15. Türchen

13-15

Als er den Kerker betrat, glaubte Erigor noch steif und fest, dass die verschneite Stille über den Bergen das Schlimmste war – diese besondere Stille, die Aelfhen seit der Schlacht umgab und förmlich nach dem Tod schmeckte. Doch mit den ersten Schritten durch den engen Zellengang wurde er eines Besseren belehrt: Das Kreischen war viel schlimmer. Draußen hatte er davon nichts mitbekommen, die albischen Architekten hatten dafür gesorgt, dass die Kerker schalldicht blieben, damit die hohen Herrschaften im Schloss nichts von dem schauerlichen Treiben hier unten mitbekamen. Die Lurlennasfeierlichkeiten der Majestäten hatten nicht durch den Lärm der Gefangenen gestört zu werden. Mit verkniffenem Gesicht schritt Erigor zum Ende des Ganges, wo ein weiterer Soldat der Garde an dem schweren Eisengeländer Wache stand. Erigor winkte dem dunkelhaarigen Alben, der ihm ein halbherziges Lächeln schenkte.

„Grüß dich, Cindar. Sind das immer noch die Küken?“, rief Erigor.
„Wie bitte?“ Cindar zupfte sich zwei Wachspfropfen aus den Ohren. Erigor wiederholte seine Frage, nur um ein Augenverdrehen zu ernten. „Nein, unsere Drachenküken haben sich spontan in Katzenbabys verwandelt. Natürlich sind es die Drachenküken!“

Die beiden Alben reckten die Hälse und spähten über das Geländer. Unter ihnen gähnte ein ausladendes Verlies; ein zwergengearbeitetes, feuerfestes Gitter trennte sie von den drei kleinen Drachen, die dort unten einen Mordslärm veranstalteten. Sie waren aus den wenigen Eiern geschlüpft, die den Kampf um die Nester über den Bergen Aelfhens überlebt hatten. Die Zwerge hatten es wahrlich übertrieben – Alben neigten mittlerweile zur Vorsicht, wenn es um Drachen ging, allzu viele gab es schließlich nicht mehr. Aber die Väter waren regelrecht hingerichtet worden (die Kadaver wurden gerade wohl von Alchemisten aus Alawis und den zwergischen Giftmischern auseinandergenommen), die Mütter mit den Jungtieren geflohen, und nun warfen sich die Küken gegen die Wände, fauchten, kratzten, spien streichholzgroße Flämmchen aus und kreischten in so hohen Frequenzen, dass Erigor gequält das Gesicht verzog.

„Sie vermissen ihre Mütter“, sagte Cindar über den Lärm hinweg. „Wenn du mich fragst, hat Seine Majestät einen Dachschaden, die drei hier festzuhalten.“
„Dich fragt aber niemand“, erwiderte Erigor, „und mich auch nicht. Man will eben nicht hören, dass wir im Frühling eine fuchsteufelswilde Drachenmama am Hals haben.“
„Seine Majestät behauptet immer noch steif und fest, Aelfhen sei sicher.“ Cindar verzog den Mund.

„Ja, das hat er im Herbst auch behauptet.“ Demonstrativ schob Erigor sein langes, goldenes Haar beiseite und entblößte die lange Narbe an seinem Hals, die sich unter seiner Uniform bis zu den Rippenbögen zog. Sie schmerzte noch immer. Mit gereizten Drachenmüttern war wirklich nicht zu spaßen. Gelegentlich fragte er sich, warum bei allen Sternen er Soldat geworden war. Er hätte zu Hause in Raínvil bleiben können … Alben seines Ranges standen so viele Berufe offen, bei dene man keine Städte vor Drachen verteidigen musste.

Das Kreischen der Küken nahm einen schmerzlichen Ton an. Nun klangne sie eindeutig eher traurig als wütend. Erigor hatte keinen blassen Schimmer von Drachenlinguistik und Reptilienkommunikation, doch er war sicher, dass die drei tatsächlich nach ihren Eltern weinten.

„Hat Seine Majestät das Lurlennas-Mahl schon eröffnet?“, fragte Cindar leise.
„Ja, vor einer Viertelstunde. Der ganze Hof ist in der Wappenhalle. Warum?“ Erigor hob den Kopf. „Moment. Du willst doch nicht … Cindar, bist du wahnsinnig?“
„Sie sind bestimmt viel ruhiger, wenn sie sich wohlfühlen“, widersprach der dunkelhaarige Alb.
„Wann bist du denn zum Drachenversteher geworden?“ Wenig begeistert verschränkte Erigor die Arme.
„Es ist doch Lurlennas.“ Stur erwiderte Cindar seinen Blick. „Die längste Nacht des Jahres, saukalt und dunkel, sie haben Hunger und sind von ihren Familien getrennt…“
„Weißt du, Cindar, ich bin mir ziemlich sicher, dass Drachen kein Lurlennas feiern. Du projizierst nur.“
„Keineswegs, ich fühle mich ja einigermaßen wohl in Aelfhen – hab schließlich beste Gesellschaft.“ Cindar schmunzelte und stupste Erigor mit dem Ellbogen an. „Komm schon, geben wir ihnen ein bisschen was zu essen.“
Erigor seufzte. „Ich schwöre dir, wenn wir das Essen werden, sorge ich persönlich dafür, dass du aus der Garde geworfen wirst.“
„Dein Geist sorgt dafür, meinst du?“
„Erbsenzähler!“

– – –

„Ich hab’s dir doch gesagt, sie werden ruhiger, wenn man sie ordentlich füttert. Betonung auf ordentlich.“ Mit behandschuhten Fingern streichelte Cindar die scharfen Rückenschuppen des pechschwarzen Drachenkükens, aus dessen Nüstern es qualmte.

„Gib’s zu, du machst das nur, weil du immer noch Albträume von dem Himmelbuckler hast“, murmelte Erigor, dem das Küken, das um seine Waden strich, nicht geheuer war. „Du humpelst heute noch!“

„Die Kleinen können doch nichts dafür, dass mein Bein eine Stichflamme abbekommen hat.“ Cindar verfütterte einen Fuchs an sein Küken und bot ihm einen dampfenden Eimer Zwergenmet an. Die Küken tranken nur siedend heiße Flüssigkeit, so viel wussten sie inzwischen. „Und nein, ich mache das nicht zur Traumabewältigung.“

„Das ist doch völlig… oh!“ Gegen seinen Willen musste Erigor lachen. Der kleine, kobaltblaue Drache stemmte sich mit den kräftigen Beinchen nach oben und tastete mit der Zunge nach seinem Handschuh. Dabei brummelte er. Das Geräusch erinnerte Erigor auf verquere Weise an das Schnurren einer Katze. „Stell dir mal vor, wir bräuchten nichts vor ihnen zu verteidigen, weil sie keine Angst vor uns hätten…“

„Du weißt doch, dass es so nicht funktioniert.“ Cindar hinkte zum Eingang der Zelle, um den Nachtisch zu holen – die Wachen hatten rein zufällig herausgefunden, dass kleine Drachen Einhornmilch liebten. Sofort scharten sich die drei Küken um den Alb. „Wenn wir kein Gold hätten, dann würden sie uns in Ruhe lassen. Wenn Aelfhen weiter auf seinen Schätzen hockt, werden die Drachen auch weiterhin kommen.“

„Die Welt wäre ein besserer Ort ohne Gold.“ Erigor seufzte. „Schöne Lurlennas, du Knirps“, murmelte er dem Kobaltküken zu, während er ihm vorsichtig die warme, silbrige Milch in den Rachen träufelte.

 

© Isabel Schwaak

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