18. Türchen

13-1818. Dezember 1947, New York, Manhattan, Redaktion der Paranormal Gazette

„Ich kann so nicht arbeiten!“ Moira Bran zerknüllte die dritte Version ihres Artikels über die Nosfera-Tours-Weihnachtsfeier, die sie gerade von ihrem Chefredakteur zurückerhalten hatte. Auf dem zerknitterten Papier prangte Charles Sweeneys rottintige Handschrift: Das kannst du so nicht schreiben!

„Miss Bran, wären Sie so freundlich?“ Rose Vesner hob nicht einmal den Kopf. Sie war zu beschäftigt mit den Abzügen ihrer Fotos der Nosfera-Tours-Weihnachtsfeier, doch sie wedelte ungehalten den Zigarettenqualm fort.

Moira tat ihr den Gefallen und rauchte in eine andere Richtung. „Das ist Zensur! Diese Veranstaltung war das reinste Chaos; sollen wir uns hinstellen und so tun, als würden die Herrschaften von Nosfera-Tours irgendetwas hinbekommen, ohne dass Zeter und Mordio geschrien wird?“ Sie machte sich nicht die Mühe, die Stimme zu senken. Charlies Bürotür stand offen, und er wusste recht genau, wie sie zu den jüngsten Einschränkungen stand. Prompt erschien sein bebrilltes Gesicht im Türrahmen.

„Wir können aber auch nicht schreiben, dass sich die Vorstandsmitglieder des mächtigsten internationalen Vampirkonzerns unter dem Weihnachtsbaum geprügelt haben!“
„Das haben sie aber“, sagte Rose. „Und daraus bestand nun einmal der Löwenanteil des Kongresses, Mr. Sweeney.“
„Danke, Miss Vesner.“ Moira zog an ihrer Zigarette und ignorierte den bösen Blick, den sie von Charlie erntete.
„Aber ihr hattet doch dieses Zitat von Harrison, oder nicht? Irgendetwas Hoffnungsfrohes…“
Moira verzog das Gesicht. „‚Wir werden uns auch in Zukunft bemühen, Vampiren auf der ganzen Welt sichere Reisen und Unterkünfte zu garantieren. Frohe Weihnachten.‘ Meinst du das? Das hat er aus der Nosfera-Broschüre vorgelesen.“ Frustriert räumte sie ihre Notizen zusammen.
„Und es wirkt auch gleich ganz anders, wenn man bedenkt, dass Madame Báthory ihm zwei Minuten nach seiner Rede die Nase blutig geschlagen hat.“ Rose wedelte mit einem Foto, auf dem sie die Handgreiflichkeiten festgehalten hatte.
Beim Anblick von Charlies rapide schwindender Gesichtsfarbe schlich sich ein Grinsen auf Moiras Lippen. „Könnte mir vorstellen, dass sich unsere Leser durchaus dafür interessieren, was hinter den Kulissen bei Nos-“
„Die machen uns die Hölle heiß!“
„Wer? Unsere Leser?“
„Nosfera-Tours!“ Charlie wischte sich das blonde Haar aus der Stirn. „Die machen uns die Hölle heiß, wenn wir sie durch den Kakao ziehen!“

„Seit wann ist ‚Berichterstattung‘ ‚durch den Kakao ziehen‘?“ Rose stemmte die Hände in die Hüften.
Danke, Miss Vesner.“ Moira drückte ihre Zigarette aus und schenkte sich Kaffee nach. An Tagen wie diesen verabscheute Moira ihren Chef inbrünstig. „Wenn du den Nosfera-Leuten nicht auf die Füße treten willst, Charlie, dann schreiben wir einfach gar nicht darüber. Aber ich werde mir keine Lügen aus den Fingern saugen, damit sie besser dastehen, obwohl sie sich wie eine Horde langzähniger Kindergartenkinder benehmen.“
„Schreib doch einfach über das, was sie erreichen wollen!“
„Die Ziele kann man in jeder billigen Broschüre nachlesen! Interessant ist doch vielmehr, dass sie seit sechs Jahren nichts davon umgesetzt haben.“
Charlie knirschte mit den Zähnen. „Konzentrier dich trotzdem auf die Ziele. So schwer ist das doch nicht.“ Bevor die geballte Wucht der moiraschen und rosischen Giftblicke ihn treffen konnte, verschwand er wieder in seinem Büro.

Moira und Rose tauschten ein säuerliches Seufzen.
„Was haben Sie eigentlich vor dem Maulkorb geschrieben?“ Rose räumte die Fotos zusammen.
Moira zuckte mit den Schultern. „‘Trotz gutem Willen schafft es die vampirische Gemeinschaft es weder, ein friedliches Miteinander auf nationaler und internationaler Ebene zu gewährleisten noch für eine angemessene Sicherheit zu sorgen‘. Und im Zweiten Anlauf: ‚Vampirischer Barkeeper versucht, gleich nach der Erneuerung des Anti-Beiß-Abkommens Gazette-Fotografin anzugreifen.‘“
„Sie haben über mich geschrieben?“ Rose blinzelte irritiert, doch Moira zuckte bloß mit den Schultern.
„War scheinbar auch zu kritisch. Zensur. Das ist Zensur, ich sage es Ihnen.“ Ungehalten füllte sie Roses Kaffeebecher auf. „Okay. Ziele. Die wollen eine internationale Jugendherbergsorganisation für Vampire einrichten, und Mr. Harrison will eine Art vampirische NYPD gründen-“
Rose spuckte beinahe ihren Kaffee über die Fotos. „Aber die hatten nicht einmal eine vampirische Security für ihren eigenen Kongress! Wie wollen sie da eine Polizei aus dem Boden stampfen?“
„Ich weiß, ich weiß… Und Madame Báthory will eine Beißschule für den Nachwuchs.“
„Madame Báthory will auch eine Regelung zur Unsichtbarkeit unästhetischer Personen.“ Rose verdrehte die Augen. „Diese Person hat einen großen Sockenschuss.“
„Vielleicht liegt es am Alter.“
„Am Alter, klar! Die Frau hat ein Tuch über einen Weihnachtsbaum geworfen, weil er zu klein und zu krumm war und drei Spitzen hatte.“
„Ja.“
„Danach hat es gebrannt! Das Tuch hat Feuer gefangen.“
„So ist das, wenn es brennt. Und der Baum sah wirklich nicht gut aus.“
„Das ist aber noch lange kein Grund, ihn zu verstecken! Warum grinsen Sie eigentlich so?“
„Sie ereifern sich so schön.“ Unter Roses eisigem Blick ertränkte Moira einen Keks in ihrem Kaffee. Die Diskussionen der letzten zwei Stunden waren allesamt blanker Unfug. „Wir könnten auch ein Porträt über Báthory schreiben. Immerhin ist sie ein hohes Tier in dem Verein. Genug Fotos haben Sie ja.“
Rose schnaubte. „Sie hat sich jedes Mal in den Vordergrund gedrängt, sobald sie die Kamera gesehen hat.“

„Kein Porträt über diese Frau!“, rief Charlie aus dem Nebenzimmer. „Die ist gruselig!“
„Sie ist ein Vampir, was erwartest du?“ Moira beugte sich über ihre Notizen. „Hast du Angst, sie könnte unsere Leser verschrecken?“
„Ja, und zwar zu Recht!“ Erneut erschien Charlies Kopf in der Tür. „Báthory! Bin ich der einzige, der bei dem Namen das kalte Grausen bekommt? Sagt euch der Name nichts?“
„Doch, natürlich, das ist die irre ungarische Gräfin, die im Blut von holden Jungfern gebadet hat, um schön zu bleiben. Das erklärt vielleicht so manche Eigensinnigkeit.“ Sie hob den Kopf und suchte Roses Blick. „Sie haben nicht zufällig ein Gruppenfoto gemacht?“

„Nur das hier.“ Rose reichte ihr ein Bild, das eine Horde Vampire unter dem schwebenden Adventskranz zeigte. In der ersten Reihe beschimpften sich ein untoter Texaner und ein lebender Franzose, Madame Báthory hatte offensichtlich Kerzenwachs ins Ohr bekommen, Mr. Harrison wurde von diversen Ellbogen aus dem Bild gedrängt.
„Okay“, sagte Moira laut. „Das nehmen wir. Und dazu eine kurze Meldung: ‚Nosfera-Tours beschließt engere internationale vampirische Zusammenarbeit. Alle hatten Spaß.‘ Punkt.“ Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Charlie kommentarlos wieder in seinem Büro verschwand. Moira senkte die Stimme. „Geben Sie mir noch mal das Bild mit Harrisons gebrochener Nase, Miss Vesner?“
Stirnrunzelnd trat Rose näher. „Ich dachte-“ Sie nickte der Bürotür zu.
„Spät genug einreichen heißt das Geheimnis“, wisperte Moira. „Und zwar nicht bei Charlie, sondern bei der Druckerei.“
„Miss Bran…“
„Nicht schön, aber notwendig.“ Moira angelte nach dem zweiten Entwurf ihres Artikels.

© Isabel Schwaak

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