumgejammert, also …“ Sie zuckte mit den Schultern, leerte ihren Zimt-Blut-Cocktail und ließ Moira stehen.

Die seufzte entnervt auf und zuckte zusammen, als etwas Heißes auf ihrer Schulter landete. Wo immer sie sich den Abend über hinstellte, bekam sie Kerzenwachs von dem überdimensionalen, schwebenden Adventskranz ab! Wer hatte sich diesen Humbug ausgedacht? Eilig wischte sie sich den Wachstropfen von der Schulter und huschte zum Rand des Festsaals. Überall tanzten Vampire, eine kleine Big Band auf der Bühne gab morbide Versionen von Weihnachtsliedern zum Besten. Madame Báthory stolzierte durch den Saal, hinüber zu dem Tisch, wo eine Handvoll Untoter die Köpfe zusammensteckten und wichtige Dinge besprachen – etwa die Sicherheit von vampirischen Jugendherbergen in Amsterdam, die Diskriminierung von Vampirkindern durch die Zahnfee und die Schwierigkeit, Blutflecken aus Wichtelseide zu entfernen.

„Und? Wie lange müssen wir noch?“ Rose Vesner erschien neben Moira. Ihre Finger umklammerten die Kamera. Offenbar hatte auch sie die bleichen Menschen gesehen, die auf dem Sofa im Foyer schliefen. Als Moira zuletzt an ihnen vorbeigekommen war, hatten sie noch genug Puls gehabt. „Sind Sie durch mit den Interviews?“
„Nein.“ Moira bot ihr das Scotchglas an.
Rose strafte sie mit einem missbilligenden Blick. „Sind Sie lebensmüde, auf so einer Veranstaltung zu trinken?“
„Ich wäre lebensmüde, wenn ich die Gastfreundschaft der Nosfera-Tours missachten würde.“ Demonstrativ nahm Moira einen Schluck. „Keine Ahnung, wie lange wir noch müssen, Miss Vesner. Vampire sind nicht in der Lage, einfache Fragen kurz und knackig zu beantworten. Geben Sie mir noch zwei, drei Vorstandsmitglieder Zeit, dann habe ich vielleicht eine ordentliche Antwort darauf, was sie hier genau treiben. Außer sich zu betrinken und Weihnachten zu feiern, natürlich.“
„Ach, dann wissen Sie auch nicht, ob das hier ein Wirtschafts- oder ein Tourismus-Kongress oder eine Veranstaltung zur Förderung des internationalen harmonischen vampirischen Miteinanders ist?“ Hastig hob Rose ihre Kamera, um einen Schnappschuss von zwei swingtanzenden Texanern einzufangen.
„Vielleicht alles zugleich.“ Moiras Mundwinkel zuckten. „Und natürlich eine Entschuldigung für Zimtblut B Negativ.“
„Hören Sie bloß auf, mir wird schon von dem Geruch schlecht.“ Rose schüttelte sich.

„Aber dank dieser kulinarischen Meisterleistung müssen wir hier heute Abend nicht in Schals und Winterjacken herumlaufen.“ Und dafür dankte Moira wahrlich den Sternen, denn im Festsaal war es unerhört heiß. Den Untoten konnte es wohl egal sein, die passten sich mehr oder minder ihrer Umgebungstemperatur an, doch lebende Vampire waren Frostbeulen erster Güte. „Wir haben mindestens zweiunddreißig Grad hier drin, ich bin froh, meinen Hals nicht verstecken zu müssen.“

„Sollten Sie aber vielleicht bald tun, Miss.“ Ein großer Mann mit dunklem Haar und sonorer Stimme trat zu ihnen. „Je später es wird, desto mehr haben unsere langzahnigen Freunde die Nase voll von konserviertem Blut. Ich habe gerade schon den beiden Herren vom Feen-Funk geraten, sich bald aus dem Staub zu machen.“
„Und Sie sind …?“
„Die Security.“ Der Mann lächelte. Seine Zähne waren nicht länger oder spitzer als Moiras eigene, doch sie war sicher, ihn vor einer Stunde am Blutbuffet gesehen zu haben. „Nicholas Berenson. Wenn Sie weitere Fragen zu dieser Veranstaltung haben, können Sie sich an unsere Pressestell-“
„Sir, wenn wir nur die Mitteilungen Ihrer Pressestelle abschreiben würden, hätten wir uns nicht die Mühe gemacht, bei dem Dreckswetter herzukommen“, unterbrach ihn Moira. „Wir gehen, sobald alle Interviews geführt sind.“
Nicholas Berenson krauste ärgerlich die Augenbrauen. „Miss, wenn es hier gefährlich für Sie wird, werfe ich Sie persönlich raus, Pressefreiheit oder nicht.“
Rose räusperte sich. Ihre Rehaugen fixierten die andere Seite des Festsaals. „Sir, sind Sie eigentlich auch für die Sicherheit der Vorstandsmitglieder verantwortlich?“
„Ja, wieso?“ Der Mann folgte ihrem Blick – und fluchte herzhaft, als er das Knäuel aus Armen, Beinen und rüden Schreien entdeckte, aus dem gelegentlich ein Eckzahn flog. „Scheiße, scheiße, verdammte Zecken!“

Interessiert beobachteten Moira und Rose, wie er (und drei weitere Security-Mitarbeiter) der Prügelei entgegensausten. Als die Sicherheitskräfte das Knäuel auseinanderrupften, erkannte Moira Olivier Richelieu, Livia Tharn, Carlos de la Pica Morales und Mr. Harrison höchstpersönlich. Mit einem schiefen Grinsen wandte sie sich an Rose, die bereits ihr Objektiv wechselte und den Untoten-Filter einsetzte.

„Förderung des internationalen harmonischen vampirischen Miteinanders. Eindeutig. Klappt ja wunderbar.“
„Hätten Sie den Sarkasmus nicht zur Abwechslung zur Hause lassen können, Miss Bran?“ Endlich beendete Rose ihr Gefuchtel an der Kamera.
„Das war kein Sarkasmus, Miss Vesner.“
Das ist harmonisch?“
„Klar. Sonst wären noch mehr Eckzähne in die Bowle geflogen.“ Moira leerte ihren Scotch. „Kommen Sie, wir fragen, warum sie sich ausgerechnet unter dem Weihnachtsbaum prügeln.“

 

© Isabel Schwaak

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