16. Türchen

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Die Frau in Blau amüsierte sich prächtig. Mit wehendem Rock und flatterndem Schattenhaar schlenderte sie zwischen den Ständen umher, genoss die Lichter, sog die Düfte ein und machte sich einen Spaß daraus, die Weihnachtsmarktbesucher mit den dicken Schneeflocken zu bewerfen, die Brr in den Norden geschickt hatte. Die Menschen hier ließen sich von dem Ostwind nicht aus der Ruhe bringen – sie freuten sich sogar, dass der Winter endlich angekommen war, und die Frau in Blau ließ sich von ihrer Freude anstecken. Sie mochte diese Stadt – zumindest dieses Viertel – ausgesprochen gern. Sie liebte ihre eigene Freiheit so sehr, wie konnte sie die Große Freiheit da verschmähen? Vielleicht lag es aber auch bloß am Wasser. Die Frau in Blau schürzte die Lippen und pfiff in die Abendluft, den Blick auf eine Dame geheftet, die in einem knappen roten Kostüm an ihr vorbeistakste und hastig den Puschelsaum gegen ihre Beine drückte, damit er nicht davonflog.

„Hey, Pusteblume, du sollst den Damen nicht immer die Röcke hochwehen!“
Die Frau in Blau blickte sich um. Ein Mann im schwarzen Mantel lehnte an einem Stehtisch und winkte ihr trübsinnig entgegen.
„Cinn! Moin! Was machst du denn hier?“
„Moin? Es ist sieben Uhr abends, liebe Anci.“
„Aber hier sagt man… Ach, Vergiss es. Was ist mit dir los?“ Die Frau in Blau gesellte sich an den Stehtisch.
„Du hast mich vorhin fast ausgepustet, ich bin nur müde.“ Cinn schenkte ihr ein erschöpftes Lächeln.
„Oh, entschuldige. Ich wusste nicht mal, dass du in der Stadt bist.“ Anci kniff die Augen zusammen. „Du siehst scheiße aus, Glühwürmchen.“
Zur Antwort zuckte Cinn bloß mit den Schultern. Seufzend hakte Anci sich bei ihm unter und zog ihn mit sich. „Wir suchen dir erst mal einen Kamin. Drinnen. Und dann erzählst du mir, was los ist.“
„Nichts ist los, eigentlich hatte ich einen schönen Tag, bis vorhin“, knurrte Cinn und ließ sich widerwillig zu einem Gebäude schleifen, das in wilden Neonfarben über dem Weihnachtsmarkt blinkte. „Anci? Was bitte treibst du in einem Stundenhotel?“
Anci grinste. „An den Rollläden klappern, natürlich, was sonst?“

Niemand nahm Notiz von ihnen, während sie die Treppe hinaufstiegen, bis sie ein winziges Zimmer im fünften Stock erreichten. Anci schloss sorgfältig die Tür ab. Das Zimmer hatte keinen Kamin, doch Cinn begnügte sich damit, sich in das Teelicht auf dem Fensterbrett zu kauern. Von dort aus bot sich ihn ein interessanter Ausblick auf den kirmesartigen Weihnachtsmarkt.

„Du guckst so traurig.“ Anci ließ sich auf dem schäbigen Bett nieder. „Ist es wieder wegen deinem Hexchen? Du wirst jeden Herbst traurig, wenn du an eure Kennenlernzeit denkst, dann geht’s wieder, und kurz vor der Wintersonnenwende … – Okay, ich hör schon auf“, sagte sie hastig, als das Teelicht sie böse anflackerte. „Aber irgendetwas stimmt doch… Moment.“ Ruckartig erhob sie sich. „Beweg dich nicht.“

„Witzbold!“, muffelte das Teelicht, hörte jedoch jäh auf zu flackern, während Anci sich dem Fenster näherte. Cinn fürchtete schon, ihre plötzliche Armbewegung würde in einem neuerlichen Windstoß enden, doch Anci knallte die Handfläche gegen die Fensterscheibe. Ein hässliches Quieken ertönte, Ancis Hand verkrampfte, als hielte sie etwas Unsichtbares. Sie schüttelte die Hand, zweimal, dreimal, und schlug das unsichtbare Etwas schließlich unsanft gegen ihren blauen Rock. Als sich nichts tat, stieß sie einen schrillen Pfiff aus. Luft strömte aus ihren Fingerspitzen, schwoll zu einem Sturm an. Ein widerliches Kreischen ertönte – und plötzlich rissen Ancis Fingerwinde den Unsichtbarkeitszauber davon. Das Etwas wurde sichtbar, aber es war kein schöner Anblick.

„Aha!“ Ein Funken sprang aus dem Teelicht und wurde prompt wieder zu dem Mann in Schwarz. Interessiert musterte Cinn das Wesen. „Was haben wir denn da?“
„Bäh“, machte Anci, doch sie ließ das haarige Wesen nicht los, das noch immer in ihrem Klammergriff strampelte. Es hatte eine große Spitznase, drei Hörner ragten aus dem flaumigen Stirnfell, die scharfen Zähnchen schnappten nach Anci und der stachelbewährte Schwanz piekte nach ihrem Bein. „Ein Kannibale!“
„Kannibale, pah!“ Das Wesen spuckte auf den schmutzigen Teppich. „In der Not frisst der Teufel Fliegen und unsereins knabbert eben Dämonen an!“
„Dämonen! Also wirklich!“ Empört schlug Anci das Wesen noch einmal gegen ihren Rock.
„Seid ihr doch!“ Das Wesen streckte ihr unbeeindruckt die Zunge heraus.
„Für dich immer noch ‚Geister‘“, fauchte Cinn. „Wo genau saß er, Anci?“
„Genau über dir.“
„Emonen! Ihr seid so dreist, es ist kaum zu glauben, dass wir von denselben Leuten abstammen!“
Das halte ich immer noch für ein Gerücht!“ Das Wesen verschränkte seine haarigen Ärmchen und zog die Beine an den pummeligen Körper, sodass er wie ein hässlicher Waschbär aussah.
Cinn seufzte. „Gut, dass du ihn gefunden hast“, sagte er zu Anci. „Mir geht’s schon viel besser. Was machen wir mit ihm?“
„Ich hab Hunger.“ Anci schmunzelte.
„Soll ich dir was braten?“ Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Cinns Lippen aus.
„EY! Ich kann euch hören!“ Der Emon strampelte.
„Oh ja!“ Anci sog die Luft ein. „Der kleine Wicht riecht nach … Spekulatius. Packen wir ihn mit Äpfeln und Mandeln in den Backofen!“
„Spekulucius, nicht Spekulatius!“ Erneut versuchte der Emon, sie zu beißen. „Und ich schmecke nicht! Ihr seid die Kannibalen, jawohl!“
„Oh, doch, ich wette, du schmeckst ganz fantastisch, du gieriger Zwerg!“ Cinn streckte den Zeigefinger aus und kitzelte den flauschigen Bauch des Emons. Noch während er den Finger bewegte, schoss eine Stichflamme aus der Kuppe. Das Wesen kreischte. „Pass auf, Kleiner, du machst dich noch nass.“
„Dir geht’s ja wirklich wieder gut“, kommentierte Anci. Missbilligung schlich sich in ihren Tonfall – bei Quälerei hörte der Spaß auf, so wenig sie Emonen auch leiden konnte. Das Wesen wimmerte und schlotterte vor Angst. „Wir könnten ihn auch zurückschicken.“
„Zurück wohin?“ Cinn wandte die Augen nicht ab von dem strampelnden Emon. Noch immer flackerte die Stichflamme an seinem Finger.
„Na, zurück.“
Endlich hob Cinn den Kopf. „Das können wir doch gar nicht.“
Anci lächelte. „Aber wir kennen jemanden, der es kann.“
„Was habt ihr vor?“, quäkte der Emon.
„Dir eine Lektion erteilen.“ Anci ließ ihn los. Spekulucius plumpste auf den Teppich und versuchte, davonzukrabbeln, doch Cinns Fuß landete auf seinem Schwanz. Ängstlich blickte Spekulucius zwischen den beiden hin und her. Er hatte doch gewusst, dass es riskant war, sich mit Dämonen anzulegen!

 

© Isabel Schwaak

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