17. Türchen

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Die Alchemistin ruckte unwirsch mit dem Kopf. „Ich weiß immer noch nicht, was Sie von mir wollen, guter Mann, aber Sie behindern meine Arbeit. Ich habe einen Abgabetermin, wissen Sie?“

Sie kippte die dampfende rote Flüssigkeit aus ihrem Messbecher in einen Kupferkessel. Prompt rumste es in dem bauchigen Gefäß, schneeweißer Rauch füllte das Zimmer. Auf der anderen Seite des Herdes hustete und prustete jemand und fluchte herzhaft. Die Alchemistin hoffte schon, der Eindringling sei ohnmächtig geworden oder verschwunden, doch dann tauchte ein zorniges, ziegelsteinrotes Gesichtchen aus dem Qualm auf.

„Erzählen Sie mir nichts von Abgabeterminen, Fräulein!“ Der kleine Mann stieß ihr den Zeigefinger in die Bauchgegend (weiter reichten seine Arme nicht). „Ich weiß alles über Fristen, und – he!“ Er wich der Mistelsichel aus, mit der die Alchemistin nach ihm fuchtelte. „Edda, lassen Sie uns doch vernünftig miteinander-“

„Für Sie immer noch ‚Fräulein Galunian‘.“ Die Alchemistin wedelte den Qualm beiseite und streute eine halbe Handvoll kleingerebelter Misteln in den Kessel. „Sie sind hier reingestürmt wie ein wildgewordener Giftzwerg – zu einem beschissenen Zeitpunkt, wenn ich das so sagen darf.“
„Sie drücken sich nicht gerade damenhaft aus, Frau Hexe. Aber Manieren darf man wohl nicht erwarten von einer Hexe, die anständigen Leuten die Arbeit wegnimmt!“ Der kleine Mann stampfte mit dem Fuß auf und raufte sich die Haare.

Edda Galunian runzelte irritiert die Stirn. Seit der Kerl in ihr Labor gefegt war, fragte sie sich, ob sie ein großes Kind oder einen kindischen Mann vor sich hatte. „Ich nehme niemandem die Arbeit weg. Ich bin Alchemistin und Heilerin in der Drachengilde von Alawis, hiermit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, ob es Ihnen passt oder nicht, Herr…“

Sie hob die Brauen, doch das Männlein stierte nur böse zurück. Edda zuckte mit den Schultern und beugte sich erneut über ihren Kessel, der mittlerweile einen bestialischen Gestank ausdünstete. Die Arbeit mit Feuerechsen-Urin war nichts für schwache Nasen. „Ich weiß nicht einmal, warum Sie ausgerechnet zu mir kommen, in Alawis arbeiten an die neunzig Alchemisten.“
„Umso schlimmer!“ Der kleine Mann spuckte auf den Boden.
„Wischen Sie das weg, das ist unhygienisch!“ Eddas Geduldsfaden dehnte sich bedrohlich aus. „Und dann verschwinden Sie! Ich habe zu arbeiten.“
Meine Arbeit! Das ist meine Arbeit! Wenn jeder rumlaufen und unedle Dinge zu Gold machen würde-“
„Ehm.“ Edda hob die Brauen. „Es ist der Beruf eines guten Alchemisten, unedle Dinge zu wertvollen Stoffen zu machen-“
„Unfug!“
„-und wir legen es, wissen die Geister, nicht auf das Gold an. Zumindest nicht in Alawis. Das ist uns eher zufällig passiert, als wir versucht haben, Drachenblut-“
„Papperlapapp!“ Das Männlein grunzte. „Zufällig! Niemand erschafft zufällig Gold!“
„Ach!“ Edda verschränkte die Arme. „Sie haben also vorsätzlich so lange Stroh verwuschelt, bis es sich in Gold verwandelt hat, ja?“
„Das ist doch etwas völlig anderes!“
„Wenn die Stroh-zu-Gold-Sache etwas völlig anderes ist, dann weiß ich wirklich nicht, warum Sie mir meine Zeit stehlen.“ Edda piekte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Wir halten Sie ganz bestimmt nicht davon ab, Pflanzen zu Gold zu machen, auch wenn wir es im Umgang mit Menschen nicht für ratsam halten, Gold aus dem Nichts zu schaffen. Machen Sie, was Sie wollen, aber lassen Sie uns in Ruhe!“
„Sie schaffen aber doch auch Gold aus dem nichts!“, erwiderte das Männlein bockig.

„Keineswegs.“ Entnervt Edda tröpfelte ein grünliches, muffig riechendes Harz in ihren Kessel, aus dem gleich darauf dichter, dunkler Qualm aufstieg. „Gold ist ein Abfallprodukt von der Arbeit mit Drachenschuppen, wir legen es wirklich nicht darauf an. Wir haben ganz andere Probleme, wissen Sie?“ Langsam verzog sich der Rauch. Als sie erneut in den ersten Kessel lugte, war die Flüssigkeit zu einer kleinen Pfütze zusammengeschrumpft – eine dunkelrote Pfütze, unter der der Kesselboden golden glänzte. Edda presste die Lippen aufeinander. „Ehrlich gesagt ist das Gold, das sich hier ständig ungefragt bildet, eher hinderlich für unsere Arbeit, Herr Stilzchen.“
Das Männlein riss die Augen auf. „Wie bitte?“
„Ja, ich weiß, wie Sie heißen.“ Edda verdrehte die Augen. „Jeder Alchemist hat von Ihnen gehört. In der Ausbildung sagen sie uns: Kann sein, dass ein kleiner Choleriker bei dir vorbeischaut und dir deine Arbeit verbieten will, weil er Angst vor Konkurrenz hat. Rump L. Stilzchen, belästigt Alchemisten seit dem dreihundertsechszigsten Jahr der Geisterzeit.“ Sie schenkte ihm ein humorloses Grinsen. „Verschwinden Sie. Sie haben sich den allerschlechtesten Zeitpunkt ausgesucht.“

Der kleine Mann starrte mit schmalen Augen zurück, der Mund nur ein dünner Strich unter der spitzen Nase. Dann, mit einem hässlichen Knall, verschwand er, und Edda sackte über ihrem Stinkekessel zusammen. Ihr Leben wäre so viel leichter, wenn ihr größtes Problem darin bestünde, Stroh zu Gold zu machen!

 

© Isabel Schwaak

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